Von Bernd Graff

Das Wissen wirft keine Zeitfalten mehr: Brockhaus wird sein Lexikon künftig nur noch online erscheinen lassen.

Die Brockhaus- Enzyklopädie war zwei Jahrhunderte so etwas wie die Bibel des deutschen Bildungsbürgertums. Das berühmteste deutsche Nachschlagewerk soll es künftig nur noch online geben. (Foto: dpa)

Der Abschied von der Illusion des abgeschlossenen, vollständigen und vollständig verfügbaren Welt-Wissens kam schleichend: Erst packte man das, was man für geordnet und wahr hielt, auf CD-Rom und DVD, also auf Datenträger, deren Inhalte von Einzelplatzrechnern aufgerufen werden. Dann delegierte man es ins Web, überantwortete es anonymen, verstreuten Servern, die jederzeit ausbreiten, was an Wissensnotwendigkeit gerade so anliegt. Aus dem erwerbbaren Eigentum, einem wert- und kunstvollen, akribisch aufbereiteten Schatz ist jetzt schon eine anonyme Instantfunktion für den Alltag geworden, ebenso nützlich wie flüchtig.

Man muss sich diese gewaltige, für manchen vielleicht fürchterliche Veränderung in unserem Umgang mit dem Weltwissen, vielleicht auch in unserer Wertschätzung desselben klarmachen, der die Meldung begleitet, dass der Brockhaus Verlag der 21. Auflage seiner Enzyklopädie keine weitere gedruckte Ausgabe mehr folgen lassen wird. Wer künftig auf das aktuelle, redaktionell betreute Wissen aus Mannheim zugreifen will, muss dies im Internet tun. Und damit ist eben nicht nur der Medienbruch vom Gedruckten zum Digitalen endgültig beschlossen.

Wiege des Gebrauchswissens

Von Arno Schmidt stammt die ungeheuerliche Bemerkung, dass er "ein ganzes Konversationslexikon von 1845 mit 34 Bänden" zur Abfassung seines Opus magnum "Zettels Traum" habe "Wort für Wort" lesen müssen, "um mein Gehirn in die Falten jener Zeit zu legen". Schmidt meinte den "Pierer", doch die emphatische Attitüde der Verfügung über ein Universalwissen der Zeit, das zugleich seine Epoche abbildet, teilen alle großen Lexika-Projekte vom 18. bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, ganz gleich, ob sie unter den Namen "Brockhaus" (seit 1809), "Pierer" (seit 1822), "Meyer" (seit 1839), "Herder" (seit 1854) angegangen und aufgestellt wurden.

Goethe mokierte sich noch über die damit einhergehende Wissensdemokratisierung: "Konversations-Lexikon heisst’s mit Recht, / Weil, wenn die Konversation ist schlecht, / Jedermann / Zur Konversation es nutzen kann." Gleichwohl wurde das Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts zur Inkunabel des modernen, aufgeklärten, bürgerlichen Gebrauchswissens. Die in Regalmetern gemessenen Ziegel der Enzyklopädiebände formten jene feste Burg des Fortschritts, gegen die roher Aberglaube und Mythos kraft- und wirkungslos anbranden durften.

vorherige Seite  vorherige Seite     1 | 2     nächste Seite   nächste Seite

ANZEIGE

mehr ...


Themen

Weitere Artikel in Digital

Leserkommentare (6)



14.02.2008 14:23:41

Dieter_Wondrazil: "Diesen Kommentar können wir leider nicht veröffentlichen."

habe schon verstanden, lieber SZ-Zensor. Bringt man Kritik an diesem infantilen Geheule an, wird halt gesperrt. So einfach kann doch die Welt sein!

DW


Bewerten Sie diesen Kommentar




vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | 2 ältere Kommentare nächste Kommentare

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


maps.sueddeutsche.de
Kaffee? Internet? Oder beides! Kostenlose Hotspots finden auf maps.sueddeutsche.de
Spiele
Es muss nicht immer die Maus sein: Mit Shortcuts geht es oft schneller. Kennen Sie die wichtigsten Tastenkombinationen für Windows?
Im Netz lauern Gefahren: Viren und Würmer bedrohen Ihren Rechner. Dagegen sollten Sie gewappnet sein. Testen Sie Ihr Sicherheits-Wissen.
Was den Deutschen die Klimakatastrophe, ist den Amerikanern "w00t". Das US-Lexikon "Merriam-Webster" hat den Cyberslang-Begriff zum Wort des Jahres gekürt. Was heißt das?
Jeden Tag stolpert der Leser über Zitate von Menschen, die sich zwar berufsbedingt mit dem Internet beschäftigen - dies aber oft mit bemerkenswerter Ahnungslosigkeit. Wir haben die besten Sprüche gesammelt und wollen nun von Ihnen wissen: Wer hat's gesagt?
Bildstrecken
Ein Klick, und die E-Mail ist verschickt. Dumm, wenn der Fehler des Chefs per CC nicht nur an die Kollegen geht. Die zehn peinlichsten Mail-Pannen.
Sie geben Rätsel auf, machen Angst oder sind einfach nur hässlich: Wir zeigen die zehn größten Design-Unfälle der Technik-Geschichte.

Das Ende des Internet steht kurz bevor: zu viel Betrieb, zu wenig Speicher, falsche Leitungen. Bis es aber tatsächlich soweit ist, erwärmen Fehlermeldungen die Herzen der Nutzer. Wir zeigen die schönsten Exemplare.
Jung, sexy und erfolgreich: Die Internetunternehmer im Web-2.0-Zeitalter sind maximal um die 30. Und sie haben schon Millionen verdient.
Zwischen "Pong" und "Doom" liegen zwanzig Jahre Computerspielentwicklung. Dazwischen gibt unzählige Klassiker, die auch heute noch Spaß machen.
Seit vielen Jahren beherrscht Microsft mit Windows den Markt für Betriebssysteme. Wir zeigen die Evolution.
Trends für den Orkus: Höchste Ansprüche und spektakuläres Scheitern liegen oft eng beieinander.
FarCry
Von Super Mario mit Dennis Hopper bis Far Cry mit Til Schweiger: Bei Games-Verfilmungen gehen krude Drehbücher und große Stars oft eine unheilvolle Allianz ein. Die schönsten Flops.
Linux taugt nichts und WLan und Handys verursachen Krebs: Zehn Sätze, mit denen Sie jeden richtigen Nerd zur Weißglut treiben.
Suche
Geben Sie hier einen Suchbegriff ein:
 

ANZEIGE

Innovate!