Anschluss verpasst
Cebit
17.03.2007, 12:10
Auf der Cebit ist kaum der Durchblick zu behalten. (Foto: AFP)
Zu den erstaunlichsten Phänomenen der Computermesse Cebit gehört das Rätsel des identischen Zwirns. Wie, fragt man sich, ist es den hier agierenden Männern gelungen, den Dresscode zu knacken, oder anders gesagt: Wie kommt es, dass sie für das Problem der Kleiderordnung fast ausnahmslos ein- und dieselbe Lösung finden, nämlich dunklen Business-Anzug, weißes oder hellblaues Hemd nebst Krawatte in frühlingsfrischen Farben?
Lassen sie alle, ob sie nun aus Litauen oder Bergisch Gladbach stammen, beim selben Schneider fertigen, oder gibt es eine weltweit gültige Klamottenregel für IT-Leute, die nur Eingeweihte kennen?
"Ha!", werden Mode-Experten jetzt aufschreien, ein Mann, der so etwas schreibt, hat keine Ahnung! Der kann Armani nicht von Joop oder der Karstadt-Herrenkollektion unterscheiden! Und was soll man sagen? Sie haben recht. Ja, es kommt noch schlimmer.
Der Mann hat auch keinen Schimmer, was auf der Cebit gängige Begriffe wie "Data Mining", "Scorecarding" oder "Vordefinierte Applikationen" bedeuten, und selbst auf gut ausgetretenen Feldern der Kommunikationstechnik wie dem Mobilfunkwesen ist er so weit hinten dran, dass er Handys für unnütz hält, es sei denn, man liegt hilflos in einer Gletscherspalte und muss die Bergwacht alarmieren.
Wer derart unbelastet von Fachwissen die Messehallen zu Hannover betritt, wer anders als viele Cebit-Besucher nur mäßig erregt ist, wenn er Vitrinen voller Plastik-Keramik-Draht-Gebilde von der Größe einer Zigarettenschachtel betrachtet, hinter denen zwei dauerlächelnde Chinesen in der branchenüblichen Uniform sitzen, der erlebt die IT-Leistungsschau insofern als seelische Demütigung, als er sich von einem bedeutsamen Teil der Menschheitsentwicklung abgekoppelt fühlt.
Da hilft es auch wenig, mit einem sokratischen "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zu reagieren oder gar die eigene Unkenntnis als Ausdruck einer höherstehenden humanistischen Bildung zu feiern, in deren Licht die Welt der Mikroprozessoren als Technokratenkram minderen Werts erscheint. Damit würde man vielen, wenn nicht allen hier Unrecht tun, in jedem Fall aber Alassane Ndiaye vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Software-Ingenieur Ndiaye hat etwas ganz Tolles entwickelt: einen virtuellen Menschen, mit dem man sich über Fußball unterhalten kann.
Dieser Mensch heißt Berti, ein sportlicher Schönling - es handelt sich also nicht um Berti Vogts - , der mit leicht schmachtendem Augenaufschlag aus dem Cyberspace in die Messehalle9 blickt, während ihm Dr.Ndiaye via Telefon eine beinharte Fachfrage stellt: "Wie hat Bayern München am letzten Bundesliga-Spieltag gespielt." Berti neigt den Kopf und antwortet korrekt: "1:1 gegen Werder Bremen."
Bei der Frage nach den Torschützen muss Berti allerdings passen, was er halbwegs wieder wettmacht mit einer korrekten Auskunft über das aktuelle Schlusslicht der Tabelle: "Borussia Mönchengladbach."
Auf besonderen Wunsch soll Berti nun das jüngste Resultat des TSV 1860 München nennen, aber damit kommt man bei ihm schlecht an: "1860 München spielt in der zweiten Liga", aber er, Berti, wisse nur über die erste Liga Bescheid. Ohne dem famosen Herrn Ndiaye zu nahe treten zu wollen, muss man doch feststellen, dass der virtuelle Fußballexperte noch nicht ganz ausgereift ist.
Erstens ist ein Fußball-Fachgespräch, in dem 1860 nicht vorkommt, ebenso sinnlos wie eine Unterhaltung über klassische Musik, die Mozart ausspart, und zweitens gehört zur Debatte über Tore und Schiedsrichterleistungen unbedingt Bier. Man möchte mit seinem Gegenüber beim Bundesliga-Talk schon zwei, drei Pils kippen - möglicherweise die größte Herausforderung für die Schöpfer der künstlichen Intelligenz.
Erstaunlich, zumindest für den Laien, ist die Beobachtung, dass ein Großteil der mehr als 6000 Cebit-Aussteller damit wirbt, Lösungen respektive Solutions parat zu haben, für was auch immer. Es gibt Lösungen für Investitions- und Strategie-Entscheidungen, Lösungen zur Verbesserung der IT-Performance, Lösungen für Reporting und Dashboarding, Lösungen für die Behälterverfolgung für Mehrwegtransportverpackungen oder auch generell Lösungen für den Mittelstand.
Über den Daumen gepeilt, werden auf der Cebit einige hunderttausend Lösungen präsentiert, und man ist erstaunt, dass die Wirtschaft über eine so große Menge dazu passender Probleme verfügt. Aber wahrscheinlich sind es ja noch viel mehr, was nun wiederum für die Wirtschaft spricht, getreu der Definition des Schriftstellers Egon Friedell: "Kultur ist Reichtum an Problemen."
Eines der brisantesten Probleme ist das mitunter beklagenswerte Niveau von Videokonferenzen, womit hier selbstverständlich nur die technische Seite angesprochen ist. Bei Fujitsu-Siemens haben sie ein Notebook herausgebracht, mit dem man am Strand sitzen und per eingebauter "ConfCamera" an der morgendlichen Kollegenrunde teilnehmen kann.
Leute, die das möchten, soll es ja zuhauf geben, und nur an die sind folgende Informationen gerichtet, die der Fujitsu-Cicerone am Messestand weiterreicht: "Das neue Lifebook P7230 ist das leichteste und kleinste Notebook mit modularem Schacht. Mobilen Internetzugang bieten im Lifebook P7230 integriertes WLAN und Bluetooth sowie integriertes UMTS/HSDPA." Nach solchen Sätzen beschleicht einen das Gefühl, ein Steinzeitmensch im 21.Jahrhundert zu sein. Man ist Ötzi, der Gletschermann, und hat das Problem, nichts zu kapieren. Aber vielleicht gibt es auch dafür eine Lösung, unter Umständen von den klugen Köpfen der Fraunhofer-Gesellschaft.
Tatsächlich darf man von den Fraunhofer-Leuten einiges erwarten, ist es ihnen doch gelungen, den Schuhkauf dem altbackenen Ritual des An- und Ausziehens zu entreißen und auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben. Gewährsmann für diese Entwicklung ist auf der Cebit Jürgen Rurainsky vom Heinrich-Hertz-Institut in Berlin, das zur Fraunhofer-Gesellschaft gehört.
Um die Sache auch unbedarften Besuchern näher zu bringen, stellt sich Rurainsky, der zum Business-Anzug ausnahmsweise Joggingschuhe trägt, vor einen auf die Füße gerichteten Spiegel. Aber das ist kein gewöhnlicher Spiegel, sondern, um im Jargon zu reden, ein Virtual Mirror, der ein virtuelles Abbild der beschuhten Füße liefert. So, und jetzt kommt’s: Rurainskys Laufschuhe sind weiß, aber womöglich wäre Blau auch ganz schön.
Ein Mausklick, et voilà: die Schuhe sind blau. Genauso könnte er das Material ändern, den Sohlentyp, die Zierstreifen, den Schriftzug und so weiter - mehr als eine Million Varianten könnte der Kunde ausprobieren, und dafür müsste er nicht einmal die Schuhe wechseln.
Unter uns gesagt: Das ist eine gute Erfindung, vorausgesetzt, die Fraunhofer-Ingenieure beschränken die Varianten auf drei bis vier, damit die Entscheidung nicht in einen endlosen Prozess ausartet. Andererseits hört man oft von Schuhkäufern, insbesondere von weiblichen, dass das Anprobieren von mindestens 50 Modellen gerade der besondere Reiz der Prozedur sei, ja, häufig sogar ihr einziger Zweck, weil man gar nicht daran denke, die Dinger am Ende zu kaufen.
Nach acht Stunden Rundgang durch 25 Messehallen weiß man, was man vorher schon wusste: Man hat den Anschluss verpasst. Wie unzeitgemäß sind doch die eigenen Bedürfnisse. Immer erreichbar zu sein, wie das Vodafone mit seiner Push E-Mail verspricht - bitte nicht! Handys, die nicht nur Fotos schießen und Videos aufnehmen, sondern auch Musik spielen?
Danke, es gibt schon genug Gedudel. Vermutlich werden bald Handys erfunden, mit denen man ein Bier trinken und über Fußball reden kann. Phantastisch, zumal für Steinzeitmenschen auch eine Lösung bleibt: die Kneipe.
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![]() 19.03.2007 23:09:58 llechwedd: I waaß net ... Ist die Generation Windoof/OS-X wirklich so unbeholfen, daß sie alle Funktionen der Frau Autluck benötigt, um im Berufsleben zurechtzukommen? Ich (55, Pressereferent und Kundenzeitschriftenchef eines nicht mehr nur mittelgroßen Investitionsgüterproduzenten) habe während meiner ganzen Berufslaufbahn, die u.a. CvD einer großen Special-Interest-Zeitschrift und Chefredaktion der Großkundenzeitschrift eines nicht gänzlich unbedeutenden, südniedersächsischen Fahrzeugbauers umfaßt, einen Terminkalender weder besessen noch benötigt – von den Gängeleien der „Aufgabenverwaltung“ der Frau Autluck ganz zu schweigen – und bis dato keinen Abgabe- bzw. Drucktermin verpasst; im Gegentum: Meistens wart’ ich wie der Igel auf die übrigen Mitproduktionshasen: „Ück bün all doa!“. Was sind das nur für armselige Wurschtln, die eine Frau Autluck oder ein Handy oder einen Orgänaiser oder sonstwelche Mental-Krücken brauchen, um sich in ihrem Job zurechtzufinden? Institutionalisierte und digital subventionierte Vergeßlichkeit – kein Wunder, daß bald nimmermehr viel Vernünftiges geht hierzulande. ![]()
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