Anti-Acta-Demonstration in Berlin Vorbild Polen

Doch von der Demonstration abgehalten hat das viele scheinbar nicht. Sie stoßen sich an dem kleinen Wort "vorerst", wollen den Druck aufrechterhalten: "Wenn jetzt keiner mehr dagegen auf die Straße geht, dann ist das Interesse weg und still heimlich wird dann doch noch ratifiziert" ist etwa Martin überzeugt. Heute hier sein zu müssen, steht für ihn außer Frage: "Das betrifft doch unsere persönlichen Rechte, da müssen wir doch drauf aufmerksam machen" meint Martin, "das ist unsere demokratische Pflicht."

Und nicht nur der Anschein, dass nur vorläufig nicht unterschrieben wird, stört die Demonstranten, die sich bei Eiseskälte zur wummernden Techno-Musik aus dem Lautsprecher durch die Berliner Straßen schieben. Auch der Satz, Acta werde nicht ratifiziert, damit "Diskussionsbedarf ausgeräumt werden könne" stößt bei vielen auf Ablehnung. "Wir müssen doch die Diskussion nicht ausräumen, ganz im Gegenteil: Wir müssen die Diskussion offen zulassen", fordert etwa Nadine und zieht sich wieder ihre Guy Fawkes-Maske ins Gesicht, Hinter ihr verstecken sich hier viele, sie ist das Symbol der Occupy-Bewegung und der Netzaktivisten von Anonymous.

10.000 Menschen - so die Angabe der Veranstalter sind gekommen, die Polizei geht von 6000 Demonstranten aus. Vorbild für viele in Berlin ist die Anti-Acta-Bewegung in Polen, dort waren in den vergangenen Wochen immer wieder Tausende gegen das Abkommen auf die Straße gegangen. Polens Premier Ronald Tusk hatte daraufhin die Ratifizierung von Acta verweigert. "Die Bilder aus Polen haben uns definitiv sehr motiviert, heute hier dabei zu sein", sagt auch Demonstrant Torben, "das war sehr bewegend."

Er und sein Kumpel Basti sehen die Diskussion um eine Neuausrichtung des Urheberrechts differenziert: "Jeder soll für seine Arbeit Geld bekommen, das ist ja vollkommen in Ordnung. Aber die Musikindustrie erwirtschaftet ihr Geld mittlerweile auch über Kanäle wir YouTube, manche späteren Stars werden darüber erst bekannt", ist Basti überzeugt. "Es sollte die Freiheit eines jeden Künstlers sein, sein Material hier verbreiten zu können."

Mit-Demonstrant Moritz vertritt eine andere Sichtweise: "Ein Künstler, der seine Arbeit nur wegen des Geldes macht, ist ohnehin kein richtiger Künstler. Um die Mainstream-Industrie tut's mir nicht leid, wenn file-sharing ein bisschen deren Gewinn schmälert." Solch radikale Ansichten hört man hier oft. Vielen Jugendlichen geht es vor allem darum, auch weiterhin Inhalte im Netz kostenlos und frei zugänglich zu erhalten und diese weiterverbreiten zu dürfen. Und sie sind gegen die Speicherung ihrer Daten.

Diskutiert wird im Rahmen von Acta auch, inwiefern Provider von Internetseiten für die Urheberrechtsverletzungen ihrer User haftbar gemacht werden können. Entziehen könnte sich dieser Verantwortung nur, wer den Datenverkehr der Seiten-Besucher genau überwacht. "Ich habe Bedenken, dass bald Zustände totaler Überwachung herrschen", sagt etwa Schülerin Sandra. Sie möchte einfach nur eines: Weiterhin kostenlos im Netz die Folgen ihrer Lieblingsserie herunterladen können: "Sabrina - total verhext."