Von Christoph Giesen

Mit einem Weblog gegen die Great Firewall: Wie ein chinesischer Blogger gegen die Zensur der Behörden und die Internetmultis kämpft.

Michael Anti

"Ich schreibe über China, also soll das auch jeder in China lesen können": Michael Anti. (Foto: oh)

Seinen chinesischen Namen Zhao Jing mag er überhaupt nicht. Der klinge zu weiblich. Deshalb hat er sich einen neuen überlegt: Michael Anti. Und dieser Name ist Programm.

Anti, das heißt dagegen, und das ist der Mann auch.

In China ist Michael Anti ein Star. Der 30-Jährige schreibt in seinem Weblog über Probleme und Missstände in der Volksrepublik. Täglich lesen mehr als 15.000 Menschen Antis Einträge. Der chinesischen Regierung gefällt das Blog gar nicht.

Ende Dezember ist die Situation eskaliert. Anti hatte in seinem Blog über den ersten Journalistenstreik Chinas berichtet. Auslöser für die Arbeitsniederlegung: Chefredakteur und Stellvertreter des Pekinger Boulevardblattes Xin Jing Bao (The Beijing News) hatten die Zeitung wegen zu kritischer Berichterstattung verlassen müssen.

Während westliche Zeitungen darüber schrieben, herrschte in der chinesischen Presse Funkstille. Antis Blog setzte sich kritisch mit dem Thema auseinander. Tags darauf fragte die chinesische Regierung bei Microsoft an, ob es möglich sei, Antis Internettagebuch zu löschen. Es war.

Der Softwaremulti aus Seattle kooperierte nicht zum ersten Mal mit der chinesischen Administration. Für Aufsehen hatte Microsoft im Juni 2005 gesorgt, als herauskam, dass im Blogging-Portal MSN Spaces auf Regierungsanweisung einige chinesische Zeichen wie Demokratie oder Menschenrechte nicht dargestellt werden können.

In Europa und den USA sorgte diese Zensur für einen Aufschrei. Anti nahm es hin: „Wenn Microsoft diese Sperre nicht eingebaut hätte, wären sie vermutlich chancenlos auf dem chinesischen Markt gewesen. Außerdem haben sie damit niemanden direkt geschadet“, sagt er.

Dass Microsoft aber sein Blog gelöscht hat, macht ihn wütend. „Die haben doch ihre Server in den USA stehen. Wie kann China Einfluss darauf haben?“, fragt er.

Microsoft verteidigt sich. „Die chinesische Regierung hat uns mitgeteilt, dass die Inhalte gegen das chinesische Gesetz verstoßen würden. Wir haben das Blog geschlossen, da unserer Meinung nach in diesem Fall das lokale Recht Anwendung finden muss“, sagt ein MSN-Sprecher.

Damit ist Microsoft nach Yahoo der zweite amerikanische Konzern, der vor der chinesischen Regierung kuscht.

Parallelen zum Fall des inhaftierten Journalisten Shi Tao sind auffällig. Im April 2004 hatte Shi eine interne Anordnung der Kommunistischen Partei zum 15. Jahrestag des Tiananmen-Massakers an eine Menschenrechtsorganisation weitergeleitet.

Yahoo gab Shi Taos Daten an die chinesischen Behörden weiter. Er wurde festgenommen und wegen Geheimnisverrats zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Die chinesische Regierung hat Angst vor dem Internet. Kein anderes Land betreibt einen größeren Aufwand, seine Bürger vor unerwünschten Inhalten zu schützen. Rund 30.000 Mitarbeiter der Internetpolizei überwachen den Mailverkehr und sperren unliebsame Seiten.

So sind beispielsweise die Internet-Angebote der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, des Lexikons Wikipedia und die Nachrichten der BBC von China aus nicht zugänglich.

Beim Ansurfen erhält man eine Fehlermeldung auf dem Bildschirm. In seiner Kontrollwut geht der chinesische Staat sogar so weit, dass in sämtlichen Internetcafés der Volksrepublik penibel die Ausweisnummern aller Surfer notiert werden, um rekonstruieren zu können, wer wann auf welcher Website war.

Die Kontrolle ist engmaschig. Einzige Möglichkeit, die Great Firewall zu überwinden, sind Proxy-Server. Solche Rechner lotsen den Internetnutzer zunächst auf eine Website außerhalb Chinas und erst nach dem kleinen Umweg zur eigentlichen Wunschadresse.

Der Vorteil des Versteckspiels: Die chinesische Abwehr bekommt davon nichts mit.

Um von China aus Antis neues Internettagebuch lesen zu können, muss man auf solch einen Proxy-Server zurückgreifen; der Blogger ist nach dem Behördenangriff auf seine einstige Website beim amerikanischen Anbieter Blogcity ausgewichen.

„Ich möchte eigentlich Proxy-Server vermeiden. Ich schreibe über China, also soll das auch jeder in China lesen können“, sagt er. Zudem ist der US-Provider auch keine echte Alternative: Wegen Antis kritischer Berichte kappte die chinesische Internetpolizei bereits Ende August die Verbindung zu dieser Seite.

Ans Aufgeben denkt Mister Anti aber nicht. Stattdessen fordert er kühn: „Sollte China irgendwann einmal demokratisch regiert werden, dann verklagen wir Yahoo und Microsoft für das, was sie uns angetan haben.“

(SZ vom 24.1.2006)

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