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Der Wähler wird "gebloggt"
Blog-Nation Frankreich
28.07.2006, 22:01
Gewusst wie: Ségolène Royal hat ihren eigenen Blog. (Foto: AFP)
Im Land der Ségolène Royal ist der Himmel blau, nur ein paar weiße Wolken ziehen am Horizont vorbei. Das Blau am Bildschirm soll Freiheit symbolisieren, die Freiheit, hier die eigene Meinung aufzuschreiben und die Zukunft Frankreichs mitzugestalten.
Auf der Webseite der aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten prangen kein Foto und kein Lebenslauf, stattdessen dürfen die Internauten ihre Meinung kundtun.
Die Adresse lautet denn auch sinnigerweise desirsdavenir.org – Wünsche der Zukunft. Ende August, rechtzeitig vor dem Sommertreffen der Sozialisten in La Rochelle, werden Royals Wünsche und die ihrer Anhänger als Buch erscheinen.
Nirgendwo in Europa hängen so viele Menschen am Netz wie in Frankreich, nirgendwo auf der Welt werden Web-Tagebücher (Blogs) so intensiv geschrieben und gelesen. Fast zwei von drei Webnutzern besuchen Blogs, so neueste Umfragen.
In Deutschland und den USA ist nur jeder Dritte ein so aktiver Blogger. Während die Franzosen früher bei einem Glas Rotwein am Tresen über Politik debattierten, teilen sie sich heute ihren Kompatrioten mittels Breitbandkabel rund um die Uhr mit. Eine Nation surft und bloggt.
Längst haben die Parteien den Nutzen des Netzes erkannt. Die Regierungspartei UMP gibt die Hälfte ihres Werbe-Etats für das Internet aus, der deutschen Schwesterpartei CDU sind Netzaktivitäten gerade einmal ein Prozent wert. In Frankreich laden Ortsvereine Plakate und Traktate vom Netz, Spindoktoren werten Diskussionsbeiträge aus. Nur die Gruppen der leninistischen Linken versagen sich noch dem Trend – deren Spitze will die Kontrolle behalten.
Dagegen hat jeder der zahlreichen Präsidentschaftsanwärter der Sozialisten eine eigene Seite mit Tagebuch. „Ohne Blog kann heute niemand mehr eine Wahl gewinnen“, sagte unlängst der Sprecher von Dominique Strauss-Kahn, dem bei den Linken nach Royal die besten Chancen eingeräumt werden.
Niemand nutzt die Webmanie aber besser als Royal und ihr wahrscheinlicher Herausforderer. Innenminister Nicolas Sarkozy strahlt nicht nur im eigenen Blog, sondern auch auf der Webseite der Partei. Daneben gibt es eine Seite, die sein neues Buch, eine Art Wahlkampfbibel, bewirbt. Der Vorsprung von „Sego“ und „Sarko“ dürfte auch daran liegen, dass beide erkannt haben, wie überdrüssig die Franzosen ihrer traditionellen, paternalistischen Politiker à la Jacques Chirac sind.
„Ségolène ist die erste Politikerin, die das Netz strategisch nutzt“, sagt Bertrand Le Gendre, der für den Web-Auftritt der einflussreichen Tageszeitung Le Monde mitverantwortlich ist. Ihre Gegner werfen Royal einen Mangel an Ideen und Programmatik vor, und mit Hilfe des Internet versuche sie dies zu überspielen. Le Gendre sagt dagegen, Royal habe verstanden, dass man Politik nicht mehr von oben nach unten machen könne, sondern eine echte Beziehung aufbauen müsse.
Eine Lektion haben Frankreichs Politiker jedenfalls gelernt: die Macht des Internet nicht zu unterschätzen. Denn das Nein zur EU-Verfassung speiste sich aus den Argumenten geschickter, zuweilen demagogischer Blogger. Die Negativ-Stimmung breitete sich im Mai 2005 wie eine Epidemie über die Datenleitungen aus. Heute wissen die Wahlkämpfer, dass sie nicht nur auf Rednertribünen und im Fernsehen bestehen müssen, sondern auch im Netz.
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