Von Johannes Boie

Wer Musik kaufen will, muss schon lange nicht mehr in einen CD-Laden gehen. Die Engländer von "Radiohead" setzen dieses Wissen um und probieren einen alternativen Vertriebsweg.

Das dürfte die Musikindustrie überhaupt nicht erfreuen. Nachdem sie sich seit Jahren zunehmend grob gegen Raubkopierer zur Wehr setzt, droht jetzt immer öfter Unheil von der anderen Seite. Die Band Arctic Monkeys hat bereits vor zwei Jahren gezeigt, wie Musiker ohne Label alleine durch Präsenz im Netz groß werden können. Jetzt setzen auch etablierte Künstler auf neue Marketingstrategien. Vergangenen Juli düpierte Prince die Musikindustrie, indem er sein jüngstes Album der britischen Zeitung Mail on Sunday beilegte. Nun zeigt die Band Radiohead Mut zum Risiko.

Radiohead vermarktet ihr neues Album über die eigene Website. (© Foto: AP)

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Die Briten vermarkten ihr neues Album "In Rainbows" zunächst nur über eine Webseite. Unter der Adresse inrainbows.com kann man ab dem 10. Oktober die neuen Aufnahmen auf den eigenen Rechner laden. Die Dateien haben keinen Kopierschutz. Außerdem bezahlt jeder Käufer nur, was er für angemessen hält. Der Mindestpreis liegt bei ein paar Cent, die für die Kreditkartenabrechnung benötigt werden.

Radiohead verlassen sich aber nicht nur darauf, dass die Käufer den Wert der Musik zu honorieren wissen, sondern setzen auch auf die Treue ihrer Fans. Neben dem kostenlosen Download gibt es auf der Seite ein Box-Set zu erwerben. Das enthält neben dem Album zwei Vinyl-Platten, eine Menge Artwork und eine CD mit weiteren neuen Stücken. Die exklusiven Beigaben kosten umgerechnet stattliche 60 Euro.

Das alles tut Radiohead ohne Vertrag mit einer Plattenfirma. Und sie scheint auch keinen zu brauchen. Auf ihrer Internetseite zeigt sie, dass sie perfektes Marketing beherrscht. Das Eingabefeld für den gewünschten Preis kommentiert die Band lässig mit dem Hinweis: "It's up to you" (zahlt was ihr wollt). Das freut die Zielgruppe, die jetzt nach dem Mund-zu-Mund-Prinzip Werbung im Netz macht. Die Suchmaschine Google findet den Satz "It's up to you" in Verbindung mit Radiohead jedenfalls jetzt schon rund 20500-mal.

Wer den neuen Vertriebswegen nichts abgewinnen kann, muss übrigens nicht auf das Radiohead-Album verzichten. Es erscheint zusätzlich zum Internet- und Box-Release wie gewohnt im Handel. Allerdings erst Anfang nächsten Jahres. Eindeutiger kann ein Plädoyer für eine Revolution im Musikgeschäft nicht ausfallen.

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(SZ vom 5.10.2007)