24. November 2012, 11:57 Apple sperrt Hippie-Bücher Think prüde

Eigentlich dachten wir immer, dass Apple gerade wegen Love, Peace, Happiness und Acid zu dem geworden ist, was es heute ist. Da die Computerfirma nun aber Hippie-Bücher aus dem iBook-Store löscht, muss Apples konservative Ideologie hinterfragt werden.

Von Bernd Graff

Knackig rote Äpfel statt frei schwingender Hintern: So müssen Fotos sein, damit sie Apple gefallen.

(Foto: Gregers Nielsen/oh)

Kann man sagen, dass der iMac, ein so geradlinig auf sein schnörkelloses Design hin konzipierter Tisch-Computer der Firma Apple, für Anti-Kommunismus steht? Oder, dass das sicheldünne MacBook Air - das Notebook derselben Firma - in seiner makellosen Bauart einen unverbrüchlichen Konservatismus ausdrücken möchte und das Bekenntnis zu unumstößlichen Werten? Bedeutet die Gestaltung von Apples iPhone die gottgestützte Pledge of Allegiance, das mit Religion unterfütterte Treue-Gelöbnis auf die amerikanische Nation und Flagge?

Man muss solche Fragen stellen, wenn man die wunderschönen Geräte der amerikanischen High-Tech-Firma nicht nur wunderschön finden will. Denn deren Reduktion auf das bewusst klare Design hat ihre Wurzeln in der ersten Hälfte und Mitte des letzten Jahrhunderts. Das orientiert sich an Bauhaus und International Style, an der Architektur von Mies van der Rohe und Frank Lloyd Wright an Design-Klassikern von Charles und Ray Eames, vor allem am strengen Modernismus im Kalifornien der Fünfzigerjahre.

Verortete man Apple bislang nur stilistisch in dieser Truman- und Eisenhower-Ära mit ihrem grauen Flanell und den Eight-Gore-Röcken, dann hat man immer öfter guten Grund, den Midas der IT-Branche inzwischen auch ideologisch dort anzusiedeln, und zwar im Konservatismus, in der Prüderie, den überkommenen Normen und Ängsten der Joseph-McCarthy-Jahre. Apple hat kürzlich zwei E-Bücher des dänischen Journalisten Peter Øvig Knudsen aus seinem Sortiment verbannt.

Es sind Dokumentationen zur dänischen Jugendkultur der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre mit den Titeln "Hippie 1" und "Hippie 2". Die Bücher wurden aus dem iBook-Store entfernt. Die thematisch dazu gehörende App-Variante mit Videos und Musik aus der Zeit wurde aus Apples App-Store getilgt. Grund für die Maßnahme: Die Flowerpower-Dänen sind hippie-gerecht auch mal nackt zu sehen. Autor Øvig Knudsen versuchte dem Apfelbann dadurch zu entgehen, dass er auf den 47 als anstößig monierten Bildern die Genitalien und Freischwing-Hintern mit knackig roten Äpfeln überdeckte. Das half. Die Bücher konnten danach wieder über Apple bezogen werden.

Robustes Mandat bei der Ausübung des Hausrechts

Allerdings nur für kurze Zeit. Nach wenigen Tagen muss die für Angemessenheit und Gebührlichkeit zuständige Abteilung bei Apple wohl gedacht haben, dass man sie mit den Scham-Äpfeln veräppele und sprach den Bann erneut aus. Man sollte an dieser Stelle natürlich nicht von Zensur sprechen, nur von einem robusten Mandat bei der Ausübung des Hausrechts im kalifornischen Cupertino, dem Firmensitz von Apple.

Øvig Knudsen verstand das nicht: Außer nacktem Obst war ja nun nichts mehr zu sehen. So schrieb er an die Store-Betreiber, warum denn die getilgte Unzucht nicht wieder in den Verkauf genommen werde. Nur Schweigen kam von dem Unternehmen, das schließlich verkaufen oder nicht verkaufen kann, was es will. Also schrieb der Autor an seinen Kulturminister. Dieser, Uffe Elbaek, kann aber gegen das Gebaren der Privatwirtschaft auch nichts machen und meinte nur öffentlich, Apple müsse "zurück auf den Teppich kommen, alles andere ist unhaltbar."

Erstaunlich an dieser Prüderie-Posse ist jetzt nur auf den ersten Blick, dass man in dem im vergangenen Jahr verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs ja immer den ehemaligen Hippie gesehen hat. Dessen in Indien erweiterter Geist sei gerade wegen Love, Peace, Happiness und Acid zu dem Genie geworden, das den Apple-Mythos vom puristisch aufgeräumten Geräte-Design erst begründen konnte. Dessen Wurzeln sind ja nun bekannt. Nach der Ideologie wird man deshalb ja auch mal fragen dürfen.