Von Helmut Martin-Jung

Monatelang lief alles glatt, doch dann entdeckte ein Computer-Experte, wie Sony BMG in den USA seine Musik-CDs schützt - mit Software, die dem Fiesesten ähnelt, mit dem Hacker Computer traktieren. Nun ist man um Schadensbegrenzung bemüht.

(Screenshot von Mark Russinovichs Seite (s. u.))

Es war echte Detektivarbeit. Und was der Computer-Experte Mark Russinovich auf seinem Rechner Zug um Zug entdeckte, das machte ihn richtig wütend: Eine legal gekaufte Musik-CD von Sony BMG, die er auf seinem Windows-Computer abspielte, hatte eine Software installiert, die dem Fiesesten ähnelt, was einem bösartige Zeitgenossen derzeit unterjubeln können: So genannte Rootkits – Programme, die dazu dienen, sich selbst und ihr Tun vor dem Computer-Nutzer zu verbergen. Mit Windows-Bordmitteln oder üblicher Antiviren-Software sind diese Geheimprogramme nicht zu entdecken.

Nun muss der Riese Sony BMG zusehen, den Schaden für seinen Ruf möglichst klein zu halten. Doch der wächst minütlich. Denn Russinovich hat seine Ermittlungen im Internet minutiös dokumentiert. Innerhalb kurzer Zeit liefen auf seiner Internet-Seite Hunderte Kommentare auf, schwankend zwischen Entsetzen und Boykottaufrufen. „Wenn die keinen Respekt vor dem Kunden haben“, schimpfte ein anderer Nutzer, „können die Kunden ihnen zeigen, dass eine Firma ohne Kunden nicht überleben kann“.

Aufgabe des Programmes XCP von der Musik-CD ist zu überwachen, dass von der Scheibe nur wenige digitale Kopien pro Lied angefertigt werden können. Russinovich und anderen macht jedoch die Technik Sorgen, die dahinter steckt.

Die Software, die Sony BMG Kunden in den USA etwa seit März zum Schutz der Firmen-Rechte mit eher vagen Hinweisen untergeschoben hat, könne von Virenprogrammierern quasi als Unterschlupf für deren eigene bösartige Programme benutzt werden, befürchtet auch Mikko Hyppönen, Experte vom Antiviren-Spezialisten F-Secure.

Man müsse davon ausgehen, sagte er der BBC, dass die XCP-Software auf Zehntausenden von Rechnern installiert sei - eine Einladung für Hacker. Einige Online-Spieler nutzen sie bereits, um Schummelsoftware zu verstecken.

Der Hersteller des Kopierschutzes XCP, die britische Firma First 4 Internet, spricht dagegen von einem „Sturm im Wasserglas“ und betont, es gebe keinen Beweis dafür, dass Viren versuchten, sich unter dem Schutz von XCP unerkannt auf Rechnern einzunisten.

Dennoch hat Sony BMG in den USA auf die – wie es heißt – „theoretische Bedrohung“ reagiert und stellt jetzt eine Software bereit, die der Geheimniskrämerei von XCP ein Ende macht. Auch First 4 Internet hat seine Software umgeschrieben und operiert offen. Das Kopieren bleibt aber eingeschränkt.

Aber was haben Musik-CDs eigentlich in Computern zu suchen? Es geht darum, die Daten der CD einzulesen, um sie zu kopieren oder sie auf einen Bruchteil der Datenmenge zu komprimieren. Danach überträgt man sie auf Abspielgeräte wie Apples iPod oder auch moderne Handys. Soweit, so legal.

Diese Dateien, meist im MP3-Format, werden aber auch im Internet illegal angeboten, auf PC-Partys massenweise getauscht, seit Jahren klagt die Industrie über Milliardenverluste.

Deshalb experimentiert sie auch schon lange mit Kopierschutzverfahren – oft zum Ärger ehrlicher Kunden, deren CDs etwa im Auto nicht laufen. Katja Neese, Sprecherin von Sony BMGDeutschland, verteidigt das Vorgehen. „Wir würden ja gar keinen Kopierschutz machen, wenn nicht so viel gebrannt und kopiert würde.“

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