Anonymität im Internet Stärkere Elektroschocks mit Kapuzenmaske

Viele der Annahmen John Sulers sind mittlerweile mehr oder weniger gut durch empirische Studien bestätigt oder beruhen auf bekanntem Wissen. Der Psychologe Philip Zimbardo etwa hatte bereits 1969 eine Studie vorgestellt, der zufolge Probanden in einem Bestrafungsexperiment stärkere Elektroschocks verteilen, wenn sie eine Kapuzenmaske tragen.

Wie wichtig Augenkontakt für das Miteinander ist, wissen Verkehrspsychologen und eigentlich alle Autofahrer seit Langem: Menschen, die sich beim versehentlichen Anrempeln in der Fußgängerzone höflich entschuldigen, verwandeln sich am Steuer ihres Wagens zu rasenden Idioten. Auf der Autobahn ahnden sie bei Tempo 220 die kleinsten Fehler der anderen mit Lichthupe, obszönen Gesten und lebensgefährlichen Fahrmanövern. Auf der Datenautobahn verhält es sich ähnlich.

Vor Kurzem berichteten die Psychologen Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak von der Universität Haifa im Fachmagazin Computers in Human Behavior über ein einschlägiges Experiment: Die Forscher ließen 142 Studenten paarweise via Internet-Messenger über ein kontroverses Thema diskutieren. Mal blieben die Versuchsteilnehmer anonym und unsichtbar, mal wurden sie einander mit Namen und persönlichen Daten vorgestellt.

Weniger polemische Kommentare

In einem Setting sahen sich die Probanden grob über eine Webcam, in einem anderen hielten sie über eine weitere Webcam ständigen, engen Blickkontakt. Das Ergebnis: Der gegenseitige Blick in die Augen reduzierte die Anzahl der ruppigen und polemischen Kommentare - die "flames" - drastisch und verbesserte die Atmosphäre mehr als alle anderen Einflussfaktoren.

Es bleibt die peinliche Frage nach der Deutung dieser Studien. Was heißt es eigentlich für unser Selbstbild, wenn lediglich soziale Kontrolle verhindert, dass ein relevanter Teil der Internet-Nutzer zu pöbeln beginnt? Zeigt sich im Netz die wahre Natur der Menschen? Psychologe Suler widerspricht: "In verschiedenen Medien präsentieren Menschen verschiedene Seiten ihrer Identität", keine davon sei authentischer als die anderen. Zum Gesamtbild einer Persönlichkeit gehörten auch die funktionierenden Hemmmechanismen der realen Welt, schließt Suler versöhnlich.

Wer lieber einen kleinen Shitstorm anstoßen will, kann aber auch den psychoanalytisch inspirierten US-Literaturwissenschaftler Norman Holland zitieren: "Flaming gleicht dem Stinkefinger im Auto", schreibt Holland. Viele Männer identifizierten sich mit ihren Computern und produzierten dann phallische Phantasien: "In dieser Pseudokörperlichkeit geraten Männer dann leicht in Meiner-ist-größer-als-deiner-Spiele."