Der CSU-Chef hat in Erdogans Rede antieuropäische Töne vernommen und will deshalb die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei überdenken. Doch Hubers Ausfall ist von entlarvender Natur - und ein Angriff auf die Annäherung zwischen Türken und Deutschen. Ein Kommentar von Gökalp Babayigit
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CSU-Chef Erwin Huber übte scharfe Kritik an der Kölner Rede Erdogans.
Foto: AP
Assimilierung ist kein besonders schönes Wort. Aber nicht nur deshalb wird es in der Diskussion um Integration schon seit längerer Zeit nicht mehr verwendet. Die Integration der in Deutschland lebenden Türken, in den vergangenen Jahren langsam in Gang gebracht, kommt sehr gut ohne dieses Wort aus.
Man findet heute keinen deutschen Politiker, der von den Türken Assimilierung fordern würde. Das ist gut. Dass aber die Aufforderung des türkischen Premiers Erdogan an die hier lebenden Türken, sich eben dieser unmodischen Assimilierung zu verweigern, deutsche Politiker zu Drohungen verleitet, ist nicht gut.
Auftritt Erwin Huber: Der Chef der CSU glaubte in Erdogans Rede antieuropäische Töne vernommen zu haben, wodurch er seine Bedenken hinsichtlich eines EU-Beitritts der Türkei belegt sah. Man müsse nun überlegen, ob die Fortführung der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei überhaupt noch sinnvoll sei. Erdogan wolle, dass auch in Deutschland geborene Türken in Deutschland auf immer Türken blieben - und er wolle gemeinsame Werte verhindern.
Abgesehen davon, dass Hubers Interpretation die Frage aufwirft, wieso Erdogan den Kampf um (nicht gegen!) den EU-Beitritt seines Landes im In- und im Ausland mit so harten Bandagen kämpft, wenn er doch in Wahrheit ein Anti-Europäer ist, ist der Ausfall des CSU-Chefs von entlarvender Natur.
Huber sorgt bei integrationswilligen Türken für ein Ärgernis, das diese nur schwer verdauen können. Wenn sein Fazit aus der Erdogan-Rede nur ist, die Integrationsbemühungen - und seien sie auf EU-Ebene - in Frage zu stellen, dann hält er das Zustandekommen gemeinsamer Werte implizit für nicht erstrebenswert. Das ist - trotz aller ernstzunehmenden Probleme mit jungen Ausländern - nicht zu akzeptieren.
Erdogan verteufelte zwar die Assimilierung, das stimmt. Er war es aber auch, der in seiner Kölner Rede seine Landsmänner und -frauen dazu aufrief, die deutsche Sprache zu erlernen und sich aktiv um Integration zu bemühen. Wie wollte er in seiner Rede gemeinsame Werte verhindern?
Die Drohung, die EU-Beitrittsverhandlungen zu stoppen, war der vorläufige Tiefpunkt der Kritik an Erdogans fraglos streitbarer Rede. Was manche Politiker aber vielleicht noch nicht verstanden haben: Dem Heimatland der vielen hier lebenden Türken permanent die Fähigkeit und Würde abzusprechen, in die EU aufgenommen zu werden, hilft ihnen sicher nicht, die "gemeinsamen Werte" mit den Deutschen zu entdecken. Wenn der Heimat, die dann doch die Eltern oder einen selbst geprägt hat, bei jeder Gelegenheit die EU-Tauglichkeit abgesprochen wird, dann wirkt das verletzend.
Es gibt tausend gute Gründe, die man gegen einen EU-Beitritt der Türkei ins Feld führen kann und über die gesprochen werden muss. Die Rede Erdogans gehört aber keinesfalls dazu. "Eine Kampfansage an die Politik in Deutschland" nannte Huber die Rede Erdogans. Die Reaktion des CSU-Chefs erscheint wie eine Kampfansage an die Annäherung zwischen den Deutschen und den Türken.
(sueddeutsche.de/gba/maru)
Leserkommentare (13)
13.02.200811:08:13
Monikamm207:
@ ubor
Ich stimme Ihnen absolut zu. Erdogan hat mitnichten Integration nach deutschen Vorstellungen im Sinn, das Gegenteil ist der Fall, nur versteht er seine wahren Absichten sehr geschickt zu kaschieren.
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Dank ZDF kann man wenigstens eine Aufnahme der Erdogan-Rede mit deutschen Untertiteln ansehen.
Hier wird eindeutig geklärt, wie Erdogan das mit dem Deutschlernen meint. Es dient nicht der Integration, die er ja als Assimilation und daher Teufelszeug ablehnt, sondern soll den Türken lediglich ermöglichen, sich kräftig in die deutsche Innen- und Außenpolitik einzumischen.
Zählt man zwei und zwei zusammen, hier: wertet man diese Aussage vor dem kurz vorher ausgesprochenen Lob für 47-jährige Treue zur türkischen Sprache und Kultur und für den ungebrochenen Zusammenhalt, also die Ghetobildung, dann wird die Botschaft von Köln so klar, wie sie bei den dort versammelten Zuhörern auch angekommen ist: Die Türken sollen von Deutschland aus türkische Politik machen, Deutschland soll zum Vorposten der Türkei werden.
Man kann zu Huber stehen, wie man will – mein Fall ist er nicht gerade -, aber hier hat er ausnahmsweise Recht: Erdogan seinem Land den Stuhl vor die europäische Tür gestellt.
Herr oder Frau Babayigit hat den sicherlich Zusammenhang gekannt und dennoch eine beschönigende Interpretation verbreitet. Ob das noch freier Journalismus ist, wage ich in aller Bescheidenheit zu bezweifeln.
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13.02.200810:43:57
Monikamm207:
Hier noch einmal der vollständige URL zum FAZ-Artikel "Aleviten kritisieren Erdogans Rede":
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13.02.200810:39:27
Monikamm207:Aleviten kritisieren Erdogan - weil sie ihn kennen!
Gökalp Babayigit schreibt: "Es gibt tausend gute Gründe, die man gegen einen EU-Beitritt der Türkei ins Feld führen kann und über die gesprochen werden muss. Die Rede Erdogans gehört aber keinesfalls dazu."
Die Rede Erdogans (und sein gesamtes Auftreten in Köln) gehören sehr wohl dazu! Ich fürchte, Erdogan hat dabei offenbart, was wir (Europäer) in unserer auf Demokratieverwöhntheit und liberaler Toleranz gründenden Naivität nicht wissen und uns nicht vorstellen können.
Hilfreich, die politische Strategie des Islamisten Erdogan ein bisschen besser kennenzulernen, ist der Protest der Aleviten in Deutschland:
» Die alevitische Gemeinde erteile dem Verlangen Erdogans nach türkischen Schulen und dem Einsatz von Lehrkräften aus der Türkei „eine klare Absage“. Die Aleviten zögen es vor, dass ihre Kinder „in einer Diskussions- und Streitkultur in Deutschland zu mündigen Bürgern erzogen“ würden und „Fähigkeit zur Selbstkritik“ erlernten. Den „nationalistisch-militärischen Drill des türkischen Bildungssystems“ lehnten sie entschieden ab. Toprak äußerte weiter, Erdogans Auftritt in der Köln Arena, sein „Werbefeldzug“ in Deutschland, sei ein „Vorgeschmack auf den Wahlkampf türkischer Parteien auf deutschem Boden“. «
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Die SZ driftet in einen "Links-"Kurs ab, der in dem Feld unerträglich ist. Wirtschaftlich total neoliberal, und hier völlig defeatistisch. Ein schlimmer und wenig aussagekräftiger Kommentar. Ein wahrer Jessen...
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