Amateur-Reporter kommentieren EM-Spiele im Netz Bald ist Marcel reif für die Rente

Auf der Internetseite marcel-ist-reif.de können Amateur-Reporter die Spiele der Fußball-Europameisterschaft kommentieren, vom Sportstudenten bis zum Poetry-Slammer. Auch wenn noch nicht alles reibungsfrei funktioniert - Marcel Reif und Co. sollten sich warm anziehen.

Von Johannes Kuhn

Ist Marcel Reif das nächste Opfer der Internet-Revolution? Ein solches Szenario klingt nicht nur für leidgeplagte Sky-Zuschauer verlockend, rangieren doch Fußballkommentatoren inzwischen am Ende der Beliebtheitsskala, nur noch knapp über den Schiedsrichtern. Die Mehrzahl der TV-Reporter ist redselig wie besserwisserisch, und dabei im Kommentar noch oberflächlich - so zumindest der Eindruck, liest man während einer Fußballübertragung Twitter (ein Medium, in dem natürlich niemand redselig, besserwisserisch oder oberflächlich agiert).

Wer derzeit vom öffentlich-rechtlichen Fußballkommentar genervt ist, dem bietet nun eine neue Seite eine Alternative: Bei marcel-ist-reif.de kann theoretisch jeder, der ein Computermikrofon und eine Internetverbindung besitzt, zum Reporter werden. Wer sich nicht zu Kommentaren über das Spielgeschehen berufen fühlt, kann aus einem halben Dutzend Audio-Kanälen die passende Beschallung wählen, das Angebot reicht von der Sportstudentinnen-WG über Poetry-Slammer bis hin zur Internet-One-Man-Gang Jens Best. Fernsehton aus, Audio-Stream an, fertig ist die Alternativ-Reportage.

Hinter marcel-ist-reif.de steht kein Start-up, vielmehr handelt es sich um ein geschäftsmodellfreies Hobbyprojekt der beiden Berliner Moritz Eckert und Wendelin Hübner. Die Idee kam ihnen während der Halbzeitpause zu einem Champions-League-Qualifikationsspiel vergangenen Sommer "auf dem Weg zum Spätkauf", wie Eckert erzählt. Vor einem Café fachsimpelten Studenten über die Taktik, im Spätkauf machte der Verkäufer Witze über die Teams. Verschiedene Stimmen also, die nun theoretisch alle in der "Fußballkommentatoren-Demokratie" (Zitat Eckert) zu Wort kommen können.

Stream und TV-Bild oft asynchron

In der Praxis funktioniert die Internet-Reportage allerdings noch nicht reibungsfrei: Hören zu viele Menschen mit, stockt der Ton. Der Zeitunterschied der verschiedenen TV-Signale sorgt zudem dafür, dass die Kommentatoren dem TV-Bild oft hinterherhinken oder voraus sind. Nehmen sie das Spielgeschehen auf dem Schirm vorweg, lässt sich der Audiostream per Mausklick verzögern (was allerdings nicht immer funktioniert); komplizierter wird es, wenn das TV-Bild zu schnell ist - für diesen Fall rät Eckert den Zuschauern, mit einem digitalen Videorekorder das Spiel aufzuzeichnen und um ein paar Sekunden verzögert abzuspielen. Keine triviale Lösung für ein komplexes Problem, das immer wieder auftaucht, sobald Internet-Streams und Echzeit-Ereignisse aufeinanderprallen.

Was ebenfalls fehlt, ist Stadionatmosphäre. Statt des Original-Tons "schmuggeln wir ein wenig Stadiongrundrauschen unter", erklärt Eckert. Das hört sich dann so an, als würde der Wind durch eine leere Erbsendose pfeifen, aber dass es nicht um Soundqualität geht, ist spätestens klar, wenn der Reporter im breitesten Hessisch zu babbeln anfängt oder klar wird, dass man es mit einem Nuschler zu tun hat.

Wer sich von alledem nicht schrecken lässt, erkennt durchaus das revolutionäre Potential der Idee: Wer sagt, dass Sportreportagen neutral sein müssen? Wieso soll ein Reportertalent nicht abseits der etablierten Kanäle bekannt werden, weil er eine neue Art der Berichterstattung erfindet?

Wer sagt, dass Reporter neutral sein müssen?

Was häufig eher abwertend als Amateurisierung beschrieben wird, ist letztlich nur eine Anpassung an den Bedarf der Nutzer, der durch die lineare Berichterstattung längst nicht mehr gedeckt wird. Nicht umsonst ist für den internetaffinen Teil der Fans heute Twitter genauso Teil des Live-Erlebnisses wie das rituelle Getränkeholen in der Halbzeitpause (Linktipp: Henry Winter über die Twitter-Revolution im englischen Fußball)

Das bedeutet nicht, dass der TV-Fußballreporter mit Fachwissen und manchmal auch Phrasenbaukasten im Gepäck zum Auslaufmodell wird. Vielmehr lässt die Internet-Revolution um ihn herum Nischen entstehen. Wenn sie klug sind, werden die Medien diese Entwicklungen gut beobachten und aus ihnen lernen - die ersten Versuche, mit Fan- oder Operngesang-Kommentaren vom klassischen TV-Reporter wegzukommen, gab es ja bereits.

Wie es mit marcel-ist-reif.de nach der EM weitergeht, ist derzeit übrigens noch unklar. Die Bundesliga ist nur im Pay-TV zu sehen, was einen Internet-Kommentar für deutlich weniger Menschen attraktiv macht. Moritz Eckert dazu in bester Andi-Brehme-Manier: "Wir denken von Spiel zu Spiel."