Soziale Medien Youtube schottet rechte Nutzer von anderen Meinungen ab

Youtube ist nicht nur die größte Videoplattform der Welt, sondern auch ein einflussreiches soziales Netzwerk, das die politischen Ansichten seiner Nutzer prägen kann.

(Foto: AFP)
  • Youtubes Algorithmen isolieren rechte und rechtsextreme Nutzer. Diese erhalten fast ausschließlich Kanalempfehlungen, die ihr Weltbild bestätigen.
  • AfD-Sympathisanten, Verschwörungstheoretiker und Anhänger der Identitären Bewegung kommen kaum in Kontakt mit anderen Meinungen.
  • Das haben zwei Kommunikationswissenschaftler herausgefunden, die den politischen Teil der deutschen Youtube-Szene untersucht haben.
Von Hakan Tanriverdi

Youtube-Nutzer mit rechten bis rechtsradikalen Einstellungen sehen auf der Plattform fast ausschließlich Videos, die sie in ihren Überzeugungen bestärken. Ähnlich wie bei Facebook geben Algorithmen Empfehlungen, die einen abgeschlossenen Mikrokosmos erzeugen. Widersprüchliche Meinungen tauchen darin kaum auf, AfD-Anhänger bleiben unter sich.

Zu diesem Ergebnis kommen die Kommunikationswissenschaftler Jonas Kaiser und Adrian Rauchfleisch. Die beiden Forscher aus Harvard und Zürich haben analysiert, nach welchen Kriterien Nutzer neue Kanäle vorgeschlagen bekommen, für die sie sich interessieren könnten. Die Empfehlungen orientieren sich an früheren Klicks und den Vorlieben der Nutzer. So entsteht eine sogenannte Filterblase.

Filterblase? Selbst schuld!

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Der Mechanismus ist vor allem im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken wie Facebook bekannt, für Youtube wurde die Wirkungsweise bislang kaum untersucht. "Youtube ist als Plattform unglaublich wichtig", sagt Rauchfleisch. Auf der nach Google zweitgrößten Webseite der Welt finden sich nicht nur Schminktipps, Musikvideos und Livestreams von Computerspielen. Millionen Menschen nutzen Youtube, um sich politisch zu informieren oder in ihrem Weltbild bestätigen zu lassen.

Eine Expertin nennt Youtubes Algorithmen "Extremismus-Maschinen"

Insbesondere in den USA gilt die Plattform als Sprachrohr einer neuen rechten Bewegung, die dort ihre rassistischen Ansichten und Verschwörungstheorien verbreitet. Die Soziologin und Social-Media-Expertin Zeynep Tufekci bezeichnete Youtubes Empfehlungs-Algorithmen kürzlich als "Extremismus-Maschinen". Im Gegensatz zu Facebook werde Youtube eher passiv genutzt. Man sitze meist alleine davor und lasse sich berieseln, sagt Kaiser. Das vergrößere den Einfluss der Empfehlungen. Viele Nutzer klickten sich einfach durch die vorgeschlagenen Kanäle und Videos und schauten eines nach dem anderen an.

Die Kommunikationswissenschaftler Adrian Rauchfleisch (l.) und Jonas Kaiser haben Youtubes Empfehlung-Algorithmen untersucht.

(Foto: privat)

Die beiden Forscher wollten herausfinden, welche Rolle Youtube für die politische Rechte in Deutschland spielt. "Wir konnten beobachten, dass es auch in Deutschland eine kleine Sphäre an alternativen Medien gibt, die auf Youtube präsent ist und sich explizit von den klassischen Massenmedien abgrenzen will", sagt Rauchfleisch.

Für ihre Untersuchung wählten die Wissenschaftler zunächst 93 Kanäle aus, die sie dem rechten Spektrum zuordnen. "Hier konnten wir auf wissenschaftlichen Studien, journalistischen Recherchen und unserer eigenen Arbeit aufbauen", sagt Kaiser. Hinzu kamen 193 Parteikanäle, darunter auch Orts- und Jugendverbände.

AfD, Identitäre Bewegung und Verschwörungstheoretiker

Kaiser und Rauchfleisch teilten diese Sphäre in drei Teile, die sich jeweils in ihrem Nutzungsverhalten unterscheiden. AfD-nahe Kanäle orientierten sich den Forschern zufolge inhaltlich an aktuellen politischen Diskussionen. Die Betreiber laden etwa Clips des russischen Senders RT Deutsch hoch oder kommentieren das aktuelle Tagesgeschehen, indem sie die Rede von Björn Höcke verteidigen, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnete.

Der Identitären Bewegung gehe es in erster Linie darum, sich selbst zu beweihräuchern und Aufmerksamkeit für ihre kontroversen Aktionen und Demonstrationen zu erzielen. Bei den Verschwörungstheoretikern wiederum bekomme man "die volle Breitseite". Immer wieder kursierten dort beispielsweise Theorien über Anschläge, die angeblich von Regierungen geplant worden seien.

Zwischen der rechten Szene und dem medialen und politischen Mainstream gibt es nur wenige Verbindungen.

(Foto: Kaiser / Rauchfleisch)

Kaiser zufolge erhalten alle drei Gruppen überwiegend Empfehlungen für Kanäle, die ebenfalls Teil der rechten Szene sind. Lediglich 30 von 700 analysierten Vorschlägen verwiesen auf Quellen außerhalb dieses Umfelds. "Wenn man sich durch diese Kanäle klickt, bleibt man in der rechten Blase", sagt Kaiser. Die zwei Forscher haben ihre Ergebnisse visualisiert. Die Grafik zeigt das rechte Netzwerk abgeschottet von anderen Parteien, Medien und unpolitischen Kanälen. Es gibt nur wenige Verbindungen zwischen diesen Welten.

Enge Verbindung zwischen AfD und NPD

Das AfD-Netzwerk weist große Schnittmengen zur NPD und zur Identitären Bewegung auf. Youtube schlage Abonnenten des NPD-Kanals direkt als Nächstes den AfD-Kanal vor, sagt Kaiser. Andersherum seien ein paar Klicks mehr nötig. Von der AfD zu anderen größeren Parteien zu gelangen, dauere dagegen deutlich länger. Ein Youtube-Sprecher sagt, dass die Empfehlungen "die unterschiedlichsten politischen Ansichten" behandelten. Die Algorithmen arbeiteten unabhängig von Stimmungen oder Parteilichkeiten.

Während Unionsanhänger, Sozialdemokraten, Grüne, Liberale und Linke ständig aufeinander verwiesen werden, isolieren Youtubes Algorithmen die AfD-Anhänger. Das passt zu einer großen Datenanalyse aus dem Mai. Die Auswertung von SZ.de hatte gezeigt, dass AfD-Sympathisanten auch auf Facebook weitestgehend unter sich bleiben, während die anderen Parteien ein Netzwerk mit vielen Querverbindungen bilden. Die CSU dient dabei als Bindeglied der politischen Mitte zu den Rechtspopulisten.

Für Youtube spielen Algorithmen eine immer größere Rolle, wenn es darum geht, Nutzern Inhalte zu präsentieren. Neben den Kanalempfehlungen, die Kaiser und Rauchfleisch in ihrer Studie untersucht haben, werden auch einzelne Videos algorithmisch vorgeschlagen. Am Ende jedes Clips startet automatisch ein neues Video, der Algorithmus hat hier also großen Einfluss auf das Nutzungsverhalten. Mit diesem Teil der Empfehlungen wollen sich Kaiser und Rauchfleisch in einer Folgestudie beschäftigen.

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