Apple Watch Völlig vermessen

Ganz (nah) bei dir. Die Apple Watch misst mit.

(Foto: AP)

Nur eine vernetzte Uhr? Nein, sondern das Produkt des Glaubens an die völlige Perfektionierung von Mensch wie Material. So nah ist uns noch kein Produkt gekommen.

Von Bernd Graff

Die deutsche Pressestelle des amerikanischen High-Tech-Unternehmens Apple nennt die bereits im Herbst vorgestellte und nun bald im Handel erhältliche Apple Watch "das bisher persönlichste Produkt und die neueste innovative Ergänzung zum Ökosystem von Apple". Eine Formulierung, die einen erschaudern lassen kann - klingt sie doch, also ob etwas sehr Persönliches nur konzipiert wurde als Ergänzung des Ökosystems der global agierenden Silicon-Valley-Firma. Wie persönlich kann denn ein Produkt sein, wenn es sich auch nur wie ein Puzzlestein einfügt in ein weltweit ausgelegtes Mosaik, ein Produktportfolio, das die Silbe "Öko-" wohl nur zu Ökonomie ergänzt?

Der Grund, warum man die Formulierung jedoch nicht als Übersetzungs- oder Artikulationsschwäche der deutschen Apple-Presseabteilung abtun kann, liegt darin, dass sie ein weiteres Mal das Denken einer durch und durch positivistischen Firmen-Ideologie ausformuliert. Nach ihr zählt nur, was zählbar ist. So ist ja die Funktion der genauen Zeitmessung, also das, was eine Uhr früher zur Uhr machte, nur ein winziges Detail dieses neuen Produktes. Klar, auch diese Uhr wird Abweichungen vom Maß der Zeit nur im Millisekundenbereich zulassen.

Mein Körper ist eine Information. So nah ist uns noch kein Produkt gekommen

Viel entscheidender ist aber, dass ihre durch Apps erweiterten Funktionen, die weit über die reine Zeiterfassung hinausgehen, darauf ausgelegt sind, das gesamte Leben ihres Trägers zu vermessen - und zu versenden. So soll unter anderem der eigene Herzschlag nicht nur erfasst, sondern "auf außergewöhnliche Weise mit deinen Freunden kommuniziert" werden. Die Uhr registriert Bewegungen, empfiehlt Bewegungsziele und Kalorienverbrauch, sie "misst, wenn du dich bewegst und wie." Und nutzt ein Smartphone von Apple, um die Werte, Orte, verbrauchten Kalorien, Zeiten, Beschleunigungen und Distanzen exakt zu erfassen, zu speichern, auszuwerten. "Sie merkt sich sogar, wenn du aufstehst."

Begleiter in allen Preislagen

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Diese Übersetzung von körperlicher Aktivität in Messwerte und deren Einbindung in Kommunikationsnetze, die kontinuierliche Erfassung und Speicherung von persönlichen (Bewegungs-)Daten ermöglichen alle Smartwatches, nicht nur die von Apple. Sie stehen insgesamt für einen Trend der permanent durch Mess-Systeme kontrollierten Selbstoptimierung, der Erfassung und Auswertung also von eigener Aktivität. Was die Apple-Uhr aber den allermeisten Alternativsystemen (noch) voraushat, ist die Einleitung dieser persönlichsten Schlaf-, Gesundheits- und Bewegungsdaten in den großen Daten- und Nachrichtenstrom, den das Smartphone permanent empfängt und anzeigt. Wie es dann umgekehrt diesen Informationsfluss auch noch an das "persönlichste Produkt" weiterreicht.

Spam-Mail und Herzrhythmusstörungen, Kontostände und der Tratsch aus Social Media buhlen nun in demselben Informationsfenster um dieselbe Aufmerksamkeit. So sei es mit der Apple-Watch möglich, formuliert die Produktseite auf den wie immer selbstverzückten Appleservern, endlich den "Kontext anzuzeigen, der relevant ist für dein Leben und deinen Terminplan."

Man will Kunden körperlich in das Apple-Universum einbinden

Das sollte man sich dann doch einen Moment lang auf der Zunge zergehen lassen: Denn man kann nur behaupten, lebensrelevante Kontexte in einem Produkt abbilden zu können, wenn man daran glaubt, dass ein Leben wie ein Aktienkurs erfasst und angezeigt werden kann. Diese Uhr ist also nicht deswegen das "persönlichste" Produkt, weil man es anzieht und unmittelbar am Körper trägt. Sondern, weil darin der Glaube an die völlige Perfektionierung von Mensch wie Material durchscheint. Und vermittelt werden soll, dass sich das Persönlichste ebenso schick verrechnen, erfassen, vermitteln und darstellen lässt in einer komplett vermessenen Welt wie Bits und Bytes. Mein Körper ist eine Information. Und nicht nur meine. So nah ist uns dann wirklich noch kein Produkt gekommen.

Wenn man dann erfährt, dass die (sündhaft teure) Uhr als Ergänzung des Ökosystems von Apple gedacht ist, dann wird auch ersichtlich, was hinter allen Luxus-Versprechen an die Kunden noch steckt. Man will in Cupertino nicht mehr nur innovative Produkte an die Kundschaft bringen. Man will sie selber in das Apple-Universum einbinden. Und das nicht mehr nur als bloße Konsumenten von smarten Produkten mit dem Apfel-Logo, sondern körperlich eingebunden mit ihrer Körperlichkeit: den Herz-, Schlaf- und Gesundheitsrhythmen. Der Glaube dahinter ist ja derselbe: Was vermessen werden kann, kann auch optimiert werden.