Yoani Sánchez' Gespür für Meinungsfreiheit: Über die Probleme, auf Kuba ein Internettagebuch zu führen.
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Yoani Sánchez: Die 33-jährige Bloggerin berichtet in ihrem Internettagebuch "Generación Y" vom Alltag in ihrem Land. Foto: afp
Der Büroartikelladen liegt an einer stark frequentierten Straßenecke Havannas. Zwischen der Calle Obispo und dem Parque Central verkehren ausländische Gäste auf dem Weg in das teilrenovierte Zentrum der Stadt, ruinöse Autos dröhnen an den Ampeln um die Wette. Es ist ein guter Ort, um sich zu Kutschenfahrten oder illegalen Zigarrenkäufen überreden zu lassen oder die Mischung aus Tropenholzaromen und ungefiltertem Dieselgestank zu inhalieren. In dem Geschäft, das Yoani Sánchez mit einem Blätterkonvolut betritt, ist es ruhiger.
Die 33-jährige Bloggerin, die in ihrem Internettagebuch "Generación Y" vom Alltag in einem Land berichtet, das seit Jahrzehnten die Revolution probt, hätte heute eigentlich Grund zum Feiern. Sie hält 256 Seiten in den Händen, sämtliche Einträge seit dem Start ihres mittlerweile mehrfach preisgekrönten Blogs im April 2007. Freunde haben ihr beim Ausdrucken geholfen, und nun sieht sie zum ersten Mal, wie ihr Blog überhaupt aussieht. Denn auf Kuba ist er gesperrt, niemand, auch nicht sie selbst, kann ihn im Internet aufrufen.
Unorthodoxe Einsichten
Doch als sie dem Angestellten ihre Drucksache überreicht, damit er sie mit einer Spiralbindung fixiert, und beobachtet, wie er umständlich einen dünnen Packen nach dem anderen greift, um ihn zu lochen, lächelt sie lakonisch. "Es dauert eben etwas länger hier", erklärt sie. Sie lächelt immer noch, als sie die Arbeit des Angestellten weiter verfolgt und feststellt: "Zum Glück ist er nicht daran interessiert, es zu lesen."
Als kubanischer Blogger muss man auf unorthodoxe Einsichten gefasst sein. Etwa, dass man für ein Internettagebuch keinen eigenen Internetanschluss, dafür aber unbedingt Freunde im Ausland braucht. Oder, dass es manchmal ein Glück sein kann, nicht gelesen zu werden - wenn der Angestellte wüsste, dass er den Ausdruck einer verbotenen Homepage in Händen hält, könnte sich ihr Warten auf unbestimmte Zeit verlängern.
Kein Internetanschluss für Privatpersonen
Yoani Sánchez kennt auch das Glück, gelesen zu werden. Spätestens seit sie das Time Magazine 2008 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt gezählt hat, herrscht auf ihrem Blog, in dem sie kein Wort über Politik verliert, ein reger Meinungsaustausch. Auf manche Einträge, in denen sie etwa die patriotischen Verpflichtungen ihres Sohnes oder den unverbrüchlichen Opportunismus ihres Nachbarn beschreibt, erhält sie über viertausend Leserbriefe.
Der Bedarf an unabhängigen Ansichten aus dem Inselstaat ist groß. Freie Meinungsäußerung wird unterdrückt, die kubanische Blogger-Szene ist übersichtlich. Was auch daran liegt, dass Privatpersonen offiziell keinen Internetanschluss besitzen dürfen und die Zugänge in den wenigen Cybercafés zu langsam, oft auch zu teuer sind. "Es gibt im ganzen Land zwölf unabhängige Blogger", so Yoani, "Ich kenne sie alle." Sie möchte, dass viel mehr Kubaner ihre persönliche Sicht schildern, und als ihr fertiges Manuskript über die Theke geschoben wird, ist sie diesem Ziel einen Schritt näher. Am nächsten Tag wird sie es mit nach Santiago de Cuba nehmen, um den Leuten dort Lust auf einen eigenen Blog zu machen. Zugleich zeigt die Geste, wie schlecht es um die Infrastruktur ihres Ziels bestellt ist: Damit die Einwohner der zweitgrößten Stadt des Landes Yoanis Internettagebuch lesen können, muss sie es ausdrucken und mitbringen.
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