20. November 2012 17:20 Wegen überteuerter Übernahme Hewlett-Packard macht Milliardenverlust

Mit einer teuren Übernahme wollte sich der Computerhersteller Hewlett-Packard einst zum Dienstleister aufschwingen. Nun muss der Konzern über acht Milliarden Dollar abschreiben. Die Manager fühlen sich getäuscht - und übersehen die Probleme im eigenen Haus.

Von Varinia Bernau

Wegen "ernsthafter Unregelmäßigkeiten" und "massiver Ungenauigkeiten" in der Bilanzierung des 2011 übernommenen britischen Softwareunternehmens Autonomy schreibt der US-Konzern Hewlett-Packard 8,8 Milliarden Dollar in den Wind.

(Foto: AP)

Manchmal, wenn er ein Taxi nimmt, unterhält sich Volker Smid mit dem Fahrer über sein Unternehmen. Ach, Hewlett-Packard, so reden die Leute dabei mit ihm, das sind doch die mit den Druckern und den Computern. Ja, sagt Smid dann, aber wir machen auch noch eine Menge anderer Sachen.

Smid, der bei dem US-Konzern das deutsche Geschäft verantwortet, erzählt diese Geschichte gern, um deutlich zu machen, dass Hewlett-Packard (HP) noch immer eine starke Marke ist. Und dass es nun nur noch gelingen muss, die Leute auch von den neuen Stärken zu überzeugen. Etwa davon, dass jeder zweite Server in einem Rechenzentrum von HP kommt. Ohne diesen Maschinenraum für das weltumspannende Internet ist das beste Smartphone nutzlos "Wir sorgen dafür, dass jede zweite App auf dieser Welt läuft", sagt Smid.

Die Geschichte mit dem Taxifahrer zeigt aber auch, wie schwer sich das Unternehmen bei dem Wandel weg vom reinen Gerätehersteller hin zum Dienstleister tut. Und es gibt auch tiefrote Zahlen, die dies verdeutlichen: Eine milliardenschwere Abschreibung verhagelt dem Konzern die Bilanz fürs vierte Quartal.

8,8 Milliarden Euro in den Wind gesetzt

Wegen erst jetzt entdeckter "ernsthafter Unregelmäßigkeiten" und "massiver Ungenauigkeiten" in der Bilanzierung des 2011 übernommenen britischen Softwareunternehmens Autonomy schreibt der US-Konzern 8,8 Milliarden Dollar in den Wind. Damit löst sich fast der komplette Kaufpreis von damals 11,5 Milliarden Dollar auf. Dadurch liege der Verlust im vierten Geschäftsquartal bei 6,9 Milliarden Dollar, teilte HP am Dienstag überraschend mit.

Üblicherweise legen Firmen, die ihren Sitz an der US-Westküste haben, ihre Bilanzen erst nach Börsenschluss in New York vor und damit in der Nacht nach deutscher Zeit. Nun war die schlechte Bilanz bereits in der Welt, ehe an der Wall Street der Aktienhandel eröffnet wurde. Und die Anleger reagierten: Der Aktienkurs brach um 13 Prozent ein. Das Papier kostete nur noch 11,58 Dollar. Das HP-Management kündigte an, gegen die frühere Unternehmensspitze von Autonomy Schadenersatzforderungen zu prüfen. Man sei offenbar bewusst hinters Licht geführt worden.

Pikanterweise wurde die Übernahme von Autonomy im Sommer vergangenen Jahres vom damaligen Konzernchef Léo Apotheker eingefädelt. Der war, nachdem sein Vorgänger Mark Hurd über eine Affäre mit einer Schauspielerin und gefälschte Spesenrechnungen gestolpert war, bei HP eigentlich mit der richtigen Idee angetreten: Er wollte den Computerbauer unabhängiger vom Geschäft mit den schweren Kisten und niedrigen Gewinnspannen machen. Und er setzte dabei auf IT als Dienstleistung - je nach Bedarf abrufbar, abgewickelt in den Rechenzentren von HP anstatt wie bislang auf einzelnen Computern am Arbeitsplatz.

Autonomy passte perfekt in dieses Szenario: Die britische Firma ist so etwas wie Google fürs Büro. Mit den Programmen lassen sich Datenbanken nach Stichworten durchforsten. Komplexe Algorithmen finden dort selbst Sprach- oder Videoaufzeichnungen. Doch schon damals monierten manche, dass der Kaufpreis zu hoch sei. Mit 11,5 Milliarden Dollar war es immerhin die zweitgrößte Übernahme, die es bis dato in der Technologiebranche gegeben hatte.

Bei Aktionären und im eigenen Haus kam Apothekers spendable Art schlecht an. Nur wenige Wochen, nachdem er die Übernahme angekündigt hatte, wurde Apotheker gefeuert. Die ehemalige Ebay-Chefin Meg Whitman übernahm im September 2011 das Ruder. Nach Apothekers Zickzackkurs musste sie vor allem Ruhe in den Laden bringen, bei Anlegern und Kunden um verlorenes Vertrauen werben. Bis heute, wie sich nun zeigt.

Hewlett Packards Dilemma

Whitman steckt in einem Dilemma: Software und Service werfen mehr ab, weil dabei keine hohen Material- und Produktionskosten anfallen. Doch Whitman kann nicht über Nacht umschwenken, weil das Geschäft mit der Hardware zu wichtig ist. Mit den PCs und Druckern hat der Konzern allein in dem nun abgelaufenen Quartal noch 48 Prozent seines Umsatz gemacht. Mit den Technologien, die den Maschinenraum hinter all den Apps fürs Smartphone bilden, gerade einmal 17 Prozent.

Gerade in Zeiten der Krise geben die Leute ihr Geld lieber für ein billigeres Gerät des Rivalen Lenovo aus, der HP vor wenigen Wochen erstmals den Spitzenplatz in der Liga der weltweit größten Computerhersteller streitig machte. Und wegen des Siegeszugs der Tablets gilt der PC ohnehin als Auslaufmodell. Aber ein eigenes Modell dieser flachen, per Handstreich zu bedienenden Rechner bringt HP erst im nächsten Jahr in die Läden. Der Umsatz ging im abgelaufenen Quartal um 6,7 Prozent auf 29,96 Milliarden Dollar zurück.

Gewiss, es steckte eine gewisse Logik hinter der von Apotheker vor mehr als einem Jahr eingeleiteten Wende. Er hat sich nur einfach dumm dabei angestellt.