Ziegelsteine unter Strom
Brockhaus
13.02.2008, 16:00
Die Brockhaus- Enzyklopädie war zwei Jahrhunderte so etwas wie die Bibel des deutschen Bildungsbürgertums. Das berühmteste deutsche Nachschlagewerk soll es künftig nur noch online geben. (Foto: dpa)
Der Abschied von der Illusion des abgeschlossenen, vollständigen und vollständig verfügbaren Welt-Wissens kam schleichend: Erst packte man das, was man für geordnet und wahr hielt, auf CD-Rom und DVD, also auf Datenträger, deren Inhalte von Einzelplatzrechnern aufgerufen werden. Dann delegierte man es ins Web, überantwortete es anonymen, verstreuten Servern, die jederzeit ausbreiten, was an Wissensnotwendigkeit gerade so anliegt. Aus dem erwerbbaren Eigentum, einem wert- und kunstvollen, akribisch aufbereiteten Schatz ist jetzt schon eine anonyme Instantfunktion für den Alltag geworden, ebenso nützlich wie flüchtig.
Man muss sich diese gewaltige, für manchen vielleicht fürchterliche Veränderung in unserem Umgang mit dem Weltwissen, vielleicht auch in unserer Wertschätzung desselben klarmachen, der die Meldung begleitet, dass der Brockhaus Verlag der 21. Auflage seiner Enzyklopädie keine weitere gedruckte Ausgabe mehr folgen lassen wird. Wer künftig auf das aktuelle, redaktionell betreute Wissen aus Mannheim zugreifen will, muss dies im Internet tun. Und damit ist eben nicht nur der Medienbruch vom Gedruckten zum Digitalen endgültig beschlossen.
Wiege des Gebrauchswissens
Von Arno Schmidt stammt die ungeheuerliche Bemerkung, dass er "ein ganzes Konversationslexikon von 1845 mit 34 Bänden" zur Abfassung seines Opus magnum "Zettels Traum" habe "Wort für Wort" lesen müssen, "um mein Gehirn in die Falten jener Zeit zu legen". Schmidt meinte den "Pierer", doch die emphatische Attitüde der Verfügung über ein Universalwissen der Zeit, das zugleich seine Epoche abbildet, teilen alle großen Lexika-Projekte vom 18. bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, ganz gleich, ob sie unter den Namen "Brockhaus" (seit 1809), "Pierer" (seit 1822), "Meyer" (seit 1839), "Herder" (seit 1854) angegangen und aufgestellt wurden.
Goethe mokierte sich noch über die damit einhergehende Wissensdemokratisierung: "Konversations-Lexikon heisst’s mit Recht, / Weil, wenn die Konversation ist schlecht, / Jedermann / Zur Konversation es nutzen kann." Gleichwohl wurde das Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts zur Inkunabel des modernen, aufgeklärten, bürgerlichen Gebrauchswissens. Die in Regalmetern gemessenen Ziegel der Enzyklopädiebände formten jene feste Burg des Fortschritts, gegen die roher Aberglaube und Mythos kraft- und wirkungslos anbranden durften.
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![]() 14.02.2008 14:23:41 Dieter_Wondrazil: "Diesen Kommentar können wir leider nicht veröffentlichen." habe schon verstanden, lieber SZ-Zensor. Bringt man Kritik an diesem infantilen Geheule an, wird halt gesperrt. So einfach kann doch die Welt sein! DW ![]()
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