Von Helmut Martin-Jung

Schreiben, senden und verlinken – aus dem Nichts entstand ein neues Medium, das manche Nutzer an die Grenze der Sucht bringt.

Blog

Sieben Millionen Menschen allein in den USA, die mehr oder weniger regelmäßig aufschreiben, was sie bewegt. ()

München, im Februar – Joe Gordon tat das, was er seit Jahren tut. Wenn er zum Beispiel auf dem Weg nach Hause nicht den Bus nimmt, sondern zu Fuß geht und in einer Bäckerei etwas Gebäck einkauft, dann schreibt er auf: dass es unweit seiner Wohnung im schottischen Edinburgh neuerdings eine Bäckerei mit einer Kunstgalerie im Keller gibt und er das groovy findet.

Er schreibt es auf in seinem Tagebuch im Internet, seinem Blog. Zu lesen für alle Welt. Doch die Welt interessierte sich lange Zeit nicht besonders für Joe Gordon und seine Woolamaloo Gazette.

Böser Boss

So hätte es weitergehen können im Leben des 37 Jahre alten Buchhändlers, der wie Millionen von Angestellten auf der Welt ab und an auch mal über seinen Chef lästerte: dass der Böse Boss in Sandalen zur Arbeit erschien etwa oder ihm an seinem Geburtstag nicht freigab.

Joe Gordon tat, was er immer tat und schrieb es auf in seinem Blog, jeder mit einem Internetanschluss konnte es verfolgen.

Und so kam es schließlich kurz vor Weihnachten, wie es schon lange hätte kommen können: Gordons Vorgesetzter las die sarkastischen Bemerkungen seines Untergebenen, und man kann nicht sagen, er sei zimperlich oder langsam gewesen in seiner Reaktion.

Nun war der Blogger Gordon arbeitslos, der erste Brite, der auf diese Art seinen Job verloren hat. Aber wenigstens hatte er jetzt, was sich alle wünschen, die wie er ihre ganz persönlichen Ansichten und Meinungen veröffentlichen: Jede Menge Zugriffe auf seinen Blog.

„Ein Blog ist ein persönliches Tagebuch. Ein Rednerpult. Ein Raum für Zusammenarbeit. Eine politische Bühne. Ein Ventil für Nachrichten. Eine Sammlung interessanter Links. Ihre ganz privaten Gedanken. Notizen für die Welt.“ (Definition von Google’s Seite Blogger.com)

Im Ozean der Banalitäten

Sieben Millionen Menschen sind es einer im Januar veröffentlichten Studie zufolge allein in den USA, die mehr oder weniger regelmäßig aufschreiben, was sie bewegt: Privates wie Politisches, Intimes und Irritierendes, Bedeutsames und Banales.

Jeden Tag entstehen weltweit Tausende neue Blogs. Doch die meisten dieser Internet-Tagebücher fristen ein eher trauriges Dasein irgendwo auf den Abstellgleisen des Webs, und: Selbst von den Internet-Benutzern in den USA wissen zwei Drittel gar nicht, was das sein soll, ein Blog.

Dabei hat das Thema durchaus eine Rolle gespielt im Präsidentschaftswahlkampf, und Merriam-Webster, das US-Pendant zum Dudenverlag, hat den Begriff Blog zum Wort des Jahres 2004 erklärt.

Blog ist sozusagen das Kürzel eines Kürzels: extrahiert aus weblog, was wiederum steht für ein Logbuch im world wide web. Blogs bestehen meist aus kurzen Texten, der jüngste immer oben, versehen mit Links, Datum und Uhrzeit der Veröffentlichung sowie – ganz wichtig – der Möglichkeit, einen Kommentar zu dem Beitrag zu verfassen.

 
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Typisch ferner: Ein Kalender sowie ein Archiv mit Permalinks – Verweisen auf Artikel, die erhalten bleiben, auch wenn das Tagebuch fortgeschrieben wird.

Längst gibt es spezialisierte Anbieter und Plattformen, aber auch die Großen der Branche wie Google sind auf den Zug aufgesprungen und bieten Platz in der blogosphere an. Jeder kann sich in fünf Minuten sein eigenes Tagebuch einrichten – kostenlos.

„Wer gute Blogs regelmäßig absurft, dem entgeht so leicht nichts mehr.“ (Sven Lennartz in seinem Blog Dr. Web Magazin)

Es gibt Blogger mit einer Fangemeinde, in Deutschland etwa Jörg Kantel, besser bekannt als „Schockwellenreiter“, in den USA beispielsweise Dan Gillmor.

Heuschrecke im Maisfeld

Oder Ivan Noble, den an Krebs erkrankten BBC-Journalisten, dessen Tagebuch Hunderttausende verfolgten. Aber der normale unbekannte Blogger erzielt im Vergleich zu etablierten News-Angeboten keine Breitenwirkung, ähnlich wie einzelne Heuschrecken in einem Maisfeld nicht weiter auffallen.

„Unerkannt kommen wir aus der Dunkelheit, niemand weiß, wann und wo einer oder eine von uns das nächste Mal zuschlägt. Wir posten unsere Texte und verschwinden wieder in den Tiefen des Webs. Wir sind Guerilla-Publizisten. Wir sind Blogger. Wir sind kleine, mobile Einheiten. Wir fliegen unterhalb des Radars der Verlage und der Meinungsindustrie. Wenn es eine von uns erwischt, sind genügend andere da, die ihre Stelle einnehmen. Sie können uns nicht fassen.“ (Manifest des deutschen Blogs „Der Kutter“)

Aber wenn sich ein Schwarm formiert, wenn Nachrichten nahezu ohne Verzögerung um den Erdball schwirren, wenn sie auf unzähligen Blogseiten querverbunden, kommentiert, ergänzt werden, im Minutentakt in automatisch aktualisierten Nachrichtensammel-Programmen auflaufen, wenn sich per trackback die blogs untereinander zu einem Thema auf dem Laufenden halten, dann kann durch die schiere Masse eine Dynamik entstehen, die von der virtuellen in die reale Welt hinüberschwappt. Und plötzlich ist das Maisfeld kahl.

„Es war wie ein Streichholz auf benzingetränktem Holz“, notierte die Washington Post im September, als Blogger mitten in der heißen Phase des US-Wahlkampfes dem Sender CBS einheizten.

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