Amazon Kindle Paperwhite im Test Nur der Duft des Papiers fehlt

Amazon Kindle Paperwhite

(Foto: Amazon)

Der neue Kindle Paperwhite kann nur Texte gestochen scharf darstellen. Sonst nichts. Das macht er aber besser als jede Lese-App auf Smartphone oder Tablet-Computer.

Von Thorsten Riedl

Unglaublich, wie viele Geräte und Medien Smartphones und Tablets ersetzen: Bücher, Zeitungen, Musikspieler, Wetterstationen, DVD-Abspieler, Spielekonsolen ... Und dennoch gibt es noch immer neue Gadgets, die sich nur dem einen Zweck verschreiben und durch ihre Exzellenz in einem Bereich gegen die Alleskönner punkten wollen.

Der Kindle Paperwhite ist so eines. Das Lesegerät für digitale Bücher kann nur Texte gestochen scharf darstellen. Sonst nichts. Das macht er inzwischen aber so gut, dass ich ihn nicht gegen eine entsprechende Lese-App auf Smartphone oder Tablet-Computer tauschen möchte.

Vor fünf Jahren hat Jeff Bezos, Gründer und noch immer Chef von Amazon.com, den ersten Kindle vorgestellt. Was für ein unförmiges, globiges Ding, mit Tastatur sogar (für ein Lesegerät?), und dennoch war schon der erste E-Book-Reader ein Erfolg. In knapp sechs Stunden war das Gerät nach dem Marktstart ausverkauft.

Damals gab es allerdings auch noch nicht die Armada der Alleskönner. Im November 2007, als Bezos auf der Bühne den ersten Kindle vorstellte, war das iPhone erst wenige Monate auf dem Markt.

Wie ein Taschenbuch

Der neueste Kindle versucht zu punkten, indem er sich keine Schwäche leistet. Der E-Book-Reader wiegt 213 Gramm, etwa so viel wie ein Taschenbuch. Mit einer Displaygröße von sechs Zoll (15 Zentimeter) passt auch hier der Vergleich. Das neun Millimeter dicke Gerät hat eine leicht gummierte Rückseite, die das Halten erleichtert.

Dank E-Ink-Technologie lässt es sich angenehmer lesen als auf herkömmlichen Displays. Das Auge erkennt bei der Darstellung der Schrift keine einzelnen Pixel. Zudem braucht die elektronische Tinte nur beim Umblättern Strom. Eine Akkuladung soll laut Amazon daher selbst mit eingeschaltetem Licht zwei Monate halten. Käufer bemängeln in der Praxis allerdings kürzere Laufzeiten.

Der Paperwhite hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein leicht angerauhtes Display. Klingt albern, fühlt sich aber wirklich mehr an wie die papierne Seite in einem Buch. Nun fehlt also nur noch der Duft von Papier für das vollkommene, elektronifizierte Bucherlebnis.

Die größte und meines Erachtens beste Neuerung: Der Paperwhite hat nicht mehr die etwas angegraute Darstellung seiner Vorgänger, sondern eine sehr viel hellere. Es gibt ein Beleuchtungskonzept, das den gesamten Bildschirm ausleuchtet.

Zumindest fast. Am unteren Rand franst die Beleuchtung aus und erhellt das Display nicht mehr gleichmäßig. Betroffen sind je nach Helligkeitseinstellung die letzten ein bis zwei Zeilen der Buchseite. Amazon hat wegen zahlreicher Kundenbeschwerden Stellung bezogen: "Unter gewissen Lichtbedingungen" sei die Beleuchtung nicht ganz gleichmäßig. Bei meinem Gerät war das stets der Fall - es hat mich beim Lesen allerdings nicht gestört, auch wenn eine gleichmäßigere Beleuchtung sicher angenehmer wäre.

Dilemma erkannt

Das fehlende Licht meines alten Kindle war für mich bislang das Hauptargument, wieso ich iPad & Co. meinem E-Book-Reader vorgezogen habe. Nur für den Leseeinsatz am Strand oder im Biergarten lag mein Kindle vorne - der Paperwhite hat jetzt wieder gleichgezogen mit seinen digitalen Rivalen.

Trotzdem bleibt die Frage: Wieso ein spezielles Lesegerät? Eine Kindle-App für den Zugriff auf die Bücher in der Amazon-Cloud gibt es inzwischen für alle mobilen Betriebssysteme gratis. Die Apps synchronisieren den Lesefortschritt. Wer abends zu Hause auf dem iPad (oder Kindle) aufhört zu lesen, kann morgens in der Bahn auf dem Smartphone an der selben Stelle weiterschmökern.

Amazon hat das Dilemma erkannt. Zum einen hat das US-Warenhaus nun selbst Tabletcomputer im Angebot. Zudem gibt es in Deutschland seit kurzem eine virtuelle Leihbibliothek. Ein Buch darf der Kunde dort pro Monat ausleihen. Um die eigenen Kindle-Geräte zu bevorteilen, lassen sich die Leihbücher nur auf den E-Book-Readern lesen, nicht via App auf iPhone, Galaxy S3 oder Windows-Tablet.

Für Kindle-Besitzer hat die Sache trotzdem zwei Haken: Zum einen haben nur Amazon-Prime-Kunden Zugriff auf die Bibliothek. Ein Prime-Abo kostet 29 Euro im Jahr. Dafür wird in der Regel am nächsten Tag geliefert (wie es das früher für alle Amazon-Kunden gab), es gibt keinen Mindestbestellwert und eben die Leihbücherei.

Der zweite Haken wiegt schwerer: Die Titel in der Bibliothek sind vor allem solche, die nicht die gefragtesten beim Publikum sind. Amazon wirbt, dass die Harry-Potter-Reihe dabei sei. Aber darüber hinaus sind Bestseller Mangelware.

Die Leihbibliothek ist in meinen Augen insofern nicht wirklich ein Argument für den Kauf eines Kindle-Lesers. Die Hoffnung auf augenschonenderes elektronisches Lesen schon eher - wobei eine aktuelle Studie das von Amazon gerne angeführte Argument entkräftet.

Keine Prokrastination mehr

Aber einen Vorteil schätze ich besonders: Die Kindles haben zwar Wifi-Funkverbindung, teils auch mobilen Anschluss an die Amazon-Bibliothek. Surfen macht mit dem "Beta-Browser" aber definitiv keine Freude. Eben mal Mails checken, Twitter-Updates abrufen oder bei Facebook vorbeischauen, dauert in der Praxis so lange, dass man es gleich sein lässt.

Die verbreitete Freude an der Prokrastination hat keine Chance. So kommen E-Book-Leser einem Buch am ähnlichsten - eben bis auf den fehlenden Duft. Wer das vermisst, findet mit dem Parfüm "Paper Passion" vielleicht eine Lösung.

PS. Kleines Postscriptum, bevor eine Debatte in den Kommentaren ausbricht: Ja, auf dem Kindle lassen sich am einfachsten Bücher aus dem Amazon-Shop lesen. Bezos kopiert da das Rockefeller-Prinzip. Ich habe kein Problem damit: BMW verbaut auch keine Motoren von Audi, nur weil die Kunden das gerne hätten. Vor allem aber: Andere Inhalte lassen sich auch auf den Kindle laden. Es ist nicht einfach, es geht aber. Tipps dazu von Amazon selbst oder in der Kurzanleitung von Cnet.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels hatten wir geschrieben, der Kindle Paperwhite verfüge über eine Hintergrundbeleuchtung. Tatsächlich wird beim Paperwhite das Licht von oben durch den Bildschirm geleitet.