Apple-Firmenkultur Mehr Krupp als Silicon Valley

Ein neues Buch liefert tiefe Einblicke in die Apple-Unternehmenskultur - und zeigt, dass Kontrolle und Geheimhaltung nicht nur nach außen, sondern auch im Unternehmen selbst entscheidende Faktoren sind. Steve Jobs' Führungsphilosophie erinnert so mit Abstand betrachtet mehr an Alfred Krupp und Henry Ford, als an den Geist des Silicon Valley.

Von Niklas Hofmann

Vorhänge in einem Apple-Store (Symbolbild): Keine Kultur der Offenheit, auch intern nicht.

(Foto: REUTERS)

Dass das Arbeiten für (ähnlich wohl wie auch das Leben mit) Steve Jobs nie etwas für ganz Kuschelbedürtige gewesen ist, war ja schon spätestens seit dem Erscheinen von Walter Isaacsons Biographie bekannt.

Und dass in den Nachrufen auf den Apple-Gründer die Begriffe "Gegenkultur" und "Hippie" vielleicht etwas zu häufig verwendet wurde, konnte einem ein Blick auf die Bedingungen in den chinesischen Fabriken des Zulieferers Foxconn genauso verraten, wie einer auf die Willkür, mit der Inhalte für den App-Store zugelassen wurden, oder eben nicht.

Auch Adam Lashinsky vom Wirtschaftsmagazin Fortune hat schon in der Vergangenheit über Jobs und seienn diktatorischen Führungsstil geschrieben. In dem Buch "Inside Apple" hat er jetzt die Ergebnisse langer Recherchen zur Apple-Firmenkultur, darunter vieler Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern, zusammengefasst.

Verschwiegenheit für den Marketing-Effekt

Und so konzentriert wie bei Lashinsky hat man dann noch nicht gelesen, wie stark eine Top-Down-Kultur von Kontrolle und Geheimhaltung das Innenleben des Unternehmens prägt. Auszüge aus dem Buch kann man auf Lashinskys Blog auf der Website von Fortune lesen. Ein ausführliches Interview mit ihm hat LinkedIn geführt und bei YouTube online gestellt.

Für die Wahrung seiner Geheimnisse nach außen hat Apple natürlich beste Gründe. Allerdings nimmt der Druck zur Verschwiegenheit laut Lashinsky solche Ausmaße an, dass Mitarbeiter sich selbst in ihrer Freizeit ernsthaft sorgen, ob die Unternehmenssicherheit ihre Gespräche belauschen könnte.

Bemerkenswert ist, dass es dabei nicht in erster Linie die Angst vor Industriespionage sein soll, die Apple antreibt. Stattdessen gehe es schlicht um den größtmöglichen Marketing-Effekt, der nur durch das totale Geheimnis entsteht, das um jedes neue Apple-Produkt gemacht wird. Marketing-Chef Phil Schiller wolle eben die Fanboys um jeden Preis in einer Spannung halten, die für Apple Millionen von Dollar bedeuten kann.

"Sektenhaft", auch in der internen Kommunikation

Geheimhaltung ist aber, schreibt Lashinsky, auch nach innen oberstes Prinzip. "Sektenhaft" sei die Firma in ihrer internen Kommunikation, nicht einmal ein Organigramm verrät den Mitarbeitern die Struktur des Unternehmens. "Die Hälfte der Leute darf einem nicht sagen, was sie macht, weil sie für ein Geheimprojekt eingestellt wurden", zitiert Lashinsky einen ehemaligen Manager aus der Marketingabteilung.

Vor jedem Meeting müsse der "Disclosure"-Status aller Teilnehmer geklärt werden, um zu wissen, wer was wissen darf. Und Lashinsky berichtet sogar, dass neue Mitarbeiter zunächst an Projekten arbeiteten, die in Wirklichkeit bloße Dummys seien, Tarnaufgaben, die die echten Neuentwicklungen verschleiern sollen. Dabei werde ohnehin erwartet, dass niemand mit Kollegen aus anderen Teams oder Abteilungen über die eigene Arbeit spreche.

Als die von Norman Foster entworfenen Pläne für das neue, ringförmige Apple-Hauptquartier in Cupertino bekannt wurden, ein Gebäude größer als das Pentagon, wunderten sich Architekturkritiker: Ein solches Haus der langen Wege schien ein Zeichen dafür, dass Jobs, der mit seinem Sinn für gutes Design so erfolgreich war, hier wohl die Reihenfolge von Form und Funktion verrutscht sein müsse.

Distanz als Teil der Personalstrategie

Wer Lashinsky liest, den beschleicht der Verdacht, dass die zukünftig immensen Distanzen zwischen den Mitarbeitern gerade die erwünschte Funktion sein könnten, dass sich die Angestellten bei Bedarf bald noch besser voneinander fern halten lassen, als bereits jetzt schon im "Infinite Loop", dem derzeitigen Firmensitz.

Apple unterschied sich unter Steve Jobs von anderen Großunternehmen (auch und gerade in der Unterhaltungselektronik) dadurch, dass das Haus nicht nach den betriebswirtschaftlichen Regeln der Business Schools geführt wurde, dass tatsächlich das Produkt im Mittelpunkt stand, nicht das Herbeifrisieren günstiger Quartalsergebnisse (die natürlich trotzdem stets gut aussahen).

Entsprechend schildert Lashinsky auch, wie weit oben in der internen Hierarchie des Ansehens die Entwickler und Ingenieure standen, ganz an der Spitze jene, die schon jahrzehntelang mit Jobs zusammengearbeitet haben. Abteilungen wie etwa der Vertrieb oder Human Resources lägen dagegen im Renommee ganz unten.

Darin erinnert Apple an viele jener Unternehmen, die im 19. oder frühen 20. Jahrhundert von Ingenieuren und Erfindern gegründet wurden - Gründerfiguren, denen es stets mit großem Ernst um ihr Produkt und seine Verbesserung ging, und die dem die kaufmännische Seite stets unterordneten.

Mehr Krupp als Silicon Valley

Jobs hatte mehr mit Alfred Krupp oder Henry Ford gemeinsam als mit irgendeinem Vorstand aus einem heutigen Dow-Jones-Unternehmen. Das war im Grunde bekannt. Glauben wir "Inside Apple", dann wissen wir jetzt aber auch, dass Jobs' Unternehmen und dessen "Befehls- und Gehorsams-Struktur" (Lashinsky) mehr mit der paternalistischen Firmenkultur des alten Krupp-Konzerns gemeinsam haben, als mit den unhierarchischen, flexiblen, offeneren Strukturen des Silicon Valley.

Von den Versprechungen einer neuen, irgendwie humaneren Arbeitswelt 2.0 ist bei Apple jedenfalls nach Lashinsky nichts zu spüren. Und das ist in dieser Deutlichkeit schon bemerkenswert.

Wenn Google-Chef Larry Page davon spricht, dass sich die Mitarbeiter seiner Firma wie in einer "Familie" fühlen sollten, für die alle möglichen gemeinsamen Freizeitaktivitäten organisiert werden, dann sei bei Apple zwar von Leidenschaft für die eigene Arbeit die Rede, aber das strikte Firmen-Regime mache die Entwickler eher zu Einzelgängern. Um "Spaß" bei der Arbeit geht es bei Apple jedenfalls ganz sicher nicht.

Das schmälert jedoch in keiner Weise Steve Jobs' Rolle als technischer Innovator. Und er bleibt eine beeindruckende Unternehmerpersönlichkeit. Nur mit irgendeiner Form von Gegenkultur hat es eben rein gar nichts