Von Nicola D. Schmidt

Wenn sich iPod und Nike-Turnschuhe unterhalten, kann mithören wer will: Stalker, vergrätzte Ex-Partner oder Verbrecher.

Beim Ipod-Nike-Trainingskit kann jeder mithören (Montage: sueddeutsche.de)

„Ihre Schuhe reden. Ihr iPod nano hört zu“ - so verspricht es Apple auf der Website des Nike+iPod-Kits . Wer Pech hat, dem hört nicht nur sein iPod zu - es lauschen auch unerwünschte Hörer. Das Trainings-Gadget erzählt laut einer Studie von Wissenschaftlern an der Universität Washington jedem, wo man sich gerade aufhält - ob man möchte oder nicht.

Es gibt immer wieder Leute, die gerne wüssten, wo sich jemand anders aufhält: Eifersüchtige Lebenspartner, Einbrecher, die lieber niemanden antreffen möchten oder ganz gewöhnliche Diebe. Und ausgerechnet das trendige Nike+iPod-Kit könnte ihnen dabei helfen.

Das kleine Set ist eigentlich dazu gedacht, beim Joggen nicht nur Musik zu hören, sondern auch gleich Daten wie Laufzeit, Geschwindigkeit und Strecke zu speichern und diese Daten auf dem iPod nano bzw. online auf der Nike-Website auszuwerten. Forscher an der Universität Washington haben jetzt herausgefunden, dass es die Daten allerdings auch anderen zugänglich macht.

Jeder kann mithören


Das Trainingskit besteht aus einem Sensor, der am Laufschuh befestigt wird, und einem Empfänger, für die serielle Schnittstelle des iPod nano. Im Schuh-Sensor steckt ein RFID-Chip, der ständig seine ID-Nummer in die Welt hinausposaunt, sobald der Chip bewegt wird. Diese Signale sind in geschlossenen Räumen 10-20 Meter, draußen sogar 30 Meter weit zu empfangen.

„Die Informationen beinhalten ein eindeutiges Identifizierungsmerkmal und könnten so einem Dritten enthüllen, wo sich eine bestimmte Person gerade aufhält“, warnen Scott Saponas, Jonathan Lester, Carl Hartung und Tadayoshi Kohno von der Abteilung für Computer- und Ingenieurwissenschaften an der Universität Washington in ihrer jüngsten Veröffentlichung.

Die Forscher der Universität Washington haben Chip und Empfänger zerlegt und festgestellt, dass es erschreckend einfach ist, einen Empfänger nachzubauen, der immer dann Alarm schlägt, sobald ein Sensor in Reichweite kommt.

Die Laufroute im Internet


Preiswert ist es auch noch: Die günstigste Variante, ein USB-Serial Adapter kombiniert mit dem Nike+iPod-Receiver, kostet den Angreifer etwa 60 US-Dollar. Er könnte damit die Daten des Sensors auf seinem Notebook empfangen, Bewegungsprotokolle anlegen und Meldungen ausgeben lassen, wenn ein bestimmter Sensor vorbeikommt.

Für 250 US-Dollar ließe sich sogar ein Mini-Computer mit einer Schnittstelle und drahtlosem Netzwerk versehen, der die gesammelten Daten intern speichert und auf Anfrage an einen Server sendet. Das ganze System ist nur etwas größer als ein Kaugummi und ließe sich in Briefkästen, Büschen oder an Mülltonnen platzieren.

Auch ein alter iPod der dritten Generation kann so umgerüstet werden, dass er die Sensordaten seiner Umgebung empfängt und mit einer entsprechenden Text-to-Speech-Software sogar über den Kopfhörer Bescheid sagt, wer gerade in der Nähe schwitzt und hechelt.

Die Forscher haben das Spiel auf die Spitze getrieben und ihre Daten auf Google-Maps sichtbar gemacht, so kann ein Angreifer ganz komfortabel sieht, wo und wann bestimmte Leute ihre Jogging-Runde laufen - oder wo sie einkaufen gehen, wenn sie ihre Nike-Turnschuhe anbehalten.

 
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Keine Panik


Um die Hardware zusammenzubauen, muss man kein Informatiker sein, im schlimmsten Fall sind vier Lötstellen zu bewältigen - das Papier beschreibt nur allzu genau, wie es geht.

Dennoch werden sich Hobby-Bastler schwer tun, denn das Herzstück der Überwachung steckt in dem Programm, die die Daten des Senders verarbeitet. „Wir haben nicht vor, unsere Software zu veröffentlichen“, betonen die Forscher, aber sie weisen auch darauf hin, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand etwas ähnliches programmiert und entweder im Internet zum Download bereitstellt oder sogar gegen Geld anbietet.

Die Szenarien der Forscher reichen vom eifersüchtigen Freund bis zur Mitarbeiterüberwachung. Auch Diebe könnten sich von ihren Laptops sagen lassen, wer einen Sensor und damit auch mit großer Wahrscheinlichkeit einen iPod bei sich trägt.

Lieber mal abschalten


Die Sensoren können zwar ausgeschaltet werden, aber Apple selbst wirbt damit, man solle den Sensor einfach in die Schuhe einbauen und dann „vergessen“ - er schaltet ja bei Ruhe im Schuh in einen Stand-By-Mode.

Allerdings sendet er dann immer, wenn man mit den Schuhen unterwegs ist. Die Forscher empfehlen, den Sensor auszuschalten, sobald er nicht für das Training gebraucht wird. Das hilft allerdings nicht, wenn man die Messwerte beim Jogging erfassen will - das ist schließlich Sinn und Zweck der Sache.

Mit relativ wenig Aufwand hätten Nike und Apple das System sicher machen können, eine einfache Verschlüsselung der Identifizierungsnummer hätte zumindest verhindert, dass man die Sensoren einer bestimmten Person zuordnen kann.

Apple sieht sich hier jedoch nicht in der Pflicht: „Wir kommentieren das nicht“, heißt es vom Unternehmenssprecher. Auch Nike hält sich bedeckt. Zu der Frage, wieviele von den Kits in Deutschland im Umlauf sind, gibt Ulrike Köhler, General Manager Running Nike, nur die nebulöse Auskunft: „Wir sind so gut wie ausverkauft.“

(sueddeutsche.de)

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