"Ich glaube noch immer nicht, dass ich auf den Tod vorbereitet bin"
Militär-Blogs
12.08.2005, 14:44
Ein Ring von Weblogern, der sich aus aktiven und ehemaligen Soldaten zusammensetzt: MilBlog auf der Mudvillage Gazette. (Screenshot)
Auch für die US-Armee kommt es offenbar überraschend, wie gefragt die Berichte ihrer Soldaten über deren Irak-Einsätze im Internet sind:
Etwa 200 US-Soldaten im aktiven Dienst, so berichtet die Washington Post, führen so genannte Blogs vom Irak oder von Afghanistan aus oder auch in der Heimat - und verändern möglicherweise die Landschaft der Kriegsberichterstattung nachhaltig.
Bislang waren es Journalisten, die von der Front berichteten, oder Soldaten, die nach einem Einsatz ihre Erfahrungen oder Tagebücher veröffentlichten.
Seit dem ersten Golfkrieg ist es für professionelle Kriegsberichterstatter jedoch schwierig, ohne Zensur von der Front zu berichten – wenn sie überhaupt zur Front kommen. Und Bücher von Kriegsteilnehmern werden meist erst lange nach dem Krieg veröffentlicht.
Die Blogs der US-Soldaten aber zeichnen sich häufig durch mehrere Eigenschaften aus: Sie sind hochaktuell und stammen direkt von aktiven Soldaten im Irak und in Afghanistan.
Darüber hinaus sind sie extrem persönlich und berichten auch von solchen Ereignissen, die das Leben der Soldaten bestimmen, von den Medien jedoch meist ignoriert werden. Tatsächlich dienen sie häufig dazu, Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten.
So muss man zwar eine Weile nach wirklich interessanten Einträgen und Fotos suchen. Doch die gibt es. Zum Beispiel in „Graham’s Journal“ von Graham Wolf, der unter anderem schildert, wie er und die Mitglieder seiner Einheit mit dem Tod dreier Kameraden fertig werden: "Ich glaube noch immer nicht, dass ich auf den Tod vorbereitet bin."
Andere Blogger wie „Bayonet Six“ rufen auf, für eine örtliche Klinik neue Computer zu organisieren oder sie machen sich gar Gedanken über das Dusch-Verhalten irakischer Männer. Und „Sgtlizzie“, die bei einen Bombenanschlag verletzt wurde, bei dem ein Kamerad ums Leben kam, berichtet inzwischen wieder über ihre Erfahrungen mit Flirts zwischen US-Soldatinnen mit britischen Kollegen.
Auch ganze Einheiten haben Blogs eingerichtet, zum Beispiel die C Company „Warpigs“, eine Aufklärungseinheit der Marines, die sich über die irakischen „Strolche“ (gemeint sind al-Qaida-Anhänger) und deren Schwierigkeiten mit den Marines lustig macht.
Wie nie zuvor in der Geschichte der Kriegsberichterstattung ermöglichen die Blogs demnach einen Eindruck von dem, was die Soldaten im Krieg tagtäglich bewegt und wie sie mit ihren Erfahrungen umgehen.
Doch die Militär-Blogger stoßen zunehmend auf Schwierigkeiten. Zwar ist der Ton auf vielen Websites sehr patriotisch und viele der Soldaten sind ganz offensichtlich überzeugt von den US-Missionen. Das demonstriert schon die Übersichtsseite der „MilBlogs“, die Mudville Gazette des Armee-Veteranen „Greyhawke“, eindringlich.
Und trotzdem hat das US-Militär große Probleme mit dem bislang kaum gefilterten Informationsstrom aus den Einsatzgebieten, der inzwischen Zehntausende von Internet-Usern erreicht.
Wie die Washington Post berichtet, hat US-Generalleutnant John R. Vines, Kommandeur des Multinationalen Korps im Irak, im April das erste Memorandum zur Politik des Militärs im Umgang mit Websites ihrer Soldaten veröffentlicht.
Vines fordert, dass sämtliche Blogs registriert sein müssen. Mit den meisten Texten habe man kein Problem, zitiert die Post einen Militärsprecher in Bagdad, aber man dürfe nicht die Kontrolle verlieren.
Die Richtlinien, nach denen sich die uniformierten Blogger in Zukunft orientieren sollen, entsprechen denen für Journalisten, die über das Militär berichten.
Erste Seiten wurden bereits geschlossen, ein Mitglied der Nationalgarde laut Washington Post sogar bereits dafür bestraft, detaillierte Berichte über Angriffe auf amerikanische Patrouillen und Konvois veröffentlicht zu haben.
Andere Soldaten wie „Airborne Hog Society“ oder Robert Rees haben aufgegeben, nachdem sie die Richtlinien für „MilBlogs“ gesehen haben, die für das Personal im Irak gelten:
„Die Army hält es für notwendig, Richtlinien für blogs aufzustellen, und nachdem ich die gelesen habe sehe ich, dass ich mit dem blogging aufhören muss“, erklärt AHS. Und Rees begründet das Ende seines Blogs: „Es ist zwar nicht verboten, persönliche Websites zu betreiben, aber ich will mir von niemanden diktieren lassen, was mein Webserver enthalten darf.“
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