17. Mai 2010, 20:56 Internet-Thesen des FAZ-Herausgebers "Schirrmacher ist Zaungast"

In seinem neuen Buch beklagt Frank Schirrmacher die Überforderung durch das Internet. Nun übt der Psychologe Peter Kruse heftige Kritik an den Thesen des Autors.

Interview: Johannes Kuhn

"Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen", lautet der Untertitel des neuen Buchs von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Darin beklagt der Autor die Überforderung durch die tägliche Informationsflut aus dem Netz und warnt vor einer computerdominierten Zukunft. Im Interview widerspricht ihm der Bremer Psychologe Peter Kruse heftig.

Der Psychologe Peter Kruse

(Foto: Foto: nextpractice, oH)

sueddeutsche.de: Professor Kruse, in "Payback" schildert Frank Schirrmacher die Folgen der Digitalisierung der Welt. Können Sie seine Sicht teilen?

Peter Kruse: Herr Schirrmacher begeht in seinem Buch einen erstaunlichen Denkfehler durch die Einseitigkeit der von ihm gewählten Perspektive: Er betrachtet die digitale Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Person, die das Geschehen als distanzierter und bewertender Beobachter erlebt. Wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakophonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert und vielleicht sogar aggressiv belästigt. Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.

sueddeutsche.de: Haben wir mit dem Internet nicht tatsächlich längst den Rahmen des Kontrollierbaren verlassen?

Kruse: Ja, aber wieso ist das eine dermaßen angsteinflößende Katastrophe? Auf nahezu jeder Seite von "Payback" spürt man das Unwohlsein des Autors angesichts des realen oder befürchteten Kontrollverlustes: Herr Schirrmacher vertritt offenkundig die Idee, dass es die Aufgabe des Individuums ist, sich die Welt untertan zu machen, sie zu beherrschen oder wenigstens zu bewältigen - alles eine Frage guten Managements. Er konstruiert einen scharfen Gegensatz zwischen den Netzen und den Nutzern. Mit der sozialen Software des Web 2.0 hat ein derartiger Gegensatz seine Gültigkeit eingebüßt. Das Netz ist kein schrilles Informationsmedium mehr, das man vorsichtig und möglichst geschickt nutzen sollte, sondern es ist selbst zu einem faszinierenden Kommunikations- und Lebensraum geworden, den es zu erkunden und mitzugestalten gilt.

sueddeutsche.de: Was folgt aus einem solchen Perspektivenwechsel?

Kruse: Betrachtet man das Internet als ein Netzwerk, in dem Menschen vergleichbar mit dem Phänomen der Sprache eine lebendige Kulturleistung hervorbringen, dann entspannt sich der geplagte Geist und das Gefühl der Überforderung nimmt ebenso schnell ab wie die Belastung durch empfundene persönliche Verantwortung. Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben. Ansonsten ist es ein echter Turbolader für überindividuelle Prozesse. Auf einem Fernseher versucht man ja auch nicht, jeden einzelnen Bildpunkt zu analysieren. Im Internet geht es tatsächlich immer "ums Ganze".

sueddeutsche.de: Was bedeutet das konkret für den Nutzer, der sich im Netz bewegt?

Kruse: Es geht darum, sich auf das Experiment neuer Strategien im Umgang mit Information einzulassen. Mit dem Netz haben alte Rezeptionsgewohnheiten ihre Gültigkeit verloren. So löst das Prinzip des Hypertextes Aussagen radikal aus ihrem Ursprungszusammenhang: Ich kann gezielt auf einen Satz zugreifen, ohne den eigentlich zugehörigen sinnstiftenden Kontext mitgeliefert zu bekommen. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass die Informationen im Netz mehrdeutiger und schwerer verständlich bleiben müssen. Im Internet ist beispielweise die Entstehungsgeschichte einer Information automatisch mit dokumentiert: wo kommt sie her, wer hat sie weiterempfohlen, wie sahen frühere Versionen aus oder womit wurde sie bereits von anderen in Verbindung gebracht. Wenn man diese an ein Gespräch erinnernden Formen der Kontextbildung nutzt, sieht die Situation bei weitem nicht mehr so düster aus.

sueddeutsche.de: Frank Schirrmacher beklagt auch, dass eine durch das Netz geprägte Welt diejenigen ausschließt, die sich nicht im Internet bewegen.

Kruse: Damit wären wir wieder beim Vergleich mit der Sprache. Wenn ich das Reden verweigere, kann ich kaum der Sprache zum Vorwurf machen, dass niemand meine Gedanken zur Kenntnis nimmt. Die Netzwerke können nicht die Menschen ausgrenzen, sondern nur die Menschen die Netzwerke. Das Internet ist eine Einladung zur Kommunikation in einer neuen Dimension. In der modernen Industriegesellschaft sind die Netze ein allgegenwärtiges Angebot und die Schwelle zur ihrer Nutzung ist denkbar gering. Nicht teilzunehmen, ist daher nur noch ideologisch und kaum mehr praktisch begründbar.

sueddeutsche.de: Eine Verweigerung, am Geschehen in den Netzen teilzunehmen, wäre Ihrer Meinung nach also töricht?

Peter Kruse ist Psychologe mit dem Schwerpunkt Komplexitätsverarbeitung in intelligenten Netzwerken. Er lehrt als Honorarprofessor an der Universität Bremen zum Thema kollektive Intelligenz und ist als Unternehmensberater tätig. Das

Personalmagazin

wählte ihn 2009 zum dritten Mal in Folge in die Liste der "40 führenden Köpfe im deutschen Personalwesen".

(Foto: Foto: nextpractice, oH)

Kruse: Ja, so töricht, wie jede Verweigerung der Teilnahme an sozialer Gemeinschaft. Das Internet ist ein Gehirn aus vielen Gehirnen - sehr dynamisch und komplex, unkontrollierbar und überraschend sicherlich, aber auch mit einer immanenten Tendenz zur stabilen Musterbildung. Wo Menschen interagieren, entsteht immer Ordnung.

sueddeutsche.de: Und was ist mit der Marktmacht einzelner Internet-Unternehmen wie Google?

Kruse: Ich würde mit diesem entspannten Gefühl sogar so weit gehen, dass es mir fast egal ist, wer die entstehende kollektive Intelligenz rein physikalisch am Leben erhält. So wenig wie ein Gedanke auf die neuronale Struktur des Gehirns zurückführbar ist, so wenig garantiert das Zurverfügungstellen von Speicherplatz und Serverarchitektur die Hoheit über die Inhalte im Netz. Solange das schon vom Vater des Internets, Tim Berners-Lee, erträumte automatische Sprachverstehen noch nicht realisiert ist, hat Orwells "großer Bruder" immer noch das Problem, die ungeheuren Ströme von Information nicht wirklich systematisch durchforsten zu können. Am Ende ist der "große Bruder" dann auch nur ein Netzwerkteilnehmer unter vielen und durchaus keine ultimative Machtinstanz. Die überbordende Fülle und die Unkontrollierbarkeit der Netze sind ein wünschenswerter Schutz vor Manipulation und keineswegs eine "Körperverletzung", wie Schirrmacher formuliert.

sueddeutsche.de: Was ist es, was das Netz antreibt - Zufall, menschlicher Wille, der Code?

Kruse: Das Netz ist ein eigenständiger menschlicher Kulturraum und als solcher folgt er den Prinzipien, die für jede Kultur gelten. Natürlich sind die Netze durch die Menschen bestimmt und kein autonomer, Nerven oder Kinder fressender Moloch. Aber wie jedes kollektive Phänomen sind die Netze in den erzeugten Effekten größer als die Summe der beteiligten Einzelintelligenzen. Im Gegensatz zu den Interaktionen in den für uns selbstverständlichen Kulturräumen besitzen die Interaktionen im Internet aber tatsächlich eine viel größere Reichweite und Ausbreitungsgeschwindigkeit. Mit der sozialen Software des Web 2.0 wurde aus einem Informationsmedium ein soziales System, in dem das Entstehen und Vergehen kultureller Ordnungsmuster mit einer erstaunlichen Unmittelbarkeit beobachtet werden kann. In den Netzen laufen alle Prozesse wie im Zeitraffer ab.

sueddeutsche.de: Verändert unsere digitale Umwelt dadurch die kollektive Willensbildung?

Kruse: Nicht die digitale Umwelt, sondern die darin bestehende Möglichkeit der Vernetzung ist der bedeutsame Treiber kollektiver Willensbildung. Erinnern Sie sich noch an den Protest gegen die Volkszählung 1987? Damals haben die Menschen ihre Meinung dadurch verbreitet, dass sie Kommentare auf Geldscheine geschrieben haben. Durch die Zirkulation des Geldes erreicht man relativ schnell relativ viele Menschen. Selbst Geldscheine können also ein Medium der Vernetzung sein. Über die Einwanderungswelle der Menschen ins Netz, die mit Applikationen wie Facebook oder Twitter einen erstaunlichen Schub bekommen hat, ist das Internet allerdings diesbezüglich ein ganz anderes Kaliber geworden. Schauen Sie sich die momentan in ganz Europa laufenden Studentenproteste an: Da entschließen sich zirka vierhundert Wiener Studenten spontan den Audimax der Universität zu besetzen und ihre Aktionen konsequent unter #unibrennt, #unsereuni und #bildungsstreik zu virtualisieren. Bereits vier Wochen später sind 98 Universitäten beteiligt, sie erreichen über Twitter, Facebook und Videostream täglich ein Millionenpublikum und die Inhalte ihres Protestes sind in aller Munde, inzwischen hat die Politik die Forderungen auf ihre Agenda gesetzt. Das ist der kurze Abschied vom langen Weg durch die Instanzen: Agenda-Setting ohne Lobbyarbeit, ohne Parteistrukturen und weitgehend ohne die Macht der etablierten Medien. Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr Herr Schirrmacher?