Von Markus C. Schulte v. Drach

Alle Schulen und viele Kinderzimmer sind heute mit Computern ausgestattet, da der Nachwuchs mit Hilfe der neuesten Technik lernen soll. Eine Analyse der PISA-Daten zeigt jedoch, dass die Strategie nach hinten losgegangen ist, berichtet das ifo Institut.

Schüler am PC

Schüler am PC (Foto: dpa)

Die Wirkung von Computerspielen auf Kinder und Jugendliche ist umstritten – nicht nur, wenn es um die Frage geht, ob etwa Ego-Shooter die Aggressionsbereitschaft erhöhen.

Es gibt auch eine Reihe von Hinweise darauf, dass die Spiele sich positiv auf Koordination, Reaktions- und Vorstellungsvermögen, Aufmerksamkeit, Intelligenz, Geduld und Sozialgefühl auswirken können.

Doch neben diesen von Spielern und Entwicklern gern betonten positiven Auswirkungen gibt es auch negative Effekte – völlig unabhängig vom Inhalt der Spiele.

So haben Wissenschaftler vom Münchner ifo Institut anhand der internationalen PISA-Daten festgestellt, dass die meisten Kinder, die zu Hause über einen Computer verfügen, schlechter in der Schule sind als Altersgenossen ohne PC.

Und auch der Einsatz der Geräte in der Schule selbst hat eher negative Auswirkungen auf die so genannten PISA-Basiskompetenzen Lesen, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie die Fähigkeit zum Lösen fächerübergreifender Probleme.

Das ifo Institut kommt damit zu einem ganz anderen Schluss als die OECD. Die hatte kürzlich festgestellt, dass Schüler mit stärkeren Computer-Interesse im PISA-Test besser abschneiden. Aber: Interesse an Computer allein ist zu wenig für ein vollständiges Bild.

„Andere Faktoren, die die Schülerleistung in erheblichem Maße beeinflussen, werden bei diesen Untersuchungen nicht berücksichtigt“, erklärt Ludger Wößmann vom ifo Institut.

Wie Wößmann und sein Kollege Thomas Fuchs berichten, verschwindet der von der OECD beobachtete Zusammenhang fast völlig, wenn man den familiären Hintergrund berücksichtigt.

Betrachtet man dann noch die häuslichen und schulischen Inputs – also etwa die Bildungsausgaben pro Schüler – und Unterschiede in den verschiedenen Ländern, zeigt sich sogar der umgekehrte Zusammenhang: Bis zu einem halben Schuljahr liegen die Leistungen der PC-Kinder hinter der von computerlosen Altersgenossen.

"Vergebliche Hoffnung auf bessere Bildungschancen"

Die Ergebnisse dürften für jene Politiker frustrierend sein, die gefordert hatten, „alle Schulen ans Netz“ zu bringen. Auch viele Eltern investieren Geld in teure Computer und Lernsoftware, „in der Hoffnung, die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler zu verbessern“, schreiben die ifo-Experten. Doch die Analysen der PISA-Daten „deuten darauf hin, dass diese Hoffnung weitgehend vergebens ist.“

Die Ausstattung der Schulen mit Computern kann sich durchaus lohnen – jedoch nur, wenn die Geräte klassische Unterrichtsformen nicht zu sehr verdrängen. So befürchten die Fachleute vom ifo Institut, dass die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern aufgrund der Computer-Arbeit eingeschränkt und das kreative Denken weniger gefördert wird. Auch sollten Investitionen in Rechner nicht dazu führen, dass die Schule sich zum Beispiel keine neuen Lehrbücher mehr leisten kann.

Deshalb, so Wößmann, sollte es keinen großflächigen intensiven Einsatz der Rechner in Schulen geben. „Wir benötigen nicht unbedingt mehr Computer, sondern ihren wirkungsvolleren Einsatz.“

Eine Ursache für die beobachteten Effekte ist: Die Computer werden zu Hause nicht in erster Linie zum Lernen verwendet, sondern zum Spielen –und zwar „auf Kosten des Lernens“, wie Wößmann erklärt.

Damit bestätigt das ifo Institut eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

Schlechte Noten für Vielseher und -spieler

Die Studie hatte gezeigt, dass die Schulnoten mit dem Ausmaß des Medienkonsums – Fernsehen und Computerspiele – zusammenhängen. Je mehr Zeit die Jugendlichen und Kinder vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen, desto schlechter sind die Noten.

KFN-Chef Christian Pfeiffer und sein Team hatten insgesamt 23.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 15 Jahren befragt. Das Ergebnis: Die wichtigsten Freizeitbeschäftigungen insbesondere der Jungen waren Fernsehen und Computerspielen. Und das spiegelt sich auch in der schulischen Laufbahn wieder.

Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Schulabbrecher unter den Jungen zu, während inzwischen erheblich mehr Mädchen den Übergang von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule auf das Gymnasium schaffen. Eine der wichtigsten Veränderungen im Leben der Kinder, die hinter dieser Entwicklung stecken, ist das Computerspielen, so Pfeiffer.

Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum deutet ebenfalls in diese Richtung. Bei einer Untersuchung mit fast 300 Schülern zwischen 13 und 17 Jahren stellte Nikolaos Kyriakidis fest, dass die Computerspiele in über 50 Prozent der Fälle auf Kosten von Lernen, Hausaufgaben und Schlaf gespielt werden.

Gerade die umstrittenen Ego-Shooter mit ihren häufig aufwühlenden Bildern führen Erkenntnissen von Hirnforschern zufolge zu Konzentrationsmängeln bei den Kindern, erklärte Pfeiffer kürzlich dem Magazin Game Face. So scheint es, als könnten sich jene, die nach dem Lernen zum Fußballspielen gehen, später besser an den Stoff erinnern, als Schüler, die ihre Zeit mit einem Videospiel verbringen.

„Zu viel Fernsehen und Computerspielen“, so Pfeiffer, „macht Kinder dick, krank, dumm und traurig“.

Es geht demnach nicht darum, das Medium Computer zu verteufeln und aus Schulen und Kinderzimmern zu verbannen. Vielmehr sollten die Rechner „wirkungsvoller eingesetzt werden“, fordert ifo-Fachmann Wößmann.

Entscheidend ist nach Einschätzung von Christian Pfeiffer zudem der Zeitpunkt, zu dem der Nachwuchs Fernseher und Computer bekommt. Wenn das vor dem 14. Lebensjahr geschieht, kann es geradezu zu einer Medienverwahrlosung kommen, warnt der Kriminologe.

Hier aber sind insbesondere die Eltern in der Pflicht.

(sueddeutsche.de)

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