Algorithmen Kontinent der Zahlen

In Amerika sind Algorithmen das neue Gold. Wer die richtige mathematische Gleichung findet, wird reich - weil er ein Stück Zukunft gefunden hat. Ganz egal, wie lange diese Zukunft dann ihre Gültigkeit behält.

Von Johannes Boie

Zwei junge Frauen stehen auf einer Bühne im Scheinwerferlicht. Der Raum vor ihnen ist abgedunkelt. "Wir sind das Team Casino Loyale", sagt Kelsey Hoak. Sie lächelt wegen der kleinen Anspielung auf den James -Bond-Film "Casino Royale". Sie lächelt, aber sie lacht nicht. Vor ihnen können sie den Umriss von William Crowder sehen, ein Risikokapitalgeber. Crowder sitzt im Dunkel des Raums und als ein Mann aus New York City sitzt er auch im Nichts, in Athens, Ohio, nämlich, einer Kleinstadt die nichts wäre, wenn es hier nicht die Ohio University gebe. Nicht die allerbeste Universität der USA, aber eine Universität, die ihren Journalismusstudenten plötzlich aufgibt, sich Geschäftsideen auszudenken. Die Studenten sind jung hier, keine 25 Jahre alt, digitale Generation.

Hoak hat sich mit vier Kommilitonen ein Treue- und Prämienprogramm ausgedacht. "Der durchschnittliche amerikanische Haushalt hat schon 22 davon", säuselt sie. "Wir fragen uns - warum nicht noch ein 23. Programm? Und wenigstens eines, das digital funktioniert."

Ihre Idee soll dem Verlag E.W. Scripps, der 21 TV-Sender und Zeitungen quer durch die USA besitzt, wieder auf die Beine helfen. Das alte Geschäft leidet. Das Digitale läuft noch nicht. Die Innovation muss von außen kommen, von den Jungen. Aus dem Netz. Algorithmen müssen das Geschäft mit den Buchstaben retten, so viel ist klar. Aber was genau? Wer Journalismus aus dem Verlag konsumiert, auf Webseiten oder im Videostream, soll künftig Punkte sammeln, für die es dann wiederum Produkte gibt. Das ist die Idee der Studentinnen: Was im Analogen gut funktioniert, wird im Digitalen auch funktionieren. Mehr noch: es wird besser, schneller, präziser. Casino Loyale, eben.

Das Hauptgeschäft werden Daten sein

Im Dunkeln kann man Crowder lächeln sehen. 5000 Dollar für die Studentinnen, mal sehen, was sie draus machen.

Mal sehen auch, wann sie bemerkt, dass in ihrer Idee auch die Erfindung steckt, die Mediennutzung jedes ihrer Kunden zu überwachen und zu speichern. Mal sehen, wann sie begreift, dass ihr Hauptgeschäft nicht Bonuspunkte sein werden, sondern Daten. Im Casino Loyale wird früher oder später um das Verhalten Menschen gespielt werden: Wer liest wann was? Wer schaut wann welches Video? Warum? Was sagt uns das über die Person? Merkt das jemand? Stört das niemand? Großer Applaus. Große Freude, Freudentränen. Ernstes Foto für die Facebook-Seite der Uni auf der Bühne mit dem Dekan, Fun-Foto für die Facebook-Seiten der Freunde vor der Bühne. Und dann: Das nächste Team. Eine indischstämmige Studentin und ihr iranischer Kommilitonen wollen alle Twitternutzer und deren Botschaften überwachen, um zu berechnen, mit welchen Worten man der Masse am besten etwas verkaufen kann. Ihre Präsentation ist bunt und klar: Worte werden zu Zahlen, Zahlen wieder zu Worte. Die Berechnung der Nutzer verspricht Umsatz.

Die Studentin verkauft die Idee als hätte sie niemals etwas anderes getan, ihr Freund programmiert die linguistische Hightech-Software. Er sagt kein Wort, er arbeitet lieber mit Worten anderer Menschen, ein Nerd, der Algorithmen nutzt um Gehirne zu verstehen. Und wer Gehirne versteht, kann ihnen Produkte verkaufen.

Crowder steht wieder auf und klatscht und klatscht und klatscht. Das Licht geht an. 10 000 Dollar für diese Idee. Mehr Daten, mehr Analyse, mehr Umsatz. Das ist Ohio, hier sei im Grunde nichts, sagt man an den amerikanischen Küsten gerne ein wenig hochnäsig, jedenfalls nicht viel. Crowder wusste es besser, und die Summen, um die es hier geht, dafür gibt's in New York gerade mal ein schönes Abendessen mit seinen Partnern. Aber natürlich geht noch mehr. Und zwar nicht nur an den Küsten, wie man sehen wird.