•  |  Passwort vergessen?  |  Jetzt registrieren
25.04.2008    19:30 Uhr Drucken  |  Versenden  |  Kontakt
Trennlinie

Kein Salomon

Die Hüter der Verfassung schweben nicht über der Politik: Kandidaten für das Bundesverfassungsgericht müssen juristisch herausragen - sollen aber auch weltanschaulich kompatibel sein.
Ein Kommentar von Kurt Kister

Voßkuhle Bundesverfassungsgericht Karlsruhe dpa
vergrößern Andreas Voßkuhlke ist neuer Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts
Foto: dpa
 

Der Bundesrat hat Andreas Voßkuhle zum neuen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts gewählt. Voßkuhle ist nicht erste Wahl, denn eigentlich hatte die SPD den Staatsrechtler Horst Dreier für jenen Posten vorgeschlagen.

Dreiers Kandidatur wurde von einer informellen Koalition aus Unionisten und Bürgerrechtlern zu Fall gebracht. Die einen warfen dem Juraprofessor eine ihrer Ansicht nach uneindeutige Haltung zum Folterverbot vor; die anderen wollten ihn nicht wegen seiner eher liberalen Einstellung zur Stammzellforschung.

Letzteres gab den Ausschlag dafür, dass die Union Dreier nicht mittrug; Ersteres aber schwächte Dreiers Rückhalt in der ihn nominierenden SPD.

Simpel gesagt: Dreier durfte aus politischen Gründen nicht Verfassungsrichter werden. Es ging darum, dass er Meinungen vertrat, von denen einerseits die Konservativen und andererseits die Bürgerrechtler befürchteten, sie könnten seine Interpretationen des Rechts nachhaltig beeinflussen.

Normalerweise kommt es bei der Berufung von Richtern nicht zu Streit zwischen den Parteien. Die Politiker (und auch die Richter) wissen ja, dass auch die Benennung von Verfassungsrichtern ein Teil jener etwas krakenhaft anmutenden Dominanz der politischen Parteien in Staat und Gesellschaft ist.


Es geht frei nach dem Motto: Stimmst du bei meinem Schwarzen mit, mach ich nichts gegen deinen Roten. Diese spezifisch westdeutsche Form der Konsensfindung gibt es in Rundfunkanstalten und Aufsichtsräten, bei den Sparkassen und eben auch beim Verfassungsgericht.

Verfassungsrichter müssen politische Menschen sein, denn die Auslegung des Grundgesetzes ist eine subjektive Angelegenheit. Natürlich ist dabei die juristische Kompetenz wichtig, die Kenntnis der Gesetze, der Urteile und jener Regeln, mit denen man zu Urteilen gelangt. Ob aber jemand zum Beispiel sagt, Leben beginnt mit dem Verschmelzen von Ei und Samenzelle oder erst nach drei Monaten im Mutterleib - das ist Glaube, Weltanschauung oder eben Meinung.

Die Angehörigen des Verfassungsgerichts sind herausragende Juristen. Allein deshalb aber werden sie nicht benannt. Die jeweils nominierende Partei schaut neben der juristischen Kompetenz ganz klar auf die weltanschauliche Kompatibilität ihres Kandidaten. Man weiß das, aber man hört es nicht so gern.

Von Richtern und Freunden des Gerichts, viele von ihnen selbst Juristen, kommt stets der Hinweis, wenn aus dem Kandidat einmal ein Richter geworden sei, beweise er politische Unabhängigkeit. Nun ja, die meisten, nicht alle, beweisen nach der Ernennung parteipolitische Unabhängigkeit. Ihrer Weltanschauung aber bleiben sie treu.

Karlsruhe macht aus dem Verfassungsrichter keineswegs einen weltweisen Salomon, der über allem schwebt. Nein, es sind politisch denkende Richter, die einem parteipolitischen Auswahlprozess ein angesehenes Amt verdanken, in dem sie manchmal auch höchstrichterlich politisieren.


(SZ vom 26.04.2008/aho)

Leserkommentare (0)



Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


Trennlinie

Lesezeichen hinzufügen: 

Lesezeichen bei Mr.Wong setzen Lesezeichen bei Yigg setzen Lesezeichen bei Linkarena setzen Lesezeichen bei Google setzen Lesezeichen bei Webnews setzen Lesezeichen bei Folkd setzen Lesezeichen bei Oneview setzen Lesezeichen bei Wikio setzen

| Was ist das?


Berlusconi bekam einen Dom ins Gesicht, Helmut Kohl Eier ans Revers und Joschka Fischer Farbe aufs Ohr. Fiese Attacken auf Politiker.
Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.
Bilder aus der Politik
Mit welchen Sprüchen die Regierung punkten wollte - und was der Opposition einfiel: Die besten Zitate aus 100 Tagen Schwarz-Gelb.
Eine Foto-Ausstellung im Bundestag zeigt namhafte deutsche Politiker in authentischen Lebenssituationen und Momenten.
Madonna Mia: Veronica Lario klagt über das Macho-Gehabe ihres Gatten - und will nun die Scheidung von Silvio Berlusconi.
Politik transparent gemacht
Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

Postleitzahl oder Schlagwort:

Link auf abgeordnetenwatch.de
Noch mehr Bilder
Als Ministerpräsident von Sachsen leistete er nach der Wende Pionierarbeit - jetzt wird Kurt Biedenkopf 80 Jahre alt.
Oskar Lafontaine gibt den Parteivorsitz der Linken ab - und seine Kollegen streiten, wer ihn beerben soll. Wir stellen die Anwärter vor.
Linker Scharfmacher wurde er von Kritikern genannt. Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
Seit zehn Jahren gibt es Attac in Deutschland. Es gratulieren Prominente wie Roger Willemsen, Roland Berger oder Claudia Roth.
Wie soll es am Hindukusch weiter gehen? Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg und Armut. Die Geschichte in Bildern.
Der Untersuchungsausschuss zum Luftschlag bei Kundus nimmt heute seine Arbeit auf. Minister Guttenberg steht schon vorher unter Beschuss.
Süddeutsche Zeitung Photo
Armutsflüchtlinge aus Afrika
Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...

ANZEIGE

Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten