27. Januar 2013, 09:51 Freies Betriebssystem Warum Linux die Zukunft gehört

Apple kennt jeder. Aber wer weiß schon, dass Linux viel wichtiger ist? Egal ob man googelt, den Fernseher einschaltet, twittert oder bei Amazon einkauft - die Software steckt hinter allem. Und das ist auch gut so.

Von Helmut Martin-Jung

Ist ja längst Routine: Knopf am Computer drücken, kurz warten, bis die Hieroglyphen auf dem Bildschirm einer hübschen Oberfläche mit dem Foto von HundKatzePartnerKind weichen, oder dem obligatorischen Palmenstrand-Bild. Dann klickt man mit der Maus auf eines von vielen Symbolen und startet ein Programm: Auf das kleine blaue "e" mit dem Planetenring - zum Internetsurfen. Oder das zum Bearbeiten der Fotos. Oder . . .

Schon gut: Natürlich wissen Sie das alles selbst. Sie können es im Schlaf, schließlich arbeiten Sie täglich damit. Haben Sie sich aber auch schon mal gefragt, wie das alles da so schön einfach und reibungslos funktionieren kann? Seien Sie versichert: Man muss kein Computernerd sein, um das ansatzweise zu verstehen. Es sollte eigentlich zum Allgemeinwissen gehören. Aber die meisten schalten auf Durchzug, wenn sie nur "Betriebssystem" hören.

Also noch mal: Damit das alles läuft, ist eine Software nötig, eben das "Betriebssystem". Man kann es sich vorstellen wie das Wasser im Schwimmbad (wobei das Bad selbst dann der Computer wäre): Trocken ist so ein Becken nutzlos. Lässt man aber Wasser ein, dann können viele Schwimmer - sie entsprächen den Anwendungsprogrammen - darin schwimmen.

Tausende Menschen entwickeln mit

Irgendwie klar, dass es für ein solches System eine große, mächtige Firma braucht. Eine, bei der Zehntausende Programmierer arbeiten, die an der Börse ist, für jeden denkbaren Job einen Manager hat, eigene Forschungslabors betreibt. Eine wie Microsoft, wie Apple. Oder?

Von wegen! Das erfolgreichste Betriebssystem der Welt stammt überhaupt nicht von einer Firma, es wurde und wird geschrieben und weiterentwickelt von Tausenden Menschen auf der ganzen Welt. Alleine in der Zeit, die Sie bis hierher zum Lesen gebraucht haben, wurden ungefähr 600 Linux-Telefone erstmals in Betrieb genommen, pro Tag sind es etwa eine Million. Wenn Sie jetzt googeln wollen, was eigentlich ein Linux-Telefon ist: Googles Rechner-Farmen laufen auch auf Linux.

Oder Sie wollen sich bei Amazon ein Buch zum Thema bestellen oder die Facebook-Freunde fragen, vielleicht auch darüber twittern - alles Linux. Neue internetfähige Fernseher? Linux. Ihr neuer Empfänger fürs Digitalfernsehen, Ihr Auto-Entertainment-System? Na, Sie wissen schon. Aber wussten Sie auch, dass mehr als neun von zehn Supercomputern mit Linux laufen? Und dass von den schnellsten 500 bis auf schlappe 25 alle auf Linux setzen und davon nur ganze zwei auf Windows?

Wäre Linux ein kommerzielles Produkt einer Firma, schon längst hätten die Kartellämter und Regulierungsbehörden einschreiten müssen, aber das ist es eben gerade nicht. Und so kommt es, dass die Idee eines Studenten mehr oder weniger heimlich die Welt der Computer erobert hat.

Helsinki, 1991. Ein 21-jähriger finnischer Informatik-Student schreibt zur Vorbereitung auf eine Vorlesung ein Programm, das es ihm erlaubt, auf die Rechner in der Uni zuzugreifen. Linus Torvalds heißt er - "Ich war ein Freak. Ein Nerd. Ein Geek. Praktisch von klein auf" - und er merkt bald, dass das, was er da produziert hat, viel mehr ist als nur ein einfaches Handwerkszeug.

Kurz darauf entschließt sich Torvalds dazu, seine Software, Linux, frei anzubieten. "Das", wird er später sagen, "war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe." Jeder darf fortan die Software kostenlos kopieren, studieren, sogar nach eigenem Gusto verändern. Einzige Bedingung: Was dabei herauskommt, muss ebenso frei zur Verfügung gestellt werden.

Keine Sache für Freaks, Nerds und Geeks

Das klingt nach einer Sache für Freaks, Nerds und Geeks, für Leute wie Torvalds eben. Und genau das ist Linux auch eine Zeit lang gewesen. Bunte Oberflächen, wie man sie von Microsoft oder Apple kannte, das suchte man vergebens. Was es gab, das waren simple Zeilen, in die man für Außenstehende kryptische Befehle eintippte.

Doch das hat sich geändert. Das Linux-Betriebssystem, das quasi auf allem läuft, was irgendwie einem Computer ähnelt, kommt inzwischen in so vielen Verkleidungen daher, dass es normalen Nutzern gar nicht mehr auffällt, dass sie es benutzen. Denn obwohl der Kern des Systems immer der gleiche ist, lassen sich nahezu beliebige Oberflächen und Bedienkonzepte, also quasi Outfits, darüberstülpen.

In der Handy-Branche kann man das recht gut beobachten. Die weitaus meisten aller sogenannten Smartphones - internetfähige Telefone mit großem Berührungsbildschirm - laufen inzwischen mit dem System Android. Android ist eine Abart von Linux, die der Internetkonzern Google entwickelt. Es gibt Android-Handys nicht bloß von Google, sondern auch von Herstellern wie Samsung, Sony, HTC, LG und vielen anderen.

Doch sie verwenden Android meist nicht so, wie es von Google kommt. Sie nehmen die Software, die Google entsprechend den Regeln frei verfügbar macht, und passen sie entsprechend ihren Vorstellungen an. Und deshalb sieht zwar der Startbildschirm eines HTC-Smartphones anders aus als einer von Samsung, unter der Oberfläche aber steckt der gleiche Betriebssystemkern. Und man kann auf den Handys die gleichen Zusatzprogramme von Drittanbietern, die Apps, laufen lassen.

Dass sich Linux an eine unglaubliche Vielzahl von Geräten anpassen lässt, dass es auf Supercomputern ebenso funktioniert wie im Autoradio, das ist eine seiner größten Stärken, aber nicht die einzige. Die zweite rührt von der Art und Weise her, in der es entsteht. Seit 2005 haben mehr als 8000 Programmierer von mehr als 800 Firmen aus aller Welt Vorschläge eingereicht, wie der Linux-Kern verändert werden könnte.

15 Millionen Zeilen Programmier-Code kamen so zustande, das ist tausendmal so viel wie Homers "Ilias". Alle Vorschläge müssen ein mehrstufiges Filterverfahren passieren, bevor Änderungen in die nächste Version aufgenommen werden. Für mehr als 100 Bereiche des Kernsystems gibt es Verantwortliche, das letzte Wort aber hat immer Linus Torvalds.

Kein Betriebsgeheimnis

Die dritte Stärke von Linux ist die Voraussetzung dafür, dass die weltweite Kooperation überhaupt funktionieren kann: seine Offenheit. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass ein Computer Programme nicht so verarbeitet, wie Menschen sie schreiben.

Sie müssen erst umgewandelt werden. Diesen Vorgang aber kann man nur begrenzt rückgängig machen - daher kennen zum Beispiele nur wenige außerhalb von Microsoft den Source-Code, also die Zeilen, die die Programmierer von Windows oder Word ursprünglich geschrieben hatten. Denn Microsoft und viele andere Software-Firmen hüten ihren Source-Code streng: Betriebsgeheimnis.

Bei Linux ist es andersherum. Jeder, der Linux weitergibt, muss den Source-Code mit seinen Änderungen wieder zur Verfügung stellen. Wer Linux oder andere freie Software nur selbst verwendet und nicht weitergibt, muss keinerlei Lizenzpflichten erfüllen. Wer sich auskennt, kann also sofort sehen, was wie gemacht wurde und einen besseren Vorschlag einreichen. Auf diese Weise sind schon viele sehr innovative Programme entstanden, zum Beispiel Hadoop, eine Software, mit der sich riesige Datenbestände effektiv durchsuchen lassen.

Kein Wunder, dass die Liste der Mitarbeiter an Linux sich liest wie das Who's who der Branche. Auf dieser Liste hat auch Linus Torvalds einen festen Platz. Finanzielle Sorgen muss er sich schon lange keine mehr machen. Von Firmen, die dank seiner Software Erfolge feierten, erhielt er Aktienoptionen, außerdem finanzieren sie die Linux-Stiftung. Dort tut Torvalds, was er am liebsten tut: an Linux arbeiten.