Von Bernd Graff

Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung.

Eigensinniges Wissen oder Narren im Netz? (Foto: oH)

Seit fast einem halben Jahrzehnt gibt es das "partizipative Web". Das klingt nach Leistungskurs, meint aber neue Formen der Beteiligung und der Berichterstattung im Internet. Diese Formen werden von engagierten Zeitgenossen genutzt, weil sie - sei es aus Idealismus, sei es, weil sie sonst keine Beschäftigung haben - eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen. Man spricht auch schon von "Bürger-Reportern" und "Graswurzeljournalisten".

Eine Art: Vierte Digitalgewalt? Schlaue Menschen werden darauf hinweisen, dass das Internet immer schon ein Beteiligungsnetz war, und dass die Ansätze zu dieser Berichterstattung wesentlich älter sind als fünf Jahre. Leider nun sind jene Schlauen, die wir aus unserem gut gewärmten Mainstreammedia-Bett heraus und hinein in ihr debattenknisterndes Web grüßen: das Problem.

Sie zerfleddern - wie es gerne auch wir Zeitungsmenschen tun - jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung.

Haben wir Entrüstung gesagt? Setzen Sie dafür bitte beliebig ein: Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn, Spott. Ja, wir müssen uns die Kräfte des freien Meinungsmarktes als äußerst destruktiv vorstellen.

Querulanten und Freizeitaktivisten

Nun könnte man sagen: diese Inquisitoren in eigener Sache, das sind halt Querulanten und Leute mit seltsamen Präferenzen. Freizeitaktivisten mit ein bisschen Schaum vor dem Mund. Die gibt es eben. Das könnte man so sehen. Man sollte es aber nicht.

Das von US-Visionären importierte Problem ist, dass man dem unter dem Mantel des Web 2.0 rumorenden Plebiszit die Zukunft anvertrauen möchte.

So zimmert sich der Wired-Autor Kevin Kelly in "We are The Web" daraus bereits das Internet als globale Hirnmaschine zurecht, die ihre überragende Intelligenz noch entwickeln wird. Kelly tut das mit einem Pathos, das man nur magengestärkt erträgt: "Es gibt nur eine einzige Epoche in der Geschichte jedes Planeten, in der seine Bewohner ungezählte Einzelteile zu einer einzigen großen Maschine zusammenbauen. Diese Maschine wird immer weiter laufen, aber es gibt nur eine Zeit, in der sie geboren wird. Du und ich dürfen dies gerade erleben."

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Leserkommentare (191)



24.06.2009 13:14:51

broeddi:

In einer Zeit, in der jeder Abiturient Journalist wird, weil er sich über ehrliche Arbeit erhaben fühlt, kann man Graffs Vorwürfe an das Web beinahe 1:1 auf die selbsternannten Qualitätsmedien übertragen.


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