20. Januar 2013 12:33 Neuer Speicherdienst von Kim Dotcom Mega-Angriff auf die Unterhaltungsindustrie

Von Pascal Paukner

Vor einem Jahr nahm das FBI Megaupload im Kampf gegen Online-Piraterie vom Netz. Jetzt hat der umstrittene Internetunternehmer Kim Dotcom mit dem Speicherdienst Mega einen Nachfolger vorgestellt. Die Film- und Musikindustrie kann sich auf etwas gefasst machen.

Natürlich sah es aus, als würde gleich jemand in den Krieg ziehen. Mit großen, symbolträchtigen Auftritten kennt sich Kim Dotcom ja aus. Auf Fotos posiert der 39-Jährige gern mit teuren Autos und gut aussehenden Frauen. Seine Villa ist angeblich die teuerste in ganz Neuseeland. Seine Auseinandersetzungen mit der Justiz bieten Stoff für mehrere Spielfilme. Und seinen bürgerlichen Namen Schmitz hat er durch Dotcom ersetzt.

Auch am Sonntagmorgen während der Pressekonferenz zum Start des neuen Internetdienstes Mega sollte alles perfekt inszeniert sein. Als neuseeländische Ureinwohner verkleidete Darsteller tanzten deshalb zu einem Lied, das sich leicht als Kriegsgesang interpretieren lässt.

Kim Dotcom, der aus Kiel stammt, hat für den Start seines neuesten Projekts den symbolträchtigsten Tag ausgesucht, den seine Vita hergibt. Am 19. Januar des vergangenen Jahres durchsuchte eine Spezialeinheit der neuseeländische Polizei in einer Razzia sein Anwesen im neuseeländischen Coatesville, nahm Dotcom und seine Helfer wegen des Verdachts auf Copyright-Verletzungen fest und große Teile seines Eigentums in Beschlag. Es war gleichzeitig das Ende für eine der größten Webseiten im ganzen Internet: Megaupload.com.

Eine halbe Million Nutzer innerhalb weniger Stunden

Ein Jahr ist die Razzia nun her, viel ist passiert, vor allem auf Twitter. Dotcom entdeckte das 140-Zeichen-Medium nach seiner Freilassung als Verlautbarungsorgan. Er hat dort Hunderte Tweets veröffentlicht. Den Wichtigsten aber, hat er erst an diesem Samstagabend abschicken können: Um 18.47 schreibt Dotcom: "In dieser Minute vor einem Jahr wurde #Megaupload von der US-Regierung zerstört. Willkommen auf Mega.co.nz."

Was folgt, ist ein Nutzeransturm. Der neue Speicherdienst ist stundenlang nicht erreichbar, weil die Server den Anfragen nicht standhalten. 100.000 Nutzer sollen sich allein in den ersten 60 Minuten registriert haben. Stunden später berichtet Dotcom von mehr als einer halben Million angemeldeter Nutzer. Das sind enorme Zahlen für eine wenige Stunden alte Website.

Diese Zahlen sind nur zu verstehen, wenn man weiß, wie erfolgreich der Vorgänger, Megaupload, war. Der wurde an Spitzentagen von 50 Millionen Menschen benutzt. Die Daten, die über die Server geschickt wurden, verursachten zeitweise vier Prozent des weltweiten Internetverkehrs. 50 Petabyte - das sind 51.200 Terabyte - sollen dort gespeichert gewesen sein. Als Megaupload vom Netz genommen wurde, registrierten das Internetprovider in ihren Traffic-Protokollen auf der ganzen Welt. Verständlich, dass viele nun wissen wollen, wie es weitergeht.

Verschlüsselung als Grundprinzip

Es spricht vieles dafür, dass Mega den Erfolg von Megaupload noch übertreffen wird. Während die alte Plattform nur eine von mehreren vergleichbaren Angeboten im Netz war, steckt in Mega eine Idee, die das Teilen von Daten im Netz verändern könnte. Lädt der Nutzer eine Datei hoch, wird diese noch vor dem Hochladen auf dem Computer des Anwenders verschlüsselt.

Auf dem Server kommt ein Objekt an, von dem niemand außer dem Nutzer und von ihm autorisierte Personen wissen, ob es sich um ein urheberrechtlich geschütztes Video, ein illegal kopiertes Musikstück oder ein digitales Kochrezept handelt. Weder für den Internetprovider, noch für die Polizei, noch - und das ist der juristische Kniff an der Geschichte - für Kim Dotcom soll ersichtlich sein, was hochgeladen wurde. Der Gedanke dahinter ist einfach: Was Dotcom nicht weiß, kann ihn nicht ins Gefängnis bringen. Sollten auf seinen Servern Piraterie stattfinden, kann sich Dotcom darauf berufen, er könne davon nichts wissen. Das soll ihn vor den Strafverfolgern schützen.

Mega erhebt damit zum Prinzip, was andere Speicheranbieter wie etwa der Marktführer Dropbox in der Theorie auch anbieten. Dort muss der Nutzer sich allerdings selbst um die offensichtliche Unkenntlichmachung der Dateien kümmern. Mega hingegen macht Verschlüsselung massentauglich. ErsteTestberichte amerikanischer Techblogs attestieren Dotcoms Team eine ordentliche Arbeit. Die Uploadgeschwindigkeit überzeugt, zumindest dann, wenn man den Google Browser Chrome nutzt.

Die Nutzeroberfläche ist einfach und übersichtlich gehalten. Was noch fehlt ist der Zugang über Smartphone und Tablets. Und auch die Sicherheit des Konzeptes wird sich in der Praxis erst noch beweisen müssen. Misstrauen entgegnet Dotcom mit dem Hinweis, der Code des Programms sei Open Source und damit für Experten jederzeit auf Sicherheitslücken hin überprüfbar.

Internetunternehmer Kim Dotcom: Er liebt die großen Auftritte und macht selbst Pressekonferenzen zu solchen.

(Foto: AFP)

Jeder Nutzer des neuen Dienstes erhält 50 Gigabyte Gratis-Speicherplatz, das Zehnfache gibt's kostenpflichtig für zehn Euro im Monat. Wer noch mehr braucht, zahlt für zwei Terabyte 20 Euro monatlich oder für vier Terabyte 30 Euro im Monat. Das sind Preise, die die Mega-Konkurrenz unter Druck setzen. Bei Dropbox sind 500 Gigabyte derzeit für 50 US-Dollar im Monat zu haben. 150 Millionen Dollar jährlich soll Dotcom und sein Team laut Wired mit einer schnelleren, kostenpflichtigen Premium-Version von Megaupload verdient haben. Eine lukrative Einnahmequelle, von der Dotcom jetzt wieder profitieren will.

Lobeshymnen auf Neuseeland

Mit der Discount-Strategie könnte er kompensieren, dass viele Kunden das Vertrauen in den Internetunternehmer verloren haben. Denn das ist die Frage, die Dotcom seit Tagen und auch jetzt auf der Pressekonferenz immer wieder beantworten muss: Warum sollten Nutzer ihre Daten einem Mann anvertrauen, den manche in der Unterhaltungsindustrie gerne im Gefängnis sehen würden?

Eine richtige Antwort auf diese Frage hat auch Dotcom nicht. Er weiß, dass er weiterhin unter Beobachtung der Strafverfolgungsbehörden steht - sowohl in den USA als auch in seiner Wahlheimat Neuseeland. Wenigstens die Neuseeländer will Dotcom deshalb für sich zu gewinnen. Vor ein paar Tagen ließ er in Auckland Gratis-Eiscreme verteilen. Während der Pressekonferenz stimmt Dotcom mehrfach Lobeshymnen auf den Inselstaat an und betont, wie sehr das Land wirtschaftlich von seinem Unternehmen profitieren könne. Auf der einen Seite die guten Neuseeländer, auf der anderen die bösen Amerikaner.

Die vom FBI veranlasste Razzia lässt Dotcom während der Presseshow sogar nachspielen. Auf einmal nähert sich ein Helikopter und vermeintlich bewaffnete Spezialeinheiten seilen sich von den Häuserdächern neben der Pressekonferenz ab. Schüsse sind zu hören. Es ist eine Art Vergangenheitsbewältigung durch öffentliche Inszenierung.

Rückzug aus Öffentlichkeit angkündigt

Umso überraschender ist die Ankündigung, er werde sich in nächster Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Im Frühsommer wolle er ein Buch veröffentlichen. Außerdem steht noch der Launch seines Musikdienstes Megabox an. Mit diesem will Dotcom Künstler eine Möglichkeit bieten, ihre Musik direkt an die Kunden zu verkaufen - ohne daran mitverdienendes Plattenlabel.

Auch die Filmindustrie sollte sich nicht zu sicher fühlen. Anderthalb Stunden nach dem Start der neuen Plattform hatte Dotcom am Samstagabend auf Twitter den Screenshot eines eigenen Filmportals veröffentlicht. Eine Stichelei gegen die Motion Picture Association of America (MPAA), der Verband der großen amerikanischen Filmunternehmen, die Dotcom Urheberrechtsverbrechen im großen Stil vorwerfen. Nähere Angaben, was es mit dem Screenhot auf sich hat, machte der Internetunternehmer nicht. Wahrscheinlich muss man sagen: noch nicht.