Insbesondere bei biografischen Artikeln fehlt es an Objektivität. Die Texte werden heimlich nicht selten von den Betroffenen selbst oder von ihren heftigsten Gegnern geschrieben. In Holland wurde den Mitarbeitern des Justizministeriums zeitweilig ein Wikipedia-Verbot auferlegt, weil mehr als 800 Einträge des Internet-Lexikons von Rechnern des Ministeriums aus bearbeitet worden waren. In Österreich leisteten sich Sozialdemokraten und die Österreichische Volkspartei lange Zeit Internet-Scharmützel. Kritische Passagen verschwanden, wurden neu reingeschrieben.
In der Schweiz wurde ein Wikipedia-Beitrag zu dem umstrittenen früheren Bundesrat Christoph Blocher im größten Online-Lexikon der Welt seit September vergangenen Jahres mehr als 60mal verändert. Sogar Schweizer Medienschaffende betätigten sich als anonyme Enzyklopädisten in eigener Sache. Auch im deutschen Bundestag wird das Online-Lexikon zur Imagepflege und zur Diffamierung des Gegners eingesetzt. Einige Hundert Artikel wurden von Computern des Bundestages und der Bundesregierung bearbeitet. Amerikanische Regierungsbehörden desinformierten im Internet über Themen im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg, im Vatikan gibt es sehr fleißige Wikipedia-Mitarbeiter, und wenn Firmen Abträgliches über die Konkurrenz zu berichten haben, setzen sie auf den Cyberspace.
Allerdings sind solche Manipulationen nicht erst mit dem Internet entstanden, auch früher schon war herkömmlichen Lexika oft nicht zu trauen. Wertfrei, unabhängig geht es auf der Welt nur selten zu. Aber Recherche, so heißt es in den Lehrbüchern, hat unvoreingenommen zu sein und darf sich nie mit einer einzigen Quelle zufriedengeben. Also kann das Internet die Fragen nicht beantworten, sondern allenfalls nur helfen, sie besser zu formulieren. Leitmotive müssten - soweit die Theorie - Zweifel, Skepsis und Distanz bleiben, um zu einem eigenen Urteil gelangen zu können.
Die Praxis ist oft anders. "Journalisten sagen lieber gleich ihre Meinung, statt zu recherchieren" schrieb der damalige ZDF-Redakteur und heutige Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, bereits in den achtziger Jahren. Damals erschien auch eine Studie einer Kommunikationswissenschaftlerin, die Beiträge aus Zeitungen, Hörfunk und von Nachrichtenagenturen nach der Quellenlage geprüft hatte: 85 Prozent aller Fälle hatten als Basis nur eine Quelle, etwa Informationen aus einer Pressekonferenz oder ungeprüfte PR-Mitteilungen, die ungeprüft verarbeitet worden waren. Die ökonomische Krise der Verlage hat die Lage in den Redaktionen und Archiven nicht verbessert.
"Wenn deine Mutter sagt, sie liebt dich - prüfe es", verlangte einst der Lokalchef einer Tageszeitung in Chicago von seinen Mitarbeitern. Er hatte den Spruch auf seinem Schreibtisch. Es war, Internet hin oder her, eine selige Zeit.
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