Akademische Freiheit Professor sollte Blogbeitrag über die NSA löschen

Matthew Green lehrt Kryptografie an der Johns Hopkins Universität - in einem Blogbeitrag setzt er sich damit auseinander, wie die NSA sich ihre Informationen erknackt. Kurz darauf kriegt er eine unmissverständliche Mail seines Dekans.

Von Hakan Tanriverdi

Matthew Green war nicht darauf vorbereitet - und das zum zweiten Mal innerhalb einer Woche. Green ist Professor der Kryptografie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, er forscht darüber, wie Daten sicher - also unausspionierbar - im Netz transportiert werden können. Vergangene Woche hatte Green einen Blogbeitrag veröffentlicht, den er lapidar mit "Über die NSA" betitelt hat. Gleich im dritten Absatz schreibt er: "Ich war absolut unvorbereitet für die Bombe, die eingeschlagen ist."

Denn vergangene Woche wurde bekannt, dass die NSA so ziemlich alles versucht, um sämtliche Schutzmechanismen im Internet außer Kraft zu setzen, um so viele Informationen wie möglich abzugreifen. Sicherheits-Experten, so wie Green es einer ist, diskutieren seither über die Fähigkeiten der NSA. Edward Snowden - und der sollte es wissen - sagt zwar, dass die Verschlüsselung sicher ist und funktioniert, wenn sie "richtig" eingesetzt wird, aber Zweifel bleiben: Was genau kann die NSA? Hat sie wirklich Backdoors, also Hintertürchen, eingebaut und wenn ja, wo? Darüber schreibt und spekuliert Green in seinem Blogbeitrag.

Die zweite "Bombe", die Green dann unvorbereitet traf, kam in Form einer E-Mail. Der Absender war sein Dekan an der Johns Hopkins Universität, also sein Arbeitgeber. In der Mail steht, dass Green seinen Blogbeitrag, der auch auf der Seite der Universität erschienen ist, doch bitte löschen solle.

Ihm werde geraten, schrieb Green in einer Serie von weiteren Tweets, sich rechtlichen Beistand zu suchen. Mittlerweile hat sich die Situation insoweit geklärt, als dass die Universität sich von ihrer ursprünglichen Forderung distanziert hat. Green muss den Beitrag jetzt plötzlich doch nicht mehr löschen. Aber die Diskussion über akademische Freiheit und Einflussnahme war in der Welt.

Der Vorfall wirft Fragen auf. Auch deshalb, weil die Johns Hopkins Universität einen relevanten Nachbar hat: die NSA hat ihren Hauptsitz direkt um die Ecke in Fort Meade.

"Ich bin komplett verblüfft"

Die Universität begründet ihre Kehrtwende wie folgt: Sie habe Informationen darüber enthalten, dass Green in seinem Beitrag sowohl unerlaubterweise das Logo der NSA verwende als auch auf Informationen verlinke, die als geheim einzustufen seien. Daraufhin habe das Institut den Professor gebeten, den Beitrag zu löschen. Nach eingehender Bearbeitung des Falles sei man jedoch zu dem Schluss gekommen, dass der Beitrag doch nicht gelöscht werden müsse, da Green auf Artikel von der New York Times verlinke - und nicht etwa auf einzelne Geheimdienst-Berichte. Auch sei das Logo der NSA mittlerweile entfernt worden.

Doch die vorschnelle Androhung wird inzwischen in vielen Foren als Druck auf die Wissenschaft interpretiert. So hat die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) dem Professor umgehend rechtlichen Beistand angeboten. Schnell wurde auch lautstark darüber debattiert, ob die Lösch-Aufforderung eventuell von weiter oben käme. Ein Pressesprecher der Universität wiegelte jedoch ab und sagte, bislang könne man noch keine genaueren Angaben über den Ursprung der Forderung machen. Auszuschließen sei jedoch jetzt schon, dass die Anweisung von Behörden gekommen sei.

Green behauptet, dass die Beschwerde aus der Physik-Fakultät kam. Doch auch das wäre problematisch. Denn die Physik-Fakultät firmiert unter dem Motto: "Wir ermöglichen die nationale Sicherheit durch Wissenschaft und Technologie." Und dieser Satz ist Programm: Ein großer Teil des Instituts arbeitet laut eigener Aussage eng mit der NSA zusammen.

Green schreibt abschließend: "Ich bin komplett verblüfft von der ganzen Sache. Ich hoffe, dass ich nie wieder eine solche E-Mail bekomme und ich glaube, dass die Johns Hopkins Universität sich auf der falschen Seite des gesunden Menschenverstandes und der akademischen Freiheit wiederfindet." Seinen Blogbeitrag werde er nicht wieder auf die Seite der Universität hochladen.

Das NSA-Logo hat Green mittlerweile ersetzt durch ein neues Bild. Zu sehen ist Gerd Wiesler aus dem deutschen Film "Das Leben der Anderen". Gerd Wiesler, kongenial gespielt von Ulrich Mühe, ist der Stasi-Mann, der nur eine Aufgabe hat: andere Menschen abzuhören.