App-Ökonomie Warum die erfundene Prügel-App Rumblr so erfolgreich war

Die App, mit der man sich zum Schlägern verabredet, gibt es nun doch nicht. Im Gegensatz zur Pickelausdrück-App und jener, die speichert, wo man schon auf dem Klo war. Ja, wirklich.

Von Jürgen Schmieder

Okay, nun beruhigen wir uns alle wieder. Einatmen. Ausatmen. Puls senken. Es ist alles nicht echt, das Ende des Abendlandes ist noch nicht gekommen. Unsere Kinder, diese wunderbaren und einzigartigen Schneeflocken, vertraut mit politischer Korrektheit, mit der neuen Trend-Sportart Soulcycle vorbereitet auf körperliche Konfrontation und erzogen in der Gewissheit, dass bei sportlichen Wettkämpfen jeder einen Preis bekommt, diese Kinder werden sich künftig nicht in dunklen Hinterhöfen gegenseitig die Fresse polieren. Sie werden nicht über das Mobiltelefon einen Kampf mit einem völlig Fremden vereinbaren, Ort und Zeit für etwaige Schaulustige veröffentlichen und danach die Ergebnisse präsentieren. Die Applikation Rumblr, eine Mischung aus Tinder und Fight club, sie existiert nicht. Auch die Varianten RumblrHER (für rein weibliche Schlachten) und RumblrGROUP (für Rudelrangeleien) sind gefälscht. Ein paar Jungs wollten damit nur Werbung für ihre Agentur machen.

Es ist dennoch interessant, welche Aufmerksamkeit die gefälschte Applikation innerhalb weniger Tage erlangt hat. Der erste Twitter-Eintrag der Erfinder Jack Kim und Matt Henderson stammt vom 29. Oktober, bis jetzt hatten mehr als 300 000 Menschen versucht, sich für die sinnbefreite Prügelei anzumelden, mehr als 1000 Zeitungen und Newsportale weltweit hatten darüber berichtet, natürlich entwickelte sich auch ein Sturm der Empörung ob der bevorstehenden Barbarei. Kim und Henderson nutzen das zur Selbstbeweihräucherung und zum Sich-Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen. In einem Blog-Eintrag schreiben sie: "Wir wollten zeigen, dass wir eine Marke erschaffen und ein Produkt vermarkten können - das ist uns gelungen."

Natürlich sind Straßenkämpfe illegal, selbst wenn sie zuvor vereinbart worden sind - aber das schien die kampfwilligen Kunden von Rumblr nicht weiter zu stören. Sie würden sich wohl auch bei der App Erbr anmelden, bei der ihnen total seriöse Geschäftspartner aus Nigeria mehrere Millionen Euro aufs Konto überweisen, wenn sie ihnen nur die Bankdaten übermitteln. Oder Abnehmr, bei der den Kunden regelmäßig wirksame Wunderpillen zur Gewichtsreduktion zugeschickt werden. Nein, auch Erbr und Abnehmr gibt es nicht.

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Wahrscheinlich lässt sich der Wirbel um Rumblr nicht nur mit der Naivität und Aggression mancher Hundebesitzer erklären, sondern auch damit, welche Applikationen es tatsächlich gibt: die Pickelausdrück-Hilfe Pimple Popper etwa für die Freunde des Furunkel-Fummelns oder CryTranslator, das Babyrufe übersetzen möchte. Es gibt auch die gar nicht mal unwitzige Karte Places I've Pooped, durch die der Nutzer weiß, wo auf der Welt er schon sein Revier markiert hat. Schön ist auch PaperRacing, das Spiel für den geneigten Toilettenpapiersparer - es verliert beim Wettbewerb mit Freunden der, der zuerst ohne Papier auf der Schüssel hockt. Es gibt Passion, bei der ein Kunde während des Geschlechtsverkehrs sein Handy aufs Bett legt und danach erfährt, wie gut er war. Und wo wir schon beim Sex sind: IAmAMan zeigt dem Nutzer, welche seiner derzeitigen Sexualpartnerinnen nicht menstruiert. Wer von einer dieser vielen Partnerinnen beim Liebesspiel mit einer anderen erwischt wird und plötzlich ohne Freundin dasteht, der kann sich WatchingCuteGirl herunter laden - eine hübsche Frau starrt einen lächelnd an und sagt hin und wieder auch mal was Nettes. Und wer mal wieder eine Verabredung mit einem echten Menschen hat, der kann dieses Date per CrowdPilot an Freunde übertragen und sich Live-Tipps einholen.

Beim Blick auf all die Apps, die es tatsächlich gibt, wirkt die Empörung über Rumblr beinahe süß. Es können sich nun alle wieder beruhigen bis zum nächsten Shitstorm. Wobei die Frage erlaubt sein muss, warum es keine Anwendung gibt, die uns alle sogleich darauf hinweist, wenn wir uns tierisch über etwas aufregen müssen? Shitstormr hört sich doch prima an.