Alcatel-Lucent Chef Verwaayen Netzneutralität? Bald kein Thema mehr

Alcatel-Lucent-Chef Ben Verwaayen über das Internet der Zukunft - und die Frage, wann Nutzer bereit sind, für ein Megabyte zehn Cent zu zahlen.

Interview: M. Kläsgen und T. Riedl

SZ: Herr Verwaayen, Sie sind Niederländer, waren Chef der British Telecom. Jetzt leiten Sie einen amerikanisch-französischen Konzern ...

Verwaayen: ... ein globales Unternehmen, wenn ich Sie unterbrechen darf, dessen Sitz in Paris ist. Schaue ich aus dem Fenster, sehe ich den Eiffelturm. Wahrscheinlich hat jemand mein Büro absichtlich hierhin verlegt, weil er dachte, der ist Ausländer, dann weiß er, wo er ist. Spaß beiseite: Unsere Mitarbeiter und Kunden sind überall auf der Welt.

SZ: Von den fast 80.000 Beschäftigten arbeiten mehr in Indien als in Frankreich. Wie indisch ist Alcatel-Lucent?

Verwaayen: Es überrascht mich immer ein wenig, wie fasziniert manche Menschen vom Pass eines Konzerns sind. Er kann eine Kultur und eine Rechtsform haben. Die Kunden entscheiden, welchen Pass er hat.

SZ: Und das sagen Sie in einem Land des Wirtschaftspatriotismus, in Frankreich, wo Alcatel einst ein "nationaler Champion" war?

Verwaayen: Sie müssen loyal zu ihren Kunden, den Aktionären und Mitarbeitern sein. Die Frage nach dem Pass ist deshalb so gefährlich, weil Protektionismus das Schlimmste ist, was uns in der gegenwärtigen Lage passieren könnte.

SZ: Die Telekommunikationsindustrie ist wie kaum eine andere globalisiert. Zugleich ermöglicht sie eine Kommunikation rund um den Globus in Sekundenschnelle. Welche Geräte haben Sie heute schon benutzt?

Verwaayen: Meinen Blackberry, mein Telefon, meinen Computer. Ich habe mit meinem Sohn in Indonesien gemailt und mit meiner Tochter in Amsterdam Kurznachrichten per Chat ausgetauscht. Danach bin ich auf unsere interne soziale Netzwerkplattform "Engage" gegangen und habe eine Mitteilung an alle Mitarbeiter geschrieben. Dann habe ich E-Mails bearbeitet und hatte einige persönliche Gespräche.

SZ: Was hatte Alcatel-Lucent davon?

Verwaayen: Jede Menge. Wir sind einer der größten Ausrüster von Festnetz- und Mobilfunknetzen. Wir machen das, was nötig ist, damit Internet und Intranet funktionieren. Wenn Sie ein Gerät in der Hand halten, telefonieren, Text- oder Videonachrichten verschicken, sorgen wir dafür, dass das reibungslos klappt.

SZ: Das wissen nur wenige. Alle reden von Google oder Facebook, niemand von Alcatel-Lucent. Ärgert Sie das?

Verwaayen: Überhaupt nicht. Es gibt nun einmal unterschiedliche Rollen im Leben. Wir sind auf Geschäftskunden ausgerichtet und sorgen dafür, dass Menschen Kommunikationsnetze nutzen können. Schauen Sie sich Facebook an: Da finden Sie nur noch wenig Text, aber viele Bilder. Wir haben bislang Netze für Worte gebaut: gesprochene, dafür haben wir das Telefon; geschriebene, dafür gibt es das Fax, und getippte, also die E-Mail. Doch jetzt kommunizieren die Menschen öfter mit Fotos und Filmen. Technisch betrachtet, bedeutet das eine Veränderung der Netzkapazität und einen immensen Zuwachs der Datenmenge. Und niemand will dafür mehr bezahlen. Wir sind die einzige Branche, wo der Verbrauch wächst, aber alle glauben, es sei normal, das Gleiche wie zuvor zu bezahlen.

SZ: Die Preise steigen also?

Verwaayen: Die Preise werden jedenfalls anders als heute berechnet werden.

SZ: Wer soll in Zukunft für den Datenverkehr zahlen?

Verwaayen: Endgültig ist das noch nicht entschieden. Entweder Google und Co. zahlen für den Verkehr im Datennetz oder der Verbraucher kommt dafür auf. Oder, eine dritte Möglichkeit: Die Einnahmen aus der Handy-Werbung werden geteilt zwischen den Internetkonzernen wie Google, den Betreibern von Datennetzen und den Ausrüstern. Ich bin für eine Kombination der drei Wege. Es gibt nicht nur eine Lösung. Das Geschäftsmodell, das ausschließlich auf geringen Zugangskosten basiert, ist jedenfalls dauerhaft nicht zu halten.

SZ: Das sagen Sie, weil Ihre Industrie am meisten darunter leidet.

Verwaayen: Ja, wir verkaufen Megabytes, aber niemand kann sich vorstellen, was ein Megabyte ist. Wir müssen diesem Nichts einen emotionalen Wert geben, zum Beispiel, indem wir es ermöglichen, dass man überall in der Welt seine Familie auf den Bildschirm holen kann. Dann hat ein Megabyte einen fühlbaren Wert. Dann ist jeder bereit, dafür zehn Cent auszugeben. Wir müssen solche neuen Dienste finden, die attraktiv genug sind, um damit Geld zu verdienen.

SZ: Also werden die Kunden wieder zur Kasse gebeten?

Verwaayen: Der Verbraucher zahlt am Ende immer. Wir werden in Europa Hunderte Milliarden Euro in Hochgeschwindigkeitsnetze investieren müssen.

SZ: Brauchen Sie auch Geld vom Staat für den Aufbau der Infrastruktur?

Verwaayen: Seien wir doch ehrlich: Die Staaten müssen sparen.

SZ: Wie also wollen Sie die Milliarden-Investitionen stemmen?

Verwaayen: Es gibt verschiedene Modelle, um diese Infrastruktur zu bauen. Australien setzt auf Unabhängigkeit. Dort sind die Kommunikationsnetze wieder verstaatlicht worden. Die Anbieter konkurrieren bei Diensten wie den Internetzugängen. Andernorts wird der Wettbewerb von der Politik gefördert, nur in Ausnahmen gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft. Schließlich gibt es die Möglichkeit, dass Telefongesellschaften untereinander kooperieren, etwa ihre Netzinfrastruktur gemeinsam nutzen. Wir haben die Wahl.

SZ: Was wäre das Beste für Europa?

Verwaayen: In Europa ist die Konkurrenz groß und viele ehemalige Monopolisten sind privatisiert. Man muss ihnen jetzt helfen: etwa bei der Vergabe von Funkfrequenzen durch eine unterstützende Preis- oder Wettbewerbspolitik. Heute steht das Verbraucherinteresse im Mittelpunkt - gut für niedrige Preise ...

SZ: ... und toll für die Verbraucher.

Verwaayen: Richtig, niedrige Preise sind wunderbar. Aber es muss auch sichergestellt sein, dass man die Netze der Zukunft bauen kann.