Zehn Jahre Rechtschreibreform Generation lässig

Ein Hoch auf die Auto-Korrektur.

(Foto: SZ-Grafik)

In der digitalen Welt sind Grammatik-Regeln oft Nebensache. Doch auch für junge Menschen gibt es Bereiche, in denen sie fehlerfreie Sätze sehr schätzen.

Von Johann Osel

Jeder Satz des Experten dröhnt wie ein Donnerschlag, so versetzt ihn die Entwicklung in Rage. Die Sprache werde "von Eseln misshandelt". Alles sei schludrig und knapp formuliert. "Falls einem Narren irgendeine neue orthographische Ungeheuerlichkeit einfällt, die einen Buchstaben erspart, so schreibt er sie sofort hin." Und die Schuld daran? Haben nur die neuen Medien. Die Jugend lese ja stets das Neueste und denke, es handele sich um korrektes Deutsch, sie erlerne in Wahrheit aber "Sprachschnitzer" und "Buchstabengeiz".

Die Tirade stammt von Arthur Schopenhauer, und mit den neuen Medien meinte der Philosoph die Massenpresse, wie sie im 19. Jahrhundert entstand. Hätte Schopenhauer, der notorische Grantler, eine Ahnung davon gehabt, wie heute in abermals neuen Medien wie Facebook oder Whats- app fröhlich Privatrechtschreibungen gepflegt werden - der Schrecken hätte ihn schneller ins Grab gebracht, als es im Jahr 1860 eine Lungenentzündung vermochte.

Ist es ein wiederkehrendes Phänomen, dass über den Verfall der Sprache geklagt wird? Oder kann es tatsächlich sein, dass korrekte Schreibung immer weniger zählt, dass gute Orthografie nicht mehr als Konsens der Gesellschaft gilt? Eine postorthografische Gesellschaft sozusagen. Viel geredet, ja gestritten bis aufs Blut, wurde über die neue deutsche Rechtschreibung.

"Der/die/das Nutella"

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Vor zehn Jahren ist sie an den Schulen in Kraft getreten (in Bayern und Nordrhein-Westfalen dann etwas später), außerdem in Behörden - nach einem schier ewigen Kulturkampf. Gut möglich, dass die Debatte so heute nicht mehr stattfinden würde, weil Rechtschreibung schlichtweg weniger Leute interessiert. Die Reform hat dazu beigetragen, die Parallelschreibungen, das Hin und Her haben die Haltung bestärkt: Egal, irgendwie ist alles erlaubt.

Die Sorge um den Sprachverfall vereint gar frühere Rivalen: Hans Zehetmair, einst bayerischer Kultusminister, Chef des Rats für deutsche Rechtschreibung, laut Bild-Zeitung ein "Rechtschreib-Papst", sowie Friedrich Denk, als "Rechtschreib-Rebell" bekannt gewordener Lehrer, der in seinem Kampf auch gegen Zehetmairs Regierung vor Gericht zog. Papst wie Rebell sehen in der digitalen Welt Gefahren. Von einer "Recycling-Sprache" spricht der CSU-Politiker Zehetmair, er regte sogar mal an, Twitter und dergleichen erst ab 14 Jahren freizugeben. Spricht man mit Friedrich Denk, so kann er noch immer ausführlich über den Eingriff des Staates zetern. Er sagt aber: "Dass die Rechtschreibreform Millionen kosten würde und jahrzehntelange Verwirrung stiften würde, haben wir vorhergesehen. Das viel größere Problem haben wir damals nicht erkannt - das aufkommende Internet, die Computer, an denen vor allem die Jungen ihre Zeit verplempern statt Bücher oder Zeitungen zu lesen." Die Schulen trieben die Kinder heute regelrecht ins Netz, etwa für Recherchen, sie duldeten Fehler als lässliche Sünde.

69 Prozent

der SMS-Tipper meinen, Rechtschreibfehler seien in den Mitteilungen zulässig - ebenso bei Chats oder Whatsapp. Das zeigte jüngst eine Umfrage aus Österreich, die Ansichten in Deutschland dürften ähnlich sein.