19. Dezember 2012 13:47 Neue Instagram-Nutzungsbedingungen Empörung ist gut, Erkenntnis ist besser

Neue Nutzungsbedingungen? Die liest doch eh niemand. So hat man sich das bei Instagram offenbar gedacht. Tatsächlich handelt sich das Foto-Netzwerk mit den Änderungen einen kolossalen Shitstorm ein. Jetzt ist Schadensbegrenzung angesagt und eine Debatte über die Zukunft des Social Web.

Von Pascal Paukner

Eigentlich ist das Gründen eines Internetunternehmens heutzutage recht einfach. Man programmiert eine halbwegs brauchbare Smartphone-App, lässt einen Jurastudenten einige Dutzend Seiten mit nichtssagenden Floskeln füllen, nennt das Nutzungsbedingungen, veröffentlicht es und verdient mit Datenverkauf sein Geld. So zumindest stellen sich viele das Geschäft vor. Denn die Nutzungsbedingungen, so die öffentliche Meinung, die liest doch sowieso niemand.

Glaubt man einer amerikanischen Studie, müsste der durchschnittliche Internetnutzer jährlich 201 Stunden aufwenden, wollte er alle AGB lesen, die er akzeptiert. Das macht niemand. Es ist ja auch kein sonderlich neues Phänomen, das erst mit dem Internet über die Welt hereingebrochen kam. Schließlich kennen auch die wenigsten Bahnfahrer die Beförderungsbestimmungen der Deutschen Bahn und Spaziergänger in öffentlichen Parks sind äußerst selten mit sämtlichen Details der städtischen Grünanlagenverordnung vertraut.

Genau auf diesen Effekt muss auch Instagram gesetzt haben, als es in dieser Woche neue Nutzungsbedingungen vorstellte. Anders ist es kaum zu erklären, weshalb das Unternehmen mit so wenig Bedacht vorging und dem Nutzer die Neuerungen nirgendwo anschaulich erklärte. Schließlich passierte dann, was inzwischen fast immer passiert, wenn eines der wichtigeren Internetunternehmen neue Nutzungsbedingungen einführt: Der Shitstorm zog auf.

Hobby-Datenschützer gegen Internet-Nihilisten

Tausende Nutzer fühlten sich übergangen, alleingelassen und äußerten ihren Unmut über die Änderungen. Die Befürchtung, Instagram könne künftig zur digitalen Fotoagentur werden, trieb sie zum Protest im Netz. Noch am Dienstagabend musste Instagram-Gründer Kevin Systrom schließlich eingreifen. In einem Blogpost erklärte er die Nutzungsbedingungen und kündigte kleinlaut nutzerfreundliche Änderungen an.

Das war zu einem Zeitpunkt, als im Netz bereits die Auseinandersetzung über die Deutungshoheit der Ereignisse tobte. Auf der einen Seite: aufgebrachte Instagram-Nutzer, Hobby-Datenschützer und nörgelnde Journalisten. Auf der anderen Seite: Zyniker, Besserwisser und Internet-Nihilisten, die in etwa der Meinung waren, in einem kapitalistischen System müsse man eben mit der Marktmacht der Internetkonzerne leben oder sich alternativ sein eigenes Internet gründen.

Zu einem abschließenden Ergebnis führte die Netzdebatte bislang nicht. Vielleicht aber ergibt sich daraus ja noch etwas. Die Frage, wie abhängig das Social Web von den großen Netzkonzernen ist, gewinnt seit Monaten an Dringlichkeit. Unternehmen wie Facebook und Twitter stellen im Netz längst die Infrastruktur für öffentliche Debatten und Diskurse dar. Plattformen wie Tumblr oder Instagram leisten Gleiches für die Kunst. Geraten sie unter Kostendruck oder laufen sie wie Instagram Gefahr, zur Einnahmequelle des Mutterkonzerns zu werden, wäre darüber jetzt eine unaufgeregte Debatte abseits von jeglichem Shitstorm angebracht.