5. Februar 2013 16:45 Dropbox-Vizechefin Ruchi Sanghvi "Ich kann Dinge erschaffen, die Millionen User nutzen"

Ruchi Sanghvi war die erste weibliche Ingenieurin bei Facebook. Jetzt ist sie Vizepräsidentin des Datenspeicher-Dienstes Dropbox. Im Interview spricht sie über europäischen Datenschutz, die Konkurrenz von Megaupload und erklärt, wie sie sich in der männlich dominierten Start-up-Szene durchgesetzt hat.

Von Mirjam Hauck

Microsoft-CEO Steve Ballmer nannte den 2007 von zwei ehemaligen MIT-Studenten gegründeten Datenspeicher-Dienst Dropbox kürzlich leicht verächtlich "ein nettes, kleines Start-up". 2011 lehnte das Unternehmen ein Übernahmeangebot von Apple ab. Dropbox hat mittlerweile rund 250 Mitarbeiter und 100 Millionen Nutzer.

Ruchi Sanghvi, 1980 geboren, wuchs in der indischen Industriestadt Pune auf. Sie machte einen Master in Informatik an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania. 2005 kam sie zu Facebook. Dort launchte Sanghvi den Newsfeed und entwickelte Facebook Connect. 2010 verließ sie Facebook und gründete ihr eigenes Start-up Cove, das 2012 von Dropbox gekauft wurde. Sie ist dort jetzt Vizepräsidenten und kümmert sich um das operative Geschäft.

SZ.de: In der Cloud kämpfen Sie mit mächtigen Konkurrenten wie Google, Microsoft, Amazon und Apple um Kunden. Wie können Sie sich als vergleichsweise kleiner Anbieter behaupten?

Ruchi Sanghvi: Wir haben einige Vorteile. Zum einen sind wir die Innovatoren, die mit dieser Idee als Erste auf dem Markt waren, und zum anderen ist unser Dienst für alle Geräte und mit jedem Betriebssystem nutzbar. Apples iCloud oder Microsofts Skydrive werden immer mit Soft- oder Hardware eines Herstellers in Verbindung gebracht. Wir nicht.

Deutsche Institutionen wie das Fraunhofer Institut raten vom transkontinentalen Datentransfer ab, weil der amerikanische Datenschutz lascher als der deutsche sei. Ist das ein Problem für Dropbox?

Wir schützen die Privatsphähre unserer Nutzer, da wir ihre Daten verschlüsseln.

In den USA dürfen Behörden aufgrund des Patriot Acts ohne Richterbeschluss auf Daten zugreifen. In Europa ist das nicht erlaubt. Wie häufig muss Dropbox persönliche Daten herausgeben?

Im vergangen Jahr hatten wir weniger als 40 Anfragen von Strafverfolgungsbehörden. Wir prüfen alle Anfragen sehr genau, um festzustellen, ob sie auch den Gesetzesvorschriften entsprechen.

Kritiker empfehlen Verschlüsselungsprogramme wie Truecrypt, damit Sicherheitsbehörden oder auch die Dropbox-Mitarbeiter nicht an die Daten gelangen.

Wie gesagt, wir verschlüsseln die Daten unserer Nutzer. Und in unserem Hilfe-Center gibt es auch Diskussionen und Nutzerberichte darüber, wie Nutzer ihre Daten selbst verschlüsseln können.

Was speichern Sie alles bei Dropbox?

Ich speichere alles, von medizinischen Daten über Kopien meines Ausweises, meines Führerschein bis hin zu meiner Greencard. Das ist dort alles verschlüsselt und daher sicher aufgehoben. Worüber sich die Leute wirklich Gedanken machen sollten, ist, ob sie ein gutes Passwort haben.

Dropbox hat ein einwandfreies Image, obwohl Sie ähnliches anbieten wie Megaupload, also Datenaustausch in der Cloud. Megaupload wurde zum Piratenparadies, Dropbox nicht. Wie machen sie das?

Wie haben einfach eine gute Nutzergemeinschaft und wir haben nie illegale Aktivitäten unterstützt. Bei Dropbox speichern User ihre Arbeitsdokumente oder ihre Fotos. Das sind private Inhalte und wir unterstützen das öffentliche Teilen nicht.

Was ist für die Zukunft geplant, gibt es neue Webapplikationen à la Google Docs?

In der nächsten Zeit gibt es einige Neuerungen: Es werden neue Foto-Alben freigeschaltet, mit denen sich Bilder von Smartphones automatisch bei Dropbox speichern lassen. Zudem sollen Dienste wie Twitter und Facebook besser integriert werden.

Bevor sie zu Dropbox kamen, haben Sie einige Jahre bei Facebook gearbeitet. Als sie 2005 angefangen haben, waren sie dort die erste weibliche Ingenieurin.

Ja, so war das leider bei mir auch schon im Studium, da war ich eine von fünf weiblichen Studentinnen unter Tausenden Männern. Es ist traurig, dass nicht mehr Frauen Informatik studieren. Informatikerin zu sein, ist ein toller Job. Zum einen, weil man damit gut Geld verdienen kann, und zum anderen ist der Beruf sehr kreativ. Ich kann Dinge erschaffen, die Millionen User nutzen.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich in diesem männlich dominierten Umfeld durchzusetzen?

Ich habe hart gearbeitet und daran geglaubt, dass ich mich durchsetzen werde. Aber es reicht ja nicht, still lächelnd eine gute Arbeit zu machen. Man muss auch aktiv werden und sich häufig zu Wort melden. Was von vielen gerne vergessen wird, ist, dass mehr als 50 Prozent aller Internetnutzer Frauen sind. Also sollten wir uns auch aktiv einbringen, um für uns selber die passenden Produkte zu entwickeln.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Frauen in der Tech-Branche kein Vorbild wie Steve Jobs oder Bill Gates haben. Was muss sich ändern?

Das muss in der Schule anfangen. Es muss Mädchen erklärt werden, dass Mathematik und Technik tolle Fächer sind. Das man mit ihnen viel Spaß haben und viel erreichen kann.

Gehen Sie auch in Schulen?

Ja, ich mache das. Schauen Sie, warum sucht man sich einen Job? Weil man Geld verdienen will, und warum sollte man sich dann keinen aussuchen, bei dem man viel Geld verdienen kann? Wenn man technische Fächer studiert hat, heißt das nicht, dass man später im Beruf den ganzen Tag am Computer sitzt. Im Gegenteil. Man redet viel, arbeitet viel in Gruppen zusammen, hat Projektmanagement-Aufgaben. Und das Beste: Man kann seine Fähigkeiten einsetzen, um wunderschöne Designs und Benutzeroberflächen zu entwickeln.

Sie haben in der Start-up-Szene Karriere gemacht. Was raten Sie jungen Frauen, die es Ihnen gleichtun wollen?

Man sollte das Risiko lieben oder es lieber gleich sein lassen. Bei einem Start-up zu arbeiten, gleicht dem Flug einer Rakete, die ins Weltall geschossen wird. Da fragt man nicht, auf welchem Sitz man Platz genommen hat, man fliegt einfach mit und nutzt alle Möglichkeiten, die sich einem bieten. Und wenn es dann am Ende nicht funktioniert, ist das auch kein Unglück, weil man viel gelernt hat. Wer bei einem Start-up dabei war, weiß wie man Produkte entwickelt und launcht und in Teams schnell und gut zusammenarbeitet. Man erfährt viel darüber, wie PR und Marketing funktionieren. Aber auch Psychologie, Datenschutz und Recht stehen quasi auf dem Stundenplan. Man lernt, wie man Leute einstellt, aber vor allem, wie man einen Arbeitsplatz schafft, an dem man selber gerne arbeitet.