Von Bernd Graff

Vom Comic zum Computerspiel: Die Geschichte neuer Jugendmedien ist die Geschichte ihrer Anfeindungen. Die Argumente sind immer dieselben. Inzwischen gehen die Hersteller von Computerspielen in die Offensive.

EIDOS

Eine an Quentin Tarantion erinnernde Szene aus dem Spiel "Total Overdose", das im Herbst erscheint. (Foto: EIDOS)

Im Jahr 1940 ging eine der erfolgreichsten Radio-Serien der amerikanischen Geschichte erstmals auf Sendung.

Sie begann so: "Whoooooot!!! Look! Up in the sky! It's a bird! It's a plane! It's Superman!" Offensichtlich eine Show für Menschen, die Vögel, Flugzeuge und Supermänner nur schwer auseinander halten können. Dilettantischer kann man kaum starten.

Und doch: Zwar war Superman, der "Mann aus Stahl", längst als Comicfigur eingeführt, doch sorgte erst die Radioshow für den Hype der gedruckten Bildergeschichten. Wovon wiederum die Radioshow profitierte. Wenn man so will, ein archetypischer Fall von multimedialer Synergie, von wechselseitig bedingter Steigerung des Erfolgs. Ein Phänomen, dem heute das prosperierende Miteinander digitaler Welten entspricht: Computer-Animation, Videospiel und Kinofilm. Das Digitale kann derzeit vor Lebenskraft kaum laufen.

Allerdings, und auch das kann man aus dem nachhaltigen Erfolg der Comics lernen, ist die Geschichte neuer Bild- und Kulturformen immer zugleich auch die Geschichte ihrer Anfeindungen. So etablierte sich von Mitte der vierziger Jahre an mit den Comics auch eine Kontroverse, die heute anmutet wie die Großmutter aller Schlachten um die Wirkung von Medien. Mit genau derselben Skepsis und genau denselben Argumenten, mit denen man heute den Video- und Computerspielen pauschal eine Jugend gefährdende Wirkung attestiert, verurteilte man damals die Sprechblasen-Geschichten. Auch damals lauteten die Vorwürfe: sinnloser Zeitvertreib, Anstiftung zur Gewalt, es ging um sittliche Verrohung, Abstumpfung und Verführung zu Promiskuität und Libertinage.

Brust oder Keule?

Einer der einflussreichsten Comic-Kritiker in den Vereinigten Staaten damals war Frederic Wertham. Der Name des deutschstämmigen Psychiater ist untrennbar verbunden mit einem wahren Kreuzzug gegen die Comics. In zahlreichen Publikationen und Fernsehauftritten, vor allem in seinem 1954 erschienen Buch ¸¸Seduction of the Innocent" (¸¸Verführung der Unschuldigen"), machte er die Comics für die Verderbtheit der Jugend verantwortlich. Für ihn war klar, dass Verbrechen, Masturbation und Vergewaltigung von der Lektüre der Strips herrühren.

So legte er dar, dass viele jugendliche Straftäter Comicleser waren, jugendliche Selbstmörder hatten angeblich vor ihrer Tat in den funnies geblättert und, ja, sexuelle Ausschweifungen wuchsen mit dem Brustumfang der Protagonistinnen in den Strips.
Nun ist allerdings festzuhalten, dass Wertham auf eine gezeichnete Bilderwelt traf, die mitunter selbst mit größtem Wohlwollen geschmacksverirrt genannt werden muss.

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