Von Thorsten Riedl

Mit dem Börsengang der Kontakt-Plattform Xing (ehemals Open BC) am Donnerstag erreicht der jüngste Trend der Technologiebranche auch die Aktienmärkte in Deutschland.

(Foto: ddp)

Der Auftritt von Sam Palmisano hat sich ausgezahlt. Vor einer kleinen Gruppe stand der Chef von IBM kürzlich auf der Bühne. Palmisano sprach über das Unternehmen und versuchte, für die Produkte zu begeistern. Er redete jedoch nicht in irgendeinem Konferenzsaal - Palmisano wählte für seine Präsentation das Internet.

Auf dem Podest stand sein virtuelles Ebenbild, und auch die Zuhörer hatten nur ihre digitalen Vertreter geschickt: bunte Computergrafiken mit menschlichen Formen, unterschiedlich gekleidet. Im Internetspiel "Second Life" kann jeder leicht so eine virtuelle Person entwerfen. Durch die Auftritte des Chefs im Netz hat IBM schon 20 Kunden für sich gewinnen können - in echt.

In den nächsten zwei Jahren will IBM 100 Millionen Dollar für Projekte wie solche neuen Internetanwendungen ausgeben. Das ist nicht viel für einen Konzern, der in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 90 Milliarden Dollar umsetzt. Doch das IT-Unternehmen der alten Riege zeigt auf diese Weise, dass es im Zeitalter des Web 2.0 angekommen ist.

Xing geht an die Börse (Logo: Xing)

Web 2.0 heißt Mitgestaltung der User


Mit dem Börsengang von Xing, des Internetportals für Geschäftskontakte - besser bekannt unter seinem bisherigen Namen Open-BC - am Donnerstag erreicht der jüngste Trend der Technologiebranche auch die Aktienmärkte in Deutschland.

Unter den Begriff Web 2.0 fasst die Branche die neuesten Ideen des Internet zusammen. Zum Massenstart des weltweiten Computernetzes in den neunziger Jahren hatten die Firmengründer noch reale Geschäftsmodelle nachgebildet: Amazon imitierte einen Buchladen im Internet, Ebay ein Auktionshaus und Yahoo ein allumfassendes Telefonbuch. Den Surfer drängten sie dabei hinter den virtuellen Einkaufswagen - mehr ging nicht.

Inzwischen lebt das Netz davon, dass die Nutzer mitgestalten. Bei Flickr.com stellen Fotografen ihre Bilder in das Internet und diskutieren über die Qualität; bei Myspace.com geben Jugendliche auf persönlichen Seiten Einblicke, wie es zuvor nur im Poesiealbum üblich war; bei Xing soll die Online-Version des eigenen Lebenslaufs helfen, schnell Gleichgesinnte zu finden.


» Wir sind das erste Web 2.0-Unternehmen, das an die Börse geht «

Lars Hinrich

Deutschland hat Nachholbedarf bei Online-Werbung


"Wir sind das erste Web 2.0-Unternehmen, das an die Börse geht", sagte Lars Hinrich, der 29-jährige Gründer von Xing, in den Tagen vor der Erstnotiz. In der Tat ist die Finanzierungsfrage bei den neuen Internet-Angeboten häufig offen. Die wenigsten verpflichten ihre Nutzer zu einer Gebühr, mit der Xing von 2007 an jedoch Gewinne schreiben will. Wieso sollten die Anwender auch für etwas zahlen, das von ihren Inhalten lebt?

Die Mehrzahl der neuen Web 2.0-Firmen wurde bisher von etablierten Internetfirmen gekauft. Der Höhepunkt: Im Sommer gab die Internetsuchmaschine Google 1,65 Milliarden Dollar für das Videoportal Youtube aus - eine Webseite, die erst anderthalb Jahre zuvor ins Netz gestellt wurde.

Auch das Softwarehaus Microsoft sowie die Internetportale Yahoo und AOL gehören zu den Käufern junger Web 2.0-Firmen. Die vier Konzerne des Sektors hoffen so auf höhere Anzeigenerlöse. Klare Zielgruppen und aktive Nutzer treiben Werbe-Einnahmen in die Höhe, und beide Voraussetzungen erfüllen Web 2.0-Angebote.

Was Online-Werbung angeht, hat Deutschland dabei noch Nachholbedarf: In den ersten neun Monaten 2006 hat allein Google mit Anzeigen im Internet 5,6 Milliarden Euro umgesetzt - die Gesamterlöse mit Online-Werbung in Deutschland lagen mit 454 Millionen Euro bei weniger als einem Zehntel davon.

(SZ vom 7.12.2006)

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