Nicholas Lemann, Dekan der Graduate School of Journalism an der Columbia University über Weblogs, Qualitäts-Journalismus und Rupert Murdoch
Nicholas Lemann, Dekan der Columbia University Foto: Columbia University
SZ: Herr Professor Lemann, im Internet kann heute jeder Journalist sein. Die Websites für so genannten Citizen-Journalismus breiten sich aus. Brauchen wir noch professionelle Journalisten?
Nicholas Lemann: Das kommt darauf an, was Sie unter professionellem Journalismus verstehen. Was die Welt ganz klar braucht, sind professionelle Reporter. Bei der ganzen Internet-Euphorie muss man sich eines klarmachen: Reporting und Kommentare schreiben ist nicht das Gleiche. Um Berichte zu recherchieren und zu schreiben, ist vielleicht nicht unbedingt eine formale Ausbildung notwendig, wohl aber Zeit. Und das kostet Geld. Journalisten verbringen oft den ganzen Tag damit, Fakten herauszufinden, und das ist ein sehr hoher gesellschaftlicher Wert. Die Arbeit ist nicht getan, indem man ein paar E-Mails schreibt.
SZ: Worin liegt der Unterschied, ob ein professioneller Journalist im Rathaus anruft und recherchiert oder ein Hobby-Journalist für seinen Weblog?
Lemann: Schauen Sie sich doch auf den ganzen Websites von sogenannten Bürger-Journalisten um. Die Leute gehen eben nicht aufs Rathaus und stellen harte Fragen. Sie kommentieren die Dinge, die in der Stadt passieren. Das ist auch gut und wertvoll, aber es ist etwas anderes. Zum Beispiel die Website von Jay Rosen (ein Professor von der New York University, der zu den führenden Theoretikern des Bürger-Journalismus gehört, d. Red): Dort finden Sie viel Medienkritik, aber keine Neuigkeiten. Das Internet ist eine faszinierende Sache, und wir haben seine Möglichkeiten vermutlich noch lange nicht ausgeschöpft. Aber es ist bei weitem nicht das erste Instrument in der Geschichte, das Außenseitern mit ihrer Meinung den Zugang zur Öffentlichkeit verschafft. Ich habe meine Karriere vor 30 Jahren bei einem alternativen Wochenmagazin in New Orleans begonnen. Diese Magazine waren das Internet der damaligen Zeit. Haben Sie schon einmal erlebt, dass das Internet Informationen zu Tage gefördert hätte, die sonst verborgen geblieben wären?
SZ: Die Informationen über die Gehaltsaffäre bei der Weltbank, die deren Präsidenten Paul Wolfowitz den Job gekostet hat, standen zuerst im Internet und erst dann in der Washington Post.
Lemann: Das ist etwas anderes. Auch das Phänomen, dass Informationen über alternative Kanäle an die Öffentlichkeit kommen und dann von den etablierten Medien aufgegriffen werden, ist nicht neu. Die Pentagon-Papiere wurden in den siebziger Jahren zuerst von einer kleinen Anti-Kriegs-Gruppe veröffentlicht. Das Internet bringt eine neue Dimension hinzu, weil es so schnell ist. Aber qualitativ völlig neu ist es im Hinblick auf den Journalismus nicht.
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