16. Dezember 2012 19:20 iPhone, Mac und Co Schluss mit Apple

Seit 20 Jahren betet unser Autor die Produkte von Apple an. Jetzt macht er Schluss. Warum? Weil er sich verraten fühlt - und weil Apple böse wurde. Die traurige Geschichte vom Ende einer Liebe.

Von David Pfeifer

Ich mag mein iPhone nicht mehr. Das ist insofern ungewöhnlich, als ich anfangs eine geradezu obsessive Beziehung zu ihm hatte. Mein iPhone und ich, das war irgendwas zwischen einer Affäre im On/Off-Modus und einem zickigen Haustier, auf das man nicht treten sollte. 2008 habe ich mir eines besorgt, ich war nicht unter den ersten Käufern, aber ich war früh dran. 2011 dann das zweite. Es wird mein letztes gewesen sein. Mein letztes in einer langen Reihe von Apple-Produkten seit 1992. Nun ist Schluss, es ist vorbei. Aus.

Ich wurde verarscht, getäuscht, schlecht behandelt - und dann kamen noch Dinge ans Tageslicht, die ich lieber nicht gewusst hätte. Zu viel ist passiert in den vergangenen zwei Jahren: So kann ich kein entspanntes Verhältnis mehr zu meinem iPhone, iMac oder MacBook Pro haben. Lange, sehr lange habe ich mir das angesehen, nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem klar ist: Zu einem Idioten gehören immer zwei. Einer, der ihn dazu macht, und einer, der sich dazu machen lässt.

Man kann mir Naivität unterstellen - schließlich habe ich erst Skrupel bekommen, als in der Presse breitgetreten wurde, dass sich in China die Arbeiter beim Apple-Teile-Lieferanten Foxconn umbringen, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen. Dass man nicht durch Humanismus zum wertvollsten Börsenunternehmen der Welt wird, war mir auch vorher klar.

Apple erzielt Traumrenditen, von denen andere nur träumen können

Aber Apple macht nicht nur Gewinn, der Konzern erzielt mit diesen Ausbeutermethoden Traumrenditen, von denen Hersteller anderer elektronischer Geräte nur träumen können. Normalerweise setzt nach jeder technischen Erfindung ein unbarmherziger Preiskampf ein, an dessen Ende ein MP3-Player nur noch zehn Euro kostet.

Apple aber stellt sich der Konkurrenz nicht, sondern überzieht sie mit Patentklagen. Und um die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern muss Apple sich nicht scheren, solange Kunden wie ich trotzdem weiterhin Mondpreise bezahlen. Interessant ist die Frage, warum aufgeklärte Konsumenten die Herstellungsbedingungen ausgerechnet bei Apple konsequent ausblenden.

Als Ende der 1990er-Jahre die ersten Geschichten über die Arbeitsbedingungen beim Sportschuhhersteller Nike in dessen asiatischen Fabriken ans Licht kamen, war das ein herber Imageverlust. Der Nachweis sauberer Produktionsmethoden gehört mittlerweile ins Stammbuch der meisten Weltkonzerne. Apple aber entzog sich den obligatorischen Öko-Standards.

Erst als sich 2012 der Protest von Macianern regte, erklärte der Konzern, wenigstens die reichlich laschen US-Umwelt-Standards für die Recycle- und Reparierbarkeit von Elektrogeräten zu erfüllen. Bis heute werden nicht ersetzbare Teile in Apple-Geräten verbaut, an den Rest gelangt man nur mit Spezialwerkzeug.

Umso erstaunlicher, dass Apple-Produkte weiterhin als Statussymbole taugen - vor allem in einer Gesellschaftsschicht, die sich etwas darauf einbildet, das Auto gegen ein Fahrrad getauscht zu haben und kein Fleisch mehr zu essen.

Vielleicht lässt sich diese Schizophrenie mit einer Studie erklären, die vor zwei Jahren durch die Presse geisterte. Demnach fühlen sich die Käufer von Bio-Produkten berechtigt, sich vorzudrängeln und beim Bezahlen zu schummeln, weil sie ihr Verhalten sowieso für überlegen halten.

So ließe sich erklären, warum man von Prenzlauer Berg in Berlin bis zum Münchner Glockenbachviertel weiterhin den Apfel durch die Glasfronten der Cafés mit W-Lan leuchten sieht, und warum weiße Kopfhörerkabel sogar in den Camps der Occupy-Bewegung auszumachen waren. Apple, dieser riesige, schillernde Tempel des Turbokapitalismus, wird nicht angegriffen, weil die Kunden sich für etwas Besseres halten und vermutlich den eigenen Gerätepark nicht entwerten wollen.

Ich habe nichts gegen Distinktionsgewinn und Warenfetischismus, aber das Zurschaustellen meines MacBooks oder iPhones an öffentlichen Orten erscheint mir zunehmend so, als würde ich in Klamotten aus Bangladesch in einem Hummer-Jeep durch ein Biotop brettern.

Als die Apple-Produkte rauskamen waren sie so schick, so sexy, so gut

Nun kann man sich vielleicht nicht für alles Elend der Welt verantwortlich fühlen; man kann sich auch nicht allzeit politisch korrekt verhalten (PC!). Ich vermute als aufgeklärter Konsument natürlich auch Ausbeuter und Umweltfeinde unter den Herstellern meines Flachbildfernsehers, meiner Möbel und meiner Lebensmittel. Aber ich vermute sie eben nur.

Bei Apple allerdings häufen sich die Hinweise. Deswegen ist es mir heute auch unangenehm, dass ich die Firma seit Jahrzehnten unterstütze. Mit einem beigen Quader namens Apple Macintosh Classic II fing es vor 20 Jahren an. Seitdem habe ich einen ganzen Schrottplatz an Apple-Geräten angehäuft, Quadra, PowerBook, ein bonbonbunter iMac, Titanium-Baureihe... Ich will gar nicht wissen, was das alles insgesamt gekostet hat, einen bedenklichen fünfstelligen Betrag auf jeden Fall. Die Geräte sind nach zwei, drei Jahren ja meistens schon veraltet.

Aber als sie rauskamen, waren sie so schick, so sexy, so gut. Und zwar nicht nur gut im Sinn der Qualität. Gut im Sinn von: auf der richtigen Seite stehen. Das Böse, das war Microsoft, das war Bill Gates. Microsoft versuchte, ein Monopol zu errichten, Konkurrenten zu schlucken oder zu vernichten, die Weltherrschaft zu übernehmen.

Als Apple-User war man Einwohner des kleinen gallischen Dorfes, das sich dieser Übermacht entgegenstellte. So fühlte es sich in den 1990er-Jahren an, wenn man Apple kaufte. Dass man für die gleiche Qualität mehr bezahlen musste als einer dieser "PC"-Käufer: schon okay. So wie man heute für Ökoprodukte mehr bezahlt, selbst wenn nicht klar ist, ob sie gesünder sind. Man bezahlt auch für das erhabene Gefühl.

Die Zeiten haben sich geändert, Bill Gates hat sich lange aus dem Geschäft zurückgezogen und Milliarden in wohltätige Stiftungen investiert, während Apple gleich ein paar Weltherrschaften errichten konnte, die mit äußerster Härte verteidigt werden.

Nun hat Steve Jobs selber nie behauptet, ein netter Mensch gewesen zu sein. Aber es ist dann doch erstaunlich, wie man die von ihm gewünschte und geförderte Biografie aus dem vergangen Jahr zusammenfassen kann: Dem Buch zufolge hatte Jobs eine ziemliche Sozialstörung.

Weltherrschaftsphantasien waren noch ein sympathischer Teil seines Ich-Kults. Wobei man in so eine Erfolgsgeschichte ja auch immer die Frage hineinliest, ob man selbst reicher, mächtiger, berühmter wäre, wenn man sich wie eine offene Hose verhalten würde. Wer weiß. Sicher ist: Auch ein erfolgreicher Sektierer ist immer noch ein Sektierer.

Mein Facebook-Verlauf füllte sich nach Jobs' Tod schneller mit Kondolenzen, als ich Freunde disconnecten konnte. Dabei war es Steve Wozniak, der einfach nur bessere Computer bauen wollte. Woz, wie er ehrfurchtsvoll genannt wird. Woz' technisches Genie und Jobs' Ehrgeiz haben uns Geräte beschert, zu denen ich bis heute ein fast erotisches Verhältnis habe. Die Überführung der superreduzierten Bauhaus-Philosophie in das Informationszeitalter wird mich weiterhin mit Begeisterung erfüllen. Bis heute haben die Apple-Geräte eine haptische Sexyness, die dazu führt, dass man sie einfach gerne besitzen möchte.

Jobs zog seine Produktvorstellungem in Stil von Gottesdiensten auf

Wobei Apple mittlerweile von einigen Konkurrenten eingeholt wurde. Auch andere Hersteller stecken inzwischen mehr Geld und Geist in das Produktdesign - während Apple allmählich formal auf der Stelle tritt. Mit dem Ergebnis: Viele Geräte sind ähnlich ästhetisch - aber Apple ist immer noch teurer.

Bleibt die gesellschaftsverändernde Kraft der Firma, die zu erkennen ist, wenn man im Zug Jugendliche beobachtet, die mit Fingerwischbewegungen versuchen, die Anzeige dazu zu bewegen, etwas anderes anzuzeigen als die verspätete Ankunftszeit. Leider zeichnet sich die Informationsgesellschaft durch ein kurzes Gedächtnis aus. Da kann man noch so viele Patente anmelden - den Touchscreen beispielsweise nehmen die meisten Menschen heute als Standard wahr. Wie ein Lenkrad im Auto, das auch sicher mal jemand erfunden hat.

Dass Steve Jobs es als eine seiner letzten Lebensaufgaben empfunden hat, das Google-Mobilbetriebssystem Android zu zerstören, ist bezeichnend. Cool war nur Woz, Jobs hingegen war der Mann für die Ideologie. Seine Produktvorstellungen zog er im Stil von Gottesdiensten auf. Seine Stärke war das Marketing.

Wie verkniffen Jobs und seine Konzernphilosophie dabei immer waren, konnte ich erst vor Kurzem im Spiegel nachlesen. Da erschien ein Bericht über die bizarren Schulungs- und Arbeitsbedingungen in den Mac-Stores. Zum Beispiel müssen sich die Verkäufer angeblich Gedichte ausdenken. Etwa dieses: "Welch ein toller Ort / Community, Freunde und Spaß / Ja zum Apple Store!"

Abgesehen davon liegen die Arbeitsbedingungen zwar über den Standards bei Foxconn, allerdings deutlich unter denen bei Karstadt. Schlechte Bezahlung, ständige Kontrolle, Begeisterungsterror. So richtig begeistert kann man einen Apple-Store nicht betreten, wenn man weiß, dass der Verkäufer weder mit Werkzeug helfen darf noch dort arbeiten könnte, ohne ausgebeutet und in Versform erniedrigt zu werden.

Bleibt die Online-Bestellung. Theoretisch. Was aber passiert, wenn man beim Apple-Telefonservice landet, zum Beispiel deshalb, weil die halbe iTunes-Musiksammlung nach einem Gerätewechsel verschwunden ist: geschenkt. Vermutlich hätte man sich die absurd teure Garantieverlängerung dazukaufen sollen (wenn das Gerät problemlos älter als ein Jahr werden soll). Im Store wird einem das gern aufgeschwatzt - als hätte man es mit Versicherungsvertretern im Beteiligungsrausch zu tun. Nur ohne Beteiligung.

Tja, und dann ist noch was passiert, dieses Jahr, was dann eben gar nicht mehr geht, selbst wenn man die schönsten Geräte und die beste Technik erfinden würde. In diesem Jahr wurde das Geschäft nämlich endgültig ideologisch. Apple verkauft ja schon lange nicht mehr nur Geräte, sondern auch Inhalte. Mit welcher monopolistischen Kaltschnäuzigkeit der Konzern dabei vorgeht, durften die Produzenten von Apps vor Kurzem feststellen.

Apple hob die Preise im App-Store in Europa einfach um durchschnittlich einen Euro pro App an. Dabei bezog Apple die Verhandlungsposition von, sagen wir mal, Darth Vader. Es wurde einfach gar nicht verhandelt, sondern in Kenntnis gesetzt. Die Apps-Hersteller gingen dann zähneknirschend mit den Preisen runter, damit sie weiterhin ihre Produkte im "App-Store" verkaufen können.

Auch bei iTunes wurde es ulkig, als Hörer von naturgemäß obszöner Hip-Hop-Musik unlängst bemerkten, dass die expliziten Versionen ihrer legal gekauften und bezahlten Lieder über Nacht durch jugendfreie Versionen ausgetauscht worden waren. Wo vorher ein "motherfucker" zu hören war, wurde nun ausgeblendet oder überpiept.

Je nach Lied und Interpret kann da bei Hip-Hop eine Menge Text verloren gehen. Dafür musste man nur einen Apple-Service für 24,99 Euro im Jahr bestellen, der die Song-Liste auf alle verfügbaren Apple-Geräte im Haus vervielfältigt. Eigentlich praktisch, ich bin schließlich nicht der Einzige, der einen Apple-Maschinenpark zu Hause herumstehen hat und noch einige Geräte mit sich herumschleppt.

Der Macintosh Classic II - wie das Foto einer vergangenen Jugendliebe

Dieser US-amerikanische Puritanismus kippt nach unserer Sichtweise sowieso schnell ins Absurde. Zum Beispiel als Apple vor Kurzem zwei Bücher des Autors Peter Øvig Knudsen über die dänische Hippie-Bewegung aus dem Apple-Store entfernte, weil nackte Menschen auf dem Cover abgebildet waren. Wie gesagt, es geht um die Hippie-Bewegung, inhaltlich ist das also durchaus gedeckt, auch für US-Moralwächter müsste das leicht zu begreifen sein, denn die Bücher heißen "Hippie 1" und "Hippie 2". Und überhaupt, wie kommen die dazu, so was zu zensieren?

Knudsen machte sich den Spaß, die entscheidenden Teile des Covers daraufhin mit Äpfeln abzudecken. Ein paar Tage blieb das neue Cover anschließend im Store, dann wurde es wieder gesperrt. Vielleicht hatte dann doch jemand bemerkt, am Hauptsitz von Apple in Cupertino, dass es ein Gag auf Kosten der Firma war. Dass Titel von Zeitschriften im App-Store zensiert werden, ist seit Langem üblich. Aber irgendwie regt sich niemand so richtig darüber auf. Die Zulieferer, auch die deutschen Verlage, haben wenig Macht in dieser Frage, denn die Macht haben die Konsumenten durch ihre Produktkäufe leider Apple übertragen. Und solange wir weiter und weiter kaufen, kann der Konzern machen, was er will.

Nur wird mir das jetzt eben alles zu lächerlich. Mein iPhone hat sowieso seit einem Jahr einen Sprung im Gehäuse. Es fiel einmal runter, das hat gereicht, und bei T-Mobile teilte mir die freundliche Kundenberaterin mit, eine Reparatur koste pauschal 240 Euro, "da haben wir keinen Einfluss drauf, das sind die Apple-Preise."

Im Februar läuft der Vertrag aus, dann motte ich entweder mein altes, viel kleineres Nokia wieder aus oder bestelle mir ein neues Smartphone. Bald werden auch die anderen Geräte in meinem Haushalt wieder veraltet sein, irgendein Betriebssystem, das wie ein Raubtier heißt, wird von meinem Prozessor nicht mehr verstanden werden, und dann: Aus.

Der Apple Macintosh Classic II, der immer noch in meinem Regal steht, wird auch das überleben. Er steht da ja schon lange nicht mehr als Gebrauchsgerät, sondern als Erinnerungsstück. Es ist wie mit dem Foto einer vergangenen Jugendliebe, an dem man ab und an vorbei geht und sich fragt, was wohl gewesen wäre, wenn man sich nicht auseinandergelebt und irgendwann getrennt hätte.