Von Jörg Donner

Mindestens 50 Millionen Euro hat Holtzbrinck für die Studenten-Community StudiVZ bezahlt. Die Hoffnung, dadurch zielgruppengerechte Werbung an den Mann zu bringen, könnte allerdings bald entäuscht werden.

(Foto: )

Vier Stunden benötigte Hagen Fritsch Anfang Dezember, um sich mit einem Netzwerk aus zehn Computern durch die Webseite von StudiVZ.net zu wühlen. Dabei sammelte er mit Hilfe eines selbstgeschriebenen Skripts diverse – zu diesem Zeitpunkt noch frei zugängliche – Informationen über die Nutzer des Studentennetzwerks: Studienrichtung, Hochschule, Geschlecht, politische Orientierung, Interessen.

Alles Daten, für die keine Zugangskennung nötig war. Einige stellte Fritsch in Relation und präsentierte die Grafiken beim 23. Hackerkongress des Chaos Computer Club kurz vor Silvester in Berlin.

„Das Gelächter im Publikum ging schon los, als die erste Grafik zu sehen war“, sagt Fritsch. Grund dafür war seine Verknüpfung der Mitgliederzahl mit den Studiengängen: „Eine unrealistsch große Gruppe hat als Studienfach Wirtschaftswissenschaften/BWL/VWL angegeben.“

Fast 200.000 Mitglieder studieren demnach eines der Fächer als Haupt- oder Nebenfach. Tatsächlich sei die Zahl der BWL-Studenten an den Unis deutlich geringer als bei StudiVZ, so Fritsch.

Fast die Hälfte sind Karteleichen


Noch spannender für den neuen Besitzer Holtzbrinck dürfte aber die Zahl der aktiven Mitglieder sein, die der Student ermittelt hat. Fritsch schließt aus den ermittelten Zahlen auf viele Mitglieder, die StudiVZ nicht oder nicht mehr besuchen - sprich: Karteileichen.

„Ein Profil ist als aktiv eingestuft, wenn es öffentlich ist, die Person mindestens zwei Freunde hat, in mindestens einer Gruppe ist und das Profil innerhalb des letzten Monats aktualisiert wurde“, erklärt Fritsch auf der Webseite studivz.irgendwo.org, die er zur Präsentation seiner Ergebnisse eingerichtet hat.

„Diese Kriterien erfüllen 430.000 Profile. Lässt man das letzte Kriterium weg bleiben 708.000 Profile“, heißt es dort weiter. Die Wahrheit läge wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Der Rest der Studenten hat sich lediglich als Nutzer angemeldet und geht damit in die Mitgliederzahl von einer Million ein, die von den StudiVZ-Machern stolz präsentiert wird.

Vermutlich sind rund 500.000 Mitglieder Karteileichen, die weder ihr Profil überarbeiten, noch aktiv am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Für eine gezielte Werbeansprache ist deren Profil kaum zu verwenden, es fehlen wichtige Informationen wie beispielsweise bevorzugte Musik, Filme oder Clubs, aus denen sich wertvolle Nutzerprofile erstellen lassen.

Werbung in Communitys ist schwierig


Für Gregor Panten, Unternehmensberater bei Simon Kucher und spezialisiert auf e-Business, ist die Zahl von 400.000 aktiven Mitgliedern sogar überraschend hoch. „Normalerweise sind nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Teilnehmer in Communities aktiv“, sagt er.

In seinem Buch „Internet-Geschäftsmodell Virtuelle Community“ untersuchte Panten die Geschäftsmodelle einiger Webseiten der Dot-Com-Phase. Den Kaufpreis von über 50 Millionen Euro hält er für überzogen, der Zukunft von StudiVZ steht er kritisch gegenüber: „Werbung als Grundlage für die Finanzierung ist in einem Community-Modell immer schwierig“, sagt Panten.

Bei Portalen wie YouTube oder MySpace wäre die Masse der Mitglieder entscheidend für die Werbeeinnahmen. Da bei StudiVZ die Zielgruppe aber sehr genau definiert ist, sei eine breitere Basis unabdinglich.

„Möglich wäre zum Beispiel sogenannter Premium-Content, also ein Mehrwert, der bezahlt werden muss“, sagt der Berater. „Bei Xing (ehemals openBC, die Redaktion) funktioniert dieses Modell mit bezahlten Accounts offenbar gut.“

Allerdings heißt es im Weblog von StudiVZ: „Es ist mit der Übernahme auch sichergestellt, dass es studiVZ langfristig geben wird. So können wir sicherstellen, dass das komplette Angebot für Euch auch in Zukunft kostenlos bleibt.“

 
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Das Richtige fürs Holtzbrinck-Portfolio?


Scheinbar sollen Kosten und eventuelle Gewinne rein über Werbung finanziert werden. Für Gregor Panten ein wackeliges Gerüst. „In einer Community wie StudiVZ hat Werbung immer ein Akzeptanzproblem. Wenn plötzlich ein Werbebanner auftaucht, wo vorher keines war, kann das schnell zu Unmut führen.“

Bernhard Kienle, Investment Manager bei Burda Digital Ventures, ist hingegen davon überzeugt, dass sich der Kauf für Holtzbrinck lohnen wird. Seiner Einschätzung nach passt die Studentencommunity gut in das Portfolio der Holtzbrinck-Beteiligungen. „Ich vermute, dass sich die Finanzierung nicht nur auf Werbung stützen wird“, sagt Kienle.

„Möglichweise werden einige Dienste entgegen der Versprechen von StudiVZ kostenpflichtig.“ Außerdem sei eine Verbindung zwischen dem Portal Meinestadt.de und StudiVZ.net sehr wahrscheinlich und durchaus erfolgversprechend.

(sueddeutsche.de)

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