Wissenschaftler in sozialen Netzwerken Prof. Dr. Twitter-Muffel

Zu wenig Tiefgang, zu unsachlich. Forscher haben jede Menge Vorbehalte gegen soziale Medien.

Wissenschaftler nutzen soziale Medien kaum. Dabei will Bildungsministerin Wanka, dass Forscher ihre Ergebnisse auch populär vermitteln. Doch deren Zurückhaltung hat gute Gründe.

Von Johann Osel

Forscher nutzen Online-Archive und digitalen Speicherplatz sehr gerne, Twitter oder Blogs lieber nicht - weil Zeit und Wissen fehlen, um die Kanäle auch zu bedienen; und weil der Teil der digitalen Welt nicht so recht zur Wissenschaft passt. Ungefähr mit dieser These lässt sich der Umgang von Wissenschaftlern mit sozialen Medien ganz gut auf den Punkt bringen. Das zeigen jetzt Umfragen durch Forscher der Technischen Universität Dresden, über die in ihrer neuen Ausgabe die Zeitschrift Forschung & Lehre berichtet.

Zu den beliebtesten Anwendungen zählen Cloud-Dienste, also das Speichern von Daten auf externen Rechnern. Auch Datenbanken sowie Verwaltungsprogramme zum Beispiel für Literatur werden von mehr als der Hälfte der Befragten eifrig genutzt. Weniger präsent sind Forscher in Blogs und auf ähnlichen Plattformen, Twitter nutzen gerade mal 13 Prozent. Auf Facebook ist zwar gut die Hälfte der Befragten präsent - jedoch fast ausschließlich privat. Als Gründe, warum sie Twitter und Co. meiden, wurde außer fehlender Zeit und Unsicherheit bei der Handhabung genannt: Es gebe keinen Nutzen für die Arbeit. Befragt wurden nicht nur altgediente Professoren, sondern auch jüngere Mitarbeiter und zum Beispiel Doktoranden.

Forschungsergebnisse "Web-2.0-kompatibel"?

Ob die Bundesbildungsministerin das gutheißt? Hatte Johanna Wanka doch kürzlich in einem Interview die Forscher aufgefordert, Ergebnisse in verständlicherer Art und Weise zu veröffentlichen. Eine Art Kommunikationsoffensive: "Es ist nicht anrüchig, sondern notwendig, dass man seine Ergebnisse populär vermittelt", sagte die Ministerin. "Da hat jeder Wissenschaftler auch eine Verpflichtung gegenüber den Steuerzahlern." Viele Steuerzahler dürften heutzutage bevorzugt im Netz Informationen suchen. Niedersachsens Ministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) hat auf einer Tagung mal noch klarer formuliert: Wissenschaft müsse "aus dem Elfenbeinturm heraus", es müssten Formate und Medien bedient werden, "wo sich Gesellschaft und Wissenschaft auf Augenhöhe begegnen können", das "natürlich Web-2.0-kompatibel" und mit dem "Handwerk der Reduktion". Auch staatliche Fördereinrichtungen verlangen schon bei Anträgen, dass die Forscher Pläne einreichen, wie sie ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln gedenken. Geht das denn, wenn der Professor ein Social-Media-Muffel ist?

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Das Nutzerverhalten der Forscher ist nur die halbe Wahrheit. Denn Hochschulen und Institute investieren stark in den Bereich - die Professoren twittern also nur nicht selbst. "Noch nie haben Hochschulen so breit und so professionell kommuniziert wie heute", heißt es vom Verband Hochschulkommunikation, in dem Pressesprecher und Marketingleute organisiert sind. Laut Studien haben gut zwei Drittel der Hochschulen zuletzt ihre Abteilungen aufgestockt; wohl auch mit Social-Media-Experten, fast alle Unis verkünden neue Forschungsergebnisse schon per Twitter oder auf Facebook, vermarkten ihre Professoren als Experten. Unis stehen im Wettbewerb, um Aufmerksamkeit, um Geld. Das Problem, so hört man in der Marketing-Szene: Forscher müssten mitdenken und ihre Inhalte beisteuern. Oft würden Themen mit immenser Relevanz für die Gesellschaft, zum Beispiel medizinische Fortschritte, den Lehrstuhl gar nicht verlassen - und irgendwann nur in der Fachpresse publiziert.

Forscher fürchten die Verknappung auf 140 Zeilen

Weil man als Forscher Angst hat, dass der Tiefgang fehlt in der schnellen Kommunikation? Diese Debatte ist längst im Gange. Unter Federführung der Nationalen Akademie der Wissenschaften warnten Experten: Öffentlichkeitsarbeit an Unis habe mitunter "Unterhaltungscharakter mit Nähe zur Werbung", es drohe die Gefahr, dass die Botschaften verknappt und unsachlich zugespitzt würden. Genau das hat wohl mancher Wissenschaftler im Kopf, wenn er an die 140 Zeichen bei Twitter denkt - und darin keinen Nutzen erkennt.

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