Online-Sucht:Meine virtuellen Freunde

Reden, Flirten, Leute treffen - aber nur im Netz: Viele Jugendliche sind süchtig nach Internet-Kontakten.

Titus Arnu

Sophie hat "35 Seiten Freunde". Das 15-jährige Mädchen ist stolz darauf, 286 Menschen zum engeren Kreis ihrer Sympathisanten zu zählen. Die wenigsten dieser Leute kennt sie persönlich, denn sie existieren lediglich im Internet und haben mit ihr nur virtuell Freundschaft geschlossen.

Wenn Sophie mittags von der Schule nach Hause kommt, geht sie zuerst an den Computer und schaut nach, ob sich einer der vielen Freunde gemeldet hat, bevor sie zu den echten Menschen in ihrer Umgebung "Hallo" sagt, sich an den Küchentisch setzt und etwas isst. Spätabends steht sie manchmal noch auf, nachdem sie schon fast eingeschlafen war, um noch ein letztes Mal die E-Mails zu checken.

Während sie mit ihren Eltern kaum noch redet, verbringt Sophie mehrere Stunden täglich vor dem Computer, um mit ihren "Freunden" zu chatten. Die meisten Sozialkontakte spielen sich für das Mädchen im Netz ab, sie kommuniziert mit ihren Internet-Bekannten in der virtuellen Welt jedenfalls mehr als mit ihrer Familie.

Die Generation der Zehn- bis Zwanzigjährigen lebt längst in einer Parallelwelt. Freunde finden, flirten, Beziehungen pflegen - das findet mittlerweile hauptsächlich per Chat und E-Mail statt, die wichtigsten Sozialkontakte sind virtualisiert. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Psyche - und möglicherweise auf lange Sicht für die Gesellschaft.

"Das ist ein Thema, um das wir uns noch nicht ausreichend gekümmert haben", sagt Peter Falkai, Direktor der Göttinger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Denn bei manchen Betroffenen kann das Abtauchen in die virtuelle Welt schwere Probleme auslösen. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin befassten sich Falkai und seine Kollegen deshalb nun intensiv mit dem Thema Internet- und Computersucht.

Psychische Schwierigkeiten

Fast jeder verbringt täglich Zeit im Internet, um sich zu informieren, Bankgeschäfte abzuwickeln oder eine Zugverbindung herauszusuchen. Nur ein kleiner Teil der Nutzer entwickelt beim Umgang mit dem Netz psychische Schwierigkeiten. Fachleute beruhigen Bedenkenträger deshalb erst einmal.

"Jugendliche machen gerne etwas exzessiv, auch für längere Zeit", sagt Sabine Grüsser-Sinopoli, Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Mainz, "es gibt Jungen, die jahrelang World of Warcraft spielen und dann von einem Tag auf den anderen aufhören, weil sie sich verliebt haben." Zwei Stunden Computernutzung sei heutzutage bei Jugendlichen normal, sagt Grüsser-Sinopoli, die sich seit einigen Jahren mit dem "Störungsbild Computersucht" befasst.

Bei einer Online-Umfrage unter 7000 erwachsenen Internetnutzern hat ihre Forschungsgruppe bei zehn Prozent der Befragten Suchtmerkmale festgestellt. Auch eine Erhebung unter 360 Schülern aus 5. und 6. Klassen in Berlin habe bei zehn Prozent Zeichen einer Abhängigkeit gezeigt.

Meine virtuellen Freunde

Die betroffenen Kinder vernachlässigen Schule, Freunde und andere Interessen und leiden bei Entzug unter Nervosität, Unruhe, Verstimmungen und Aggressionen. Folgen des exzessiven Internetkonsums können zu wenig Schlaf, zu wenig Bewegung und Ernährungsmängel sein - denn das Essen wird zugunsten des Computers oft zurückgestellt.

Während die Symptome der Computersucht sich bei den meisten Betroffenen ähneln, legen junge Frauen und junge Männer inhaltlich unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag. Während Frauen sich hauptsächlich für Chats und Shopping-Portale interessieren, zieht es männliche Internetnutzer auf Pornoseiten und zu Actionspielen. Jungen, die an Online-Rollenspielen teilnehmen, zeigen oft die stärksten Verhaltensauffälligkeiten.

Anders als bei einer Drogenabhängigkeit wird das Hochgefühl bei der Internetsucht nicht von einer Substanz produziert, sondern durch soziale Erfolge. Im Internet ist es leichter, positive Erlebnisse zu erreichen. Im Netz seien sie wer, gaben jugendliche Online-Spieler den Suchtforschern zu Protokoll: "Dort habe ich das Gefühl: Ich kann Entscheidungen treffen, ich habe Macht." Ein Junge antwortete in einer Untersuchung über Computerspielsucht auf die Frage, warum er denn so oft vor dem Computer sitze: "Da kann ich meinen Vater siebenmal am Tag totschießen."

Mit zunehmender Gewöhnung müssen die Computersüchtigen die Dosis steigern, um den ersehnten Effekt zu erreichen. Manche Abhängige sind zehn Stunden in ihrer Freizeit vor dem Bildschirm und stellen sich nachts den Wecker, um ein Spiel weiterzuspielen. In solchen Fällen können Therapien helfen. Die wichtigste Anlaufstelle für Süchtige ist logischerweise im Internet zu finden, unter www.onlinesucht.de.

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