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Von Johannes Kuhn

Die Twitter-Nachrichten einer US-Soldatin während des Massakers in Fort Hood haben eine Debatte ausgelöst: Wann sollten Augenzeugen schweigen?

US-Soldat mit EhefrauGrossbild

Ein US-Soldat mit seiner Frau nach der Schreckenstat von Fort Hood (Foto: AP)

Die Twitter-Nutzerin "Soldier Girl" ist nicht dabei, als der Militärpsychiater Nidal Malik Hasan im Armeestützpunkt Fort Hood das Feuer eröffnet, 13 Soldaten erschießt und zahlreiche weitere Menschen schwer verletzt. Doch die Soldatin ist im Militärkrankenhaus des Lagers und sieht, wie die Verwundeten hereingebracht werden. Und sie schickt ihre Eindrücke per iPhone in die Welt, über den Mikrobloggingdienst Twitter.

"Sie haben gerade einen Wagen mit Boxen mit Transplantier-Teilen drin gebracht. Nicht gut, nicht gut." schreibt sie, oder "Acht Tote am Tatort, drei im Krankenhaus, zwei absolut kritisch und der Rest bis auf drei kritisch. Wir haben gerade ein Mädchen gesehen, dem ins Gesicht geschossen wurde."

Sie knipst im Krankenhaus auch Bilder und lädt sie hoch, ein Foto von einem verletzten Soldaten auf einer Krankentrage kommentiert sie so: "Dem armen Typen haben sie in die Eier geschossen."

Das "Soldier Girl" meldet in ihrer Aufregung sogar einen zweiten Schützen, der sich noch auf dem Gelände befinden soll – eine Fehlinformation. Nach einer Stunde wird es dann still, vermutlich haben die Vertreter der US-Armee, die eine Nachrichtensperre verhängt hatten, das Twitter-Leck entdeckt.

Ist "Soldier Girl" eine Heldin des Bürgerjournalismus oder eine sensationslüsterne Frau, die ihre 15 Minuten Ruhm genießt? Oder doch einfach nur eine Augenzeugin, die mit den Mitteln der modernen Technik ihre Eindrücke schildert? Fest steht: Die US-Soldatin hat mit ihrem Handeln eine Diskussion über die Ethik der Nutzer von sozialen Medien ausgelöst.

Kein Bewusstsein, keine soziale Evolution

Paul Carr, Autor des US-Technologieblogs Techcrunch, ließ bereits einen Tag nach den Ereignissen seiner Wut freien Lauf. "Es ging ihr nicht darum, andere zu schützen", schreibt er. Die Aktion sei ein einfacher Fall von "seht her, das sehe ich gerade".

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Massaker auf US-Militärbasis Horror in Fort Hood Rahmen
Fort Hood, dpa Fort Hood, AFP Fort Hood, AP Fort Hood, Reuters Fort Hood, AFP
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Er weist darauf hin, dass Blogger und Medien die Berichte der Frau sofort übernahmen und sie dies sogar noch förderte, indem sie Freunde per Twitter bat, ihre Telefonnummer an die Medien weiterzugeben: So könne sie über die Lage vor Ort berichten, damit die ständigen Mutmaßungen endlich aufhörten. Doch die Frau, die durch das Ereignis zur Bürgerjournalistin wurde, hatte selbst keinen Überblick und schickte Falschmeldungen in die Welt.

Carr ist deshalb der Meinung, der Bürgerjournalismus habe einmal mehr seine Unfähigkeit gezeigt: Die Menschen hätten noch kein Bewusstsein dafür entwickelt, was richtig und falsch sei, wann etwas in das Internet gehörte und wann sie helfen müssten, anstatt über Vorkommnisse zu berichten oder Verletzte mit der Handykamera aufzunehmen. "Die Antwort hierauf heißt nicht Zensur", so sein Fazit, "sondern, dass unsere soziale Evolution den Stand der Technologie einholen muss."

Carrs Text wird inzwischen in verschiedenen Blogs und unter Twitter-Nutzern heftig debattiert. "Handelst Du kriminell fahrlässig, wenn Du mich blutend in der Straße fotografierst, anstatt einen Druckverband anzulegen?", fragt der Social-Media-Blogger Antony Mayfield, der aber auch darauf hinweist, dass Augenzeugenmaterial für die Verfolgung von Straftaten wichtig sein kann: "Wie ist es, wenn Du mich fotografierst, während ich verprügelt werde, anstatt dass Du eingreifst? Das könnte mir helfen."

Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt

Andere Kommentatoren wie die Journalisten Matthew Ingram und David Quigg widersprechen Carr ausdrücklich: Menschenrechtsverletzungen wie das brutale Vorgehen kalifornischer Polizisten gegen den schwarzen US-Bürger Rodney King im Jahre 1991 wären ohne ein Augenzeugenvideo niemals aufgedeckt worden, schreibt Quigg; die in den Momenten ihres Todes gefilmte iranische Studentin Neda Agha-Soltan wäre auch gestorben, hätte der Hobbykameramann dem anwesenden Arzt bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen assistiert. Die Unterdrückung der regierungskritischen Proteste hätten dann aber niemals ein solches Echo gefunden.

Die Medienberaterin Kathryn Corrick sieht solche Argumente kritisch. Ihre Forderung: eine "Ethik der sozialen Berichterstattung in Echtzeit", klare Regeln also, wann der Einsatz von Mikroblogging-Diensten wie Twitter tabu ist.

Sie schreibt: "Diese Probleme sind nicht neu. Tratsch und Nachrichten haben sich immer schnell herumgesprochen. Der Unterschied liegt in der Reichweite, der Schnelligkeit und in den breiteren und tieferen Auswirkungen."

Zumindest "Soldier Girl" hat die Konsequenzen aus der durch sie ausgelösten Diskussion gezogen: Ihre Twitter-Updates sind inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich, die Krankenhaus-Fotos wurden entfernt.

(sueddeutsche.de/joku/holz)

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Leserkommentare (19)



13.11.2009 09:35:23

ultramarinblau: @johannes kuhn

Das Problem ist nicht in erster Linie die verkürzte Zeitspanne!

Sondern die einfache und beliebige, unbemerkte und UNVERHINDERBARE Weiterverbreitungsmöglichkeit. Ein Klick und ich habe mir ein fieses Foto das Online war gespeichert.

Die Menschen werden sicher nicht instinktiv richtig handeln. Es schadet den Veröffentlichern nicht. Das schlimmste was Ihnen im Augenblick passiert ist, dass sie rechtlich aufgefordert werden könnten es zu löschen. Das hilft ihren Opfern nicht.

""echte Emotion" in eine Richtung gehen, die nicht dazu führt, dass andere Menschen verletzt und medial bloßgestellt werden."

Das ethische Problem ergibt sich aus den bisherigen Medien. Klar, wieso sollte ein Journalist ein Bild von einem verbrennenden Menschen veröffentlichen dürfen und ich als Privatperson nicht? Gibt es da überhaupt einen Unterschied?


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