Bedeutung von Algorithmen Neue Weltsprache

Algorithmen sind wie Zahnräder. Sie greifen ineinander, setzen die Mechanik in Bewegung.

(Foto: dpa)

Algorithmen bestimmen über unseren Alltag und über die Welt, in der wir leben. Nur - wer weiß schon, was ein Algorithmus ist? Höchste Zeit also, dass wir uns mit ihnen beschäftigen. Die Gründe dafür gehen weit über den Ärger mit Google, Amazon und NSA hinaus.

Von Andrian Kreye

Kurzer Blick in den Alltag: Heute schon was im Internet gesucht? Eine Nachricht verschickt? Bilder geguckt? Womöglich auf einem handtellergroßen Gerät? Der Komiker Louis C.K. beschrieb das mal als reine Magie. Dankbar sollte man sein, dass da etwas unsichtbar für einen arbeitet und in Sekundenbruchteilen erledigt, wofür man früher Stunden brauchte. Es ist im Jahr 2014 natürlich eine Binse, dass es die Algorithmen sind, die das tägliche Leben bestimmen. Meist war es großer Ärger, der sie ins Gespräch brachte - Google, Amazon, NSA. Alles weltumspannende Algorithmusmaschinen. Nur - wer weiß schon, was ein Algorithmus ist?

Es gibt gewichtige Gründe, sich jetzt und sofort damit zu beschäftigen, auch wenn die Mathematik zu den Wissenschaften gehört, die der Alltag und das Leben nach dem Schulabschluss in unergründliche Tiefen des Gedächtnisses verräumen. Die Gründe gehen weit über den Ärger mit Google, Amazon und NSA hinaus. Es hilft, wenn man die Mathematik als Sprache versteht. Denn es gibt eine neue Weltsprache - die Sprache der Maschinen. In dieser Sprache sind Algorithmen das Element, das die Entscheidungen fällt.

Noch ein Vergleich: Die Sprache, die in einer Gesellschaft die grundsätzlichen Entscheidungen fällt, ist die Sprache der Gesetze. Und hier liegt auch gleich der Grund, warum es so wichtig ist, sich mit der neuen Weltsprache auseinanderzusetzen. Sowohl Gesetze wie Algorithmen werden von Menschen geschrieben. Der Unterschied liegt darin, dass die Gesetze der kollektive Ausdruck einer Gesellschaft sind. Soziale Veränderungen und vor allem Werte formen Gesetze. Algorithmen aber werden von Ingenieuren geschrieben. Die sind keine Vertreter der Gesellschaft, sondern handeln im Dienst eines Instituts, einer Firma, eines Geheimdienstes oder auch nur für sich selbst. Wenn aber Algorithmen in der Welt der Maschinen die Sprache der Entscheidungen bilden, tut eine Gesellschaft gut daran, sich mit ihr zu beschäftigten.

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Kurzer Selbstversuch - das "Taschenbuch der Algorithmen", ein Lehrbuch, das es Studenten der theoretischen Informatik leicht machen soll, sich in diese neue Sprache einzufinden. Die Frustration kommt ähnlich rasch, wie bei Versuchen, Arabisch zu lernen, Chinesisch oder was einen sonst für Flausen reiten, sich aus dem indogermanischen Sprachraum zu entfernen. Da muss man offensichtlich erst einmal die nötigen Hirnwindungen zurechtbiegen, um nur eine Ahnung zu bekommen.

Man sucht also noch einfachere Bilder. Algorithmen sind mathematische Gleichungen, die in ihrer Summe ein Problem lösen. Das geht Schritt für Schritt. Betrachtet man ein Computerprogramm also als Maschine, wären die Programmiersprachen Gehäuse, Hebel, Kupplungen, die Algorithmen aber Zahnräder. Sie greifen ineinander, setzen die erste Mechanik in Bewegung, die zweite, die Maschine nimmt Fahrt auf und voilà - Google hat gerade herausgefunden, dass der Gauchotanz der Nationalelf irgendwie nicht in Ordnung war, aber dann wieder doch.

Oder vielleicht sucht man besser nach einem Video des Künstlerduos Fischli & Weiss, die mit ihrer Skulpturenserie "Der Lauf der Dinge" so etwas wie einen dadaistischen Algorithmus aus allerlei Materialien geschaffen haben. Da stoßen ein paar Reifen auf Metallringe, die ein Wasserrad in Gang setzen, das eine Platte kippt, auf der eine Dose ins Rutschen kommt, die ein Wägelchen mit zwei Klingen anschiebt und so weiter - rund zehn Minuten dauert der Ablauf, dem man mit Staunen folgt. So, wie man vermutlich mit Staunen einem Algorithmus folgen würde, verliefen die unzähligen Rechnungen nicht im Nanosekundentakt.