Apps für Tiere Pinguine auf Mäusejagd

Sie fangen Motten, Mäuse, Laserpunkte - oder malen mit ihren Tatzen und Schnäbeln, was ihnen in den Sinn kommt: Das "Game for Cats" und andere Touchscreen-Spiele, die speziell für Haustierpfoten gemacht wurden, verzeichnen siebenstellige Downloadzahlen.

Von Sophia Hollander, Wall Street Journal Deutschland

Anne Jane Grossman bringt Schülern in New York bei, wie sie ein iPad benutzen. Für Momente, wenn diese einmal abgelenkt sind, hat sie einen Trick: Sie schmiert Erdnussbutter über den Bildschirm.

Ein Schüler, ein ungarischer Jagdhund namens DJ Sam, stürzte sich dann augenblicklich wieder auf das iPad.

Die Hundetrainerin Grossman gibt seit einem Jahr Privatstunden zum iPad-Gebrauch. Etwa 25 Hundebesitzer haben ihre Tiere bereits angemeldet. Diese sollen unter anderem lernen, wie sie mit ihrer Nase den Bildschirm berühren, um Apps zu aktivieren.

Hunde können kein Online-Banking

"Manche Leute fragen mich, ob ich ihren Hund dazu bringen kann, ihr Online-Banking auf dem iPad zu erledigen", sagt Grossman. "Tatsächlich können Hunde auf einem iPad nicht besonders viel Nützliches tun. Aber ich beschäftige mich auf dem iPad auch oft mit Nutzlosem."

Grossman gehört zu einer wachsenden Gruppe von Menschen, die Apps für Haustiere einsetzt. Sie glaubt, dass Tiere, die alleine zu Hause sind, von Apps unterhalten werden, dass sie damit wichtige motorische Fähigkeiten erlangen und sogar ein besseres Sozialverhalten entwickeln können.

Es gibt auch Kritiker dieser Haustier-Apps. Zum Beispiel finden sie es nicht fair, eine Katze eine Bildschirmratte jagen zu lassen, die sie niemals fangen kann. "Ohne das Erfolgserlebnis bleibt die Katze durch dieses Spiel zu aufgekratzt", sagt Pam Johnson-Bennett, eine Verhaltensexpertin für Katzen.

Der Katzenbesitzer David Snetman aus Brooklyn wollte seine Katze namens Pickle so lange mit dem iPad spielen lassen, bis diese die Lust verlor. Eine Stunde später tapste sie immer noch über den Bildschirm. Pickle verlor zwar nie das Interesse an dem iPad, doch Snetman hat die Katze seitdem nicht mehr damit spielen lassen. "Es erscheint mir sehr frustrierend für ihn", sagt er.

App-Entwickler sehen da kein Problem. "Die Leute haben ein negatives Bild im Kopf von einem Zombie-Kind, das stundenlang den Fernseher anstarrt", sagt T.J. Fuller, der das beliebte Spiel "Game for Cats" mitentwickelt hat. "Ich glaube, für Katzen ist das anders." Die Spiele sind seiner Ansicht nach eine körperliche und geistige Herausforderung für die Tiere.

Er und sein Geschäftspartner Nate Murray hatten zuerst eine App für Kinder entwickelt, die zum Flop wurde. Mittlerweile haben sie drei iPad-Apps für Katzen, darunter eine, mit der Katzen auf dem Bildschirm malen können, sowie das Spiel "Game for Cats", bei dem Katzen einen Laserpunkt, eine Maus oder eine Motte einfangen sollen, die über den Bildschirm huschen. Murray sagt, dass die Apps mindestens eine Million Mal heruntergeladen wurden. Die Grundversion der Spiele ist kostenlos, andere Versionen kosten 1,99 Dollar.

Von Katzen gemalte Bilder verschenkt

"Am Anfang fand ich das ganze lächerlich, aber es wurde den Leuten wirklich wichtig", sagt Murray. Manche Tierhalter hätten Bilder, die ihre Katzen gemalt haben, ausgedruckt und als Geschenke verteilt, sagt er.

Im iTunes-Store gibt es mindestens ein Dutzend Apps für Haustiere. Zwar sind diese vor allem für Katzen und Hunde gemacht, doch auch Pinguine, Tiger und Frösche hätten sie bereits benutzt, sagen die Entwickler. Vor allem Pinguine lieben offenbar das Spiel "Game for Cats", sagt Fuller, jedoch: "Ich glaube nicht, dass dieser Markt besonders groß ist", sagt er.

Über ein Dutzend Magellan-Pinguine nutzen das Spiel regelmäßig im Aquarium of the Pacific in Long Beach (Kalifornien), sagt Dudley Wigdahl, Kurator für Säugetiere und Vögel. Anfangs sei er überrascht gewesen, als er die Pinguine sah, wie sie eifrig mit dem Schnabel auf den Bildschirm pickten und versuchten, die Maus zu fangen. "Das hat ihnen viel Spaß gemacht", sagt er. "Damit hatte ich nicht gerechnet."

App-Entwickler kopieren die Ideen

Der Erfolg hat aber auch dazu geführt, dass andere App-Entwickler ihre Idee kopieren, sagen Fuller und Murray. Kurz, nachdem sie ihr Spiel veröffentlicht hatten, brachte der Katzenfutterhersteller Friskies ebenfalls eine Serie katzenorientierter Apps heraus. "Es gibt hier einen Wettbewerb", sagt Fuller. Sein neustes Spiel namens Catzilla dürfte jedoch nicht zu einem solchen Unternehmen passen, sagt er. Dabei können Katzen eine Bildschirmstadt zerstören.

Das erfolgreichste Spiel von Friskies heißt "Cat Fishing" und sei schon über 500.000 Mal heruntergeladen worden, sagt Sprecherin Julie Catron. Die Fortsetzung, "Cat Fishing 2", spielt Miau-Geräusche ab, wenn die Katze das Interesse an dem Spiel verliert. Die Tierhalter können die Spielstatistik ihrer Katze dann per Social Media veröffentlichen. Die Spiele sind kostenlos.

Friskies hat bereits sieben iPad-Spiele veröffentlicht und dabei eine Fokusgruppe von sechs Katzen eingesetzt. Einige sind mittlerweile als "Gamer-Katzen" bekannt, sagt der Designer Eric Sutherland. Die Katze Gary zum Beispiel verbringt manchmal ganze Tage damit, im Wechsel 15 Minuten lang mit den Apps zu spielen und zu schlafen.

Im Tierheim werden Katzen mit iPads therapiert

Manche Apps haben ernstere Konzepte. Ein Tierheim in Los Angeles hat angefangen, Katzen mit iPads zu therapieren. "Scheue Katzen gehen dadurch mehr aus sich heraus", sagt Madeline Bernstein, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Tierquälerei in Los Angeles.

Durch die iPads konnte das Tierheim auch Spenden sammeln. Es wurden Karten mit Katzengemälden gedruckt und als Grußkarten verkauft. Bisher seien 600 Grußkartenpakete zu je 5,99 Dollar verkauft worden.

Für Hunde ist ein anderer Ansatz nötig, sagt Ben Kamens, der mit seinem Partner Jason Rosoff das Spiel "Game for Dogs" entwickelt hat. Sie haben den Hintergrund vereinfacht und den Kontrast zwischen dem Bildschirm und den virtuellen Tieren erhöht.

Die Entwickler haben die App zuerst bei Rosoffs Terrier Phoebe ausprobiert. "Wir sind jetzt an dem Punkt, da sie ganz verrückt wird, wenn sie das iPad sieht", sagt Kamens. "Sie denkt wohl, dass da Tiere drin sind."

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