Von Christoph Seidler

Mit ihren vielfältigen Zusatzdiensten könnte die Suchmaschine Google persönliche Profile der Nutzer herstellen.

Sergey Brin (li.) und Larry Page

Sergey Brin (li.) und Larry Page, die Entwickler der Suchmaschine Google (Foto: AP)

Don’t be evil“ – „Sei niemals böse“, so heißt die Firmenmaxime der Suchmaschine Google. Bislang hatte das von den beiden Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin gegründete Unternehmen damit Erfolg: Dank eines flinken Suchalgorithmus und einer schlichten Startseite ist Google längst zum Synonym für die Suche im Internet geworden. Zahlreiche andere Google-Dienste wurden ebenfalls zum Massenerfolg, so etwa der E-Mail-Dienst „Google Mail“ oder das Programm „Google Desktop“ zum Stöbern auf dem eigenen Computer.

Seit einiger Zeit hat Google aber mit Image-Problemen zu kämpfen, vor allem bei Fragen des Datenschutzes: Wie viel weiß Google mittlerweile über seine Nutzer? Und was passiert mit den Informationen? Erst vor einer Woche veröffentlichte die New York Times ein Editorial, in dem der Suchmaschinenriese dringend zu Nachbesserungen beim Umgang mit persönlichen Daten aufgefordert wird: „Google ist aggressiv, wenn es darum geht, Informationen über die Online-Aktivitäten seiner Nutzer zu sammeln“, beklagte Kolumnist Adam Cohen.

Datenschutzgruppen wie etwa das „World Privacy Forum“ oder das „Center for Democracy and Technology“ teilen diese Meinung. US-Datenschützer Chris Hoofnagle vom „Electronic Privacy Information Center“ wurde im Sommer besonders deutlich, als er beklagte, Google sei „eines der größten Datenschutzrisiken im Internet“. Dabei geht es den Kritikern vor allem darum, was passieren könnte, nicht um bereits nachgewiesene Verletzungen der Privatsphäre.

Google-Cookies leben besonders lange

Erster Kritikpunkt der Datenschützer sind die so genannten Cookies: Das sind kleine Dateien mit einer Seriennummer, die jeder Google-Nutzer automatisch auf den PC überträgt. Liegt die Datei dort einmal vor, wird sie bei jedem Besuch neu an Google übertragen. Die Suchmaschine weiß auf diese Weise, wer wieder zu Besuch ist, kennt außerdem die IP-Adresse des Surfers, erfährt welchen Browser er nutzt, was er wann sucht.

Prinzipiell sind Cookies nichts Besonderes, sie werden von zahlreichen Webseiten eingesetzt. Doch die Google-Cookies sind besonders langlebig: Werden sie nicht gelöscht, machen sie bei jedem Besuch Meldung – bis zum Jahr 2038. „Cookies bedrohen die Privatsphäre, da sie für die Profilbildung genutzt werden können“, sagt Sven Borchert vom unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Datenschutzaktivist Daniel Brandt, Gründer der Webseite „Googlewatch“, rät deswegen, die Datei so oft wie möglich von der Festplatte zu putzen: „Löschen Sie Ihr Google-Cookie mindestens einmal am Tag.“

Google selbst sieht das freilich ganz anders: „Der Datenschutz und die Privatsphäre unserer Nutzer sind das höchste Gut“, sagt Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland, und verweist auf die detaillierten Datenschutzrichtlinien des Unternehmens. Sie regeln, was das Unternehmen mit den gewonnenen Daten anstellen darf – und was nicht.

Doch der Grünen-Bundestagsabgeordneten Grietje Bettin reicht das nicht aus: „Viele Nutzer können die etwaigen Folgen ihrer impliziten Einwilligung gar nicht absehen“, sagt die medienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Parlament und Mitherausgeberin einer Studie zu Google.

Die zählebigen Cookies sind nicht das einzige Problem, das Datenschützer mit Google haben. Ein weiterer Kritikpunkt ist „Google Mail“. Hier liest Google vollautomatisch alle E-Mails der Nutzer – um passende Anzeigen einzublenden. Wer von seiner Liebsten eine Sendung mit den möglichen Urlaubszielen bekommt, der braucht sich bei „Google Mail“ (G-Mail) nicht zu wundern, wenn gleich nebenan Werbung von Reiseveranstaltern aufleuchtet.

Identifizierung lässt sich nicht abstellen

Jüngster Stein des Anstoßes ist „Google Analytics“. Unter diesem Namen bietet die Suchmaschine seit zwei Wochen einen Service für Betreiber von Internetseiten an. Der Dienst überwacht die Zugriffe auf die betreffende Webseite und analysiert das Verhalten der Nutzer. Das Problem: Die Bewegungsdaten des Angebots landen auf dem Server von Google. Das Such-Unternehmen erfährt also auch von einem Besuch, wenn der Nutzer über ein Lesezeichen zu der Webseite gekommen ist. „Google könnte diese Daten mit anderen verknüpfen. Zum Beispiel mit Suchbegriffen oder den Informationen des G-Mail-Accounts“, erklärt Datenschützer Sven Borchert.

Vor allem für die User des E-Mail-Dienstes könnte das Borchert zufolge kritisch werden. Er befürchtet, das Abfragen der elektronischen Post werde gleichsam zum „Super-Cookie“: „Löschen, filtern oder abstellen kann der Nutzer diese Identifizierung nicht.“ So könne das Unternehmen zumindest von jedem Nutzer von G-Mail trotz Löschen der Cookies und wechselnder IP-Adresse „ein umfassendes und vor allem personenbezogenes Profil erzeugen“.

Google wisse über das Mailverhalten ebenso Bescheid wie über persönliche Suchvorlieben und die Besuche auf anderen Webseiten. Johann Bizer, stellvertretender Landesbeauftragter für Datenschutz in Schleswig-Holstein sieht darin ein „datenschutzrechtliches Problem“, besonders wenn eine Profilbildung verschleiert und ohne Zustimmung des Nutzers erfolge.

Google hat eine solche Verknüpfung der Daten immer kategorisch ausgeschlossen: „Wir sammeln keine Informationen darüber, wer Sie sind. Das interessiert uns gar nicht“, sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel. Die hauseigenen Datenschutzbestimmungen untersagen eine Verknüpfung aller vorliegenden Daten allerdings nicht explizit.

Der wohl schwerwiegendste Kritikpunkt der Datenschützer bleibt Googles Intransparenz. „Google sollte detailliert veröffentlichen, welche Daten über die User gesammelt werden und wie lange diese Daten gespeichert werden“, fordert Daniel Brandt. Und auch Grietje Bettin ruft die Suchmaschine auf, transparent zu machen, „an wen welche Daten weitergegeben werden und wie lange sie insgesamt gespeichert werden“.

Doch außer allgemeinen Sätzen ist von Google zu diesem Thema bislang wenig zu hören – nur der Hinweis, dass in der siebenjährigen Firmengeschichte noch kein einziger Fall von Datenmissbrauch bekannt geworden sei. Google habe allerdings auf Anforderung Daten an Strafverfolgungsbehörden weitergegeben, sagt Sprecher Stefan Keuchel. Dazu ist das Unternehmen gesetzlich verpflichtet.

In diesem und anderen Punkten agiert Google kaum anders als seine Mitbewerber. Doch das ist vielen nicht genug, zum Beispiel Adam Cohen, dem Kolumnisten der New York Times: „Google ist in puncto Datenschutz nicht unbedingt schlechter als andere Internetfirmen. Es sollte aber besser sein.“ Schon der Firmenphilosophie wegen.

(SZ vom 6.12.2005)

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