Wissenschaftsskandal am Klinikum Ludwigshafen Mediziner manipuliert jahrelang Studien

Der Fall kam durch aufmerksame Leser ins Rollen: In Ludwigshafen hat ein früherer Chefarzt bei der Veröffentlichung von Fachartikeln massiv gegen wissenschaftliche Standards verstoßen. Nun muss er mit Konsequenzen rechnen.

Er machte Tests an Patienten, ohne sie zu informieren: Ein ehemaliger Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen hat einem Untersuchungsbericht zufolge bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen gegen Richtlinien verstoßen und sogar Angaben gefälscht. Nach fast eineinhalbjährigen Nachforschungen legte eine vom Klinikum eingesetzte Kommission am Mittwoch ihren Bericht vor.

Die Fachleute haben 91 Veröffentlichungen untersucht und fanden bei allen Verstöße. Patienten seien nicht zu Schaden gekommen. Doch vollständig sind die Ergebnisse nicht. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Betrug und Urkundenfälschung. Die Klink prüfe derzeit, ob sie zivilrechtliche Schritte einleite, sagte Geschäftsführer Joachim Stumpp.

Dem Bericht zufolge wurden 503 Patienten und Probanden identifiziert, die für Studien des Ex-Chefanästhesisten herhalten mussten. Er habe sie beispielsweise bei Herzoperationen mit Medikamenten behandelt, die Reaktionen beobachtet und sie für seine Veröffentlichungen genutzt. Die Arzneien waren zwar nach Erkenntnis der Kommission alle zugelassen, doch wurden die Patienten vorher nicht gefragt - was vorgeschrieben ist. Auch Proben von Blutspendern seien ohne deren Kenntnis für Tests verwendet worden.

Die tatsächliche Zahl der betroffenen Patienten dürfte noch höher liegen, räumte der Vorsitzende der Untersuchungskommission des Klinikums, der Heidelberger Professor Eike Martin, ein. Doch seien für den Großteil der untersuchten Studien die Unterlagen nicht mehr auffindbar. In einem Fall habe ein Patient eine allergische Reaktion erlitten, die rasch habe behoben werden können. In einem weiteren Fall könne ein solcher Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden.

Zu keiner der 91 Arbeiten gab es den Angaben zufolge eine Zustimmung der bei der Landesärztekammer angesiedelten Ethikkommission. In mindestens zehn Fällen seien außerdem Hinweise darauf gefunden worden, dass wissenschaftliche Standards missachtet wurden - Zahlen waren gefälscht und manipuliert, etwa zum Alter der Patienten. Untersucht wurden Studien, die zwischen 1999 und 2011 veröffentlicht wurden. Wegen weiterer Studien habe es in Gießen Ermittlungen gegen den Arzt gegeben, die eingestellt worden seien, sagte Martin. Er sprach von einem "schweren Fall für die Medizin".

Das Klinikum hatte den Arzt entlassen, nachdem die Betrugsvorwürfe im November 2010 laut geworden waren. Leser einer Fachzeitschrift hatten sich über einen Artikel beschwert. Auch zwei Oberärzte verließen die Klinik. Insgesamt zogen 16 medizinische Fachzeitschriften Artikel zurück.