Von Christiane Schulzki-Haddouti

Zeitungen machen ihre Leser zu Korrespondenten, Online-Angebote veröffentlichen Bild- und Videomaterial von Amateuren auf ihren Webseiten. Alle hoffen auf mehr Inhalt und eine bessere Leserbindung, doch Journalistenverbände warnen vor Qualitätsverlust.

Mit der Digi-Cam als Paparazzi unterwegs (Collage: sueddeutsche.de)

Journalist nennen darf sich jeder. Künftig werden das noch deutlich mehr Menschen tun als bisher, Menschen, die bisher nur Leser waren. Denn: Einige Medien haben den Bürgerjournalismus für sich entdeckt und rufen ihre Leser explizit dazu auf, Texte und Bilder in die Redaktion zu schicken.

Die Netzeitung hat ihre "Readers-Edition" gestartet, mit der sie "20 Millionen Redakteure" gewinnen will, die Rheinische Post online nennt ihren Leserkanal "Opinio". Schon einen Schritt weiter ist Focus Online, das seit einigen Wochen auf der Plattform „Focus Live“ mit nutzergeneriertem Content experimentiert.

Chefredakteur Jochen Wegner setzt vor allem auf eine bessere Redaktion-Leser-Kommunikation: „Wir möchten den Menschen zusätzlich Aufmerksamkeit schenken, indem wir ihre besten Fotos und Videos redaktionell einsetzen.“ Zur Fußball-Weltmeisterschaft schafften es einige der über 2000 eingesandten Fanbilder sogar mehrmals auf Doppelseiten in die Print-Ausgabe des Focus.

Ungewöhnlich ist, dass Focus online auf Bilder setzt. Der vom Online-Fotodienst Flickr und der Video-Plattform Youtube inspirierte Wegner hat seine Gründe: „Fotografie und Video liegt für mich besonders nahe, weil diese Medien direkter funktionieren als Text.“

Tatsächlich erhielt Flickr in den Tagen nach dem verheerenden Tsunami Ende 2004 weltweit Aufmerksamkeit: Hier hatten viele Nutzer ihre Bilder spontan hochgeladen. Heute werden ausgewählte Flickr-Bilder in das Newsportal von Flickr-Eigner Yahoo eingebettet.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des „Citizen Journalismus“ waren die Bombenanschläge von London. Die BBC verwertete erstmals konsequent eingesandte Bilder ihrer Leser. Auch Wegner setzt auf die Exklusivität und Schnellligkeit von Laien-Bildreportern: „Stellen Sie sich vor: Der nächste Tornado in Hamburg, Schneechaos in Bayern, Überschwemmung oder Fußball-Weltmeisterschaft - viele Menschen haben tolle Bilder, an die man sonst nicht so schnell kommen würde.“

Leser senden live aus dem Stadion

Honorar bezahlt Focus nicht – die Leser treten mit dem Hochladen ihre Urheberrechte für die Verwertung durch Focus kostenlos ab. Im Moment befindet sich Focus Live noch in der Testphase. „Langfristig werden wir Userbeiträge honorieren - zu den üblichen Honoraren“, verspricht Wegner.

Wie Focus Live macht auch die Braunschweiger Zeitung ihre Leser zu WM-Reportern. Sie fotografierten mit ihrem Handy Fanbilder und schickten sie umgehend per MMS in die Redaktionen. So gingen bereits vor dem Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica die ersten Fotos und SMS-Texte ein. Am nächsten Tag wurden sie auf der WM-Reporter-Seite im Blatt gedruckt.

Auf Bild und Text setzt die Saarbrücker Zeitung, die ihr System nach der Idee der norwegischen Boulevardzeitung „VG“ einrichtete. Im Juli erhielt sie rund 2600 Leserhinweise. Ein Volontär setzt sie in ein internetgestütztes Computersystem, wertet sie aus und schickt sie kommentiert an mögliche Abnehmer in der Redaktion.

500 Euro pro Bild

Die Redakteure prüfen die Geschichte und schicken mitunter noch einmal professionelle Fotografen an den Ort des Geschehens. „Schon immer gab es Leserhinweise,“ erklärt Chefredakteur Peter Stefan Herbst. Doch diese seien nicht immer professionell behandelt worden, weil die Leser irgendwo im Vorzimmer oder im Callcenter gelandet seien. „Mit der internetgestützten Software gehen keine qualifizierten Hinweise mehr verloren.“

Im Juli schafften es 275 Hinweise ins Blatt, 92 Fotos wurden gedruckt. Auch hiersind es mit Bränden und Unfällen meist sensationelle, spektakuläre Nachrichten.

In einem etwas größeren Stil pflegt seit kurzem der amerikanische Nachrichtensender CNN den Amateurjournalismus. Beim Bombenanschlag in Bombay rief der Sender „Citizen journalists“ auf,„ihre Bilder, Videos und Berichte einzusenden“.

Promis stehen seit jeher im Fokus amateurhafter Bild-Berichterstattung. So rief die Bild-Zeitung ihre Leser jüngst zur Promi-Jagd auf und erhält täglich hunderte von Einsendungen. Bild zahlt für ein abgedrucktes Foto 500 Euro.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sieht diese Entwicklung mit Sorge. „Die dadurch betriebene Förderung des privaten Paparazzi-Unwesens schadet den Bildjournalisten, die von ihrer Arbeit leben müssen“, kritisiert DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken.

"Recherche ist nicht Google"

Außerdem sei zu befürchten, dass noch mehr Prominente mit Anwaltsschreiben und Gerichtsverhandlungen reagieren. Presserechtlich verantwortlich ist das Blatt, das die Bilder veröffentlicht. Die ersten gerichtlichen Auseinandersetzungen sind programmiert. Man darf gespannt sein, inwiefern der Verlag sich dann vor seinen Leserreporter stellt und ihn verteidigt.

Der Deutsche Journalisten-Verband warnt bereits vor einer Aufweichung journalistischer Standards durch die Leserreporter. „Themenfindung und Recherche vor Ort sind wesentliche Bestandteile des „Qualitätsjournalismus“, betont Konken, „die kommen so unter die Räder. Es wäre fatal, die Lokaljournalisten zu Sitzredakteuren zu degradieren.“

Auch Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, warnt: „Recherche ist nicht Google, sondern basiert auf Erfahrung, Netzwerken und Vertrauensbeziehungen.“

(sueddeutsche.de)

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