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Internet
09.12.2004, 19:58
Wenn Sie diesen Text lesen und er Ihnen nicht gefällt – ja, dann schreiben Sie doch einfach selbst einen. Aber rechnen Sie damit, dass er immer wieder umgeschrieben, verbessert, gekürzt und womöglich gelöscht wird, falls er nicht auf breite Zustimmung stößt. Dieses Prinzip ist total modern und heißt „Wikisophie“.
Erfunden hat es der Amerikaner Jim Wales, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten vor vier Jahren das Online-Lexikon Wikipedia gründete. Jeder kann an dem Gemeinschaftswerk mitschreiben – oder für anerkannt blödsinnige Artikel einen „Löschantrag“ stellen. Inzwischen umfasst allein die deutsche Version der Wissenssammlung 174.867 Artikel. Weltweit ist das Internet-Lexikon in mehr als 70 Sprachen erschienen, auch auf Alemannisch, Urdu oder Walisisch. 300 Millionen Zugriffe weltweit zählen sie bei Wikipedia jeden Monat.
Seit ein paar Tagen ist Wikinews im Netz: das neueste Projekt der Wikipedia-Macher. Das Nachrichtenportal funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die Enzyklopädie. Wer Zeit und einen Internetanschluss hat, kann Artikel für Wikinews schreiben und sie online veröffentlichen. Andere Besucher der Seite können die Texte bearbeiten.
Das Ziel der Initiatoren: „Gemeinsam über Nachrichten aller Art von einem neutralen Standpunkt aus zu berichten.“ Geld gibt’s dafür nicht, die Schreiber glauben an die gute Sache.
„Wikinews ist derzeit genau das, was die Wikipedia in ihren ersten Tagen, Wochen und Monaten war – ein Experiment“, sagt Mathias Schindler, der dem Vorstand von Wikimedia angehört, einer Stiftung mit Sitz in Florida. Die deutsche Ausgabe befindet sich noch im Aufbau. 312 Benutzer haben sich registrieren lassen. Bislang sind nur 5 bis 15 Meldungen am Tag zu lesen, etwa über „U-Bahn-Fahrstuhl-Diebstahl in China“, CDU-Parteitag oder ChampionsLeague.
Die meisten Beiträge beruhen auf Quellen wie tagesschau.de. Die Betreiber hoffen, Wikinews könne eine Alternative zu AP, Reuters oder dpa bieten. „Wir wollen die Idee des ,Bürgers als Journalisten’ vorantreiben, weil wir glauben, dass jeder einen nützlichen Beitrag zum großen Ganzen leisten kann“, tönt Gründer Wales: Die Zeit für eine „freie Nachrichtenquelle“ sei gekommen.
Diese Zeit wollte schon Bertolt Brecht einläuten, als er Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die „Radio-Theorie“ entwickelte. Der Rundfunk sollte demokratisiert werden – und Hörer als aktive Mitgestalter wirken. Das wäre „der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem“, schwärmte der Theater-Dichter.
Doch erst das ungeheure Kanalsystem Internet ermöglichte den grenzenlosen Diskurs. Wikinews habe „das Potenzial, die Welt für immer zu verändern“, sagt Pionier Wales: „Jeder Bürger könne etwas zu diesem „evolutionären Prozess“ beitragen. Jeder Bürger?
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