Wissen über den Holocaust "Wir als Lehrer sind gefordert"

Auschwitz? Jeder fünfte Deutsche unter 30 Jahren ist ahnungslos, wenn es um den Holocaust geht, besagt eine neue Studie. Dabei ist der Nationalsozialismus fester Bestandteil der deutschen Schulbildung. Eine Hauptschullehrerin versucht zu erklären, was da falsch läuft.

Interview: Christina Jungkurth

Jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 29 Jahren weiß nicht, dass Auschwitz ein Konzentrationslager war. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des Magazins Stern. Dabei ist der Nationalsozialismus fester Bestandteil der deutschen Schulbildung. Liegt der Grund für die Unwissenheit dort, wo die Schüler die wenigsten Jahre bis zum Abschluss haben - an den Hauptschulen? Ilka Schäfer, 45, unterrichtet Geschichte an der Albert-Schweitzer-Hauptschule in Oberhausen, vorher war sie Lehrerin an einer Realschule.

Süddeutsche.de: Wenn man einen Ihrer Schulabgänger fragen würde: 'Sag mal, was war eigentlich Auschwitz?', könnte der antworten?

Ilka Schäfer: Ja. Das kann ich garantieren. Wenn es nicht so wäre, würde ich es Ihnen auch sagen, da bin ich ehrlich. Aber die wissen das.

Süddeutsche.de: Wie oft und wie umfangreich hat ein junger Mensch, der von Ihrer Hauptschule abgeht, den Nationalsozialismus als Thema im Unterricht gehabt?

Schäfer: Das ist in Nordrhein-Westfalen fester Bestandteil in der neunten und zehnten Klasse. Zuerst fragen wir: 'Was wisst ihr eigentlich zum Thema Zweiter Weltkrieg?' Da kommen dann erst mal Stichwörter wie Adolf Hitler und die offensichtlichen Assoziationen. Wenn ich jetzt in die neunte Klasse reingehen und fragen würde: 'Habt ihr schon mal was von Konzentrationslagern gehört? Oder könnt ihr mir einige nennen?', würden da wohl auch viele sagen: Weiß ich nicht, kenn' ich nicht. Das ist dann aber ein Schwerpunkt im Unterricht.

Süddeutsche.de: Warum haben die Schüler so wenig Vorwissen?

Schäfer: Ich denke, dass das gerade eine Generation ist, die zu Hause nicht nachfragt. In den Familien ist das einfach kein Thema mehr; die Großeltern leben in den wenigsten Fällen noch mit im Haus, und die Eltern sind zeitlich auch schon zu weit entfernt, als dass es sie regelmäßig beschäftigen würde.

Süddeutsche.de: Wie reagieren die Schüler dann auf das Thema?

Schäfer: Am Anfang kommt da schon manchmal: 'Oh nein, schon wieder Nationalsozialismus' - wie die Schüler eben so sind. Aber wenn sie dann damit konfrontiert werden, sieht man schon die Betroffenheit. Ich unterrichte auch Medienerziehung, da können wir in Zusammenarbeit mit einem Oberhausener Kino Filme wie Schindlers Liste oder Napola anschauen. Da merkt man schon die Bestürzung, wenn die Schüler diese Bilder sehen. Wir arbeiten auch mit Lektüre, Rosa Weiß von Roberto Innocenti zum Beispiel oder Anne Franks Tagebuch. Ich bringe zudem Erbstücke aus meiner Familie mit in den Unterricht, als Anschauungsmaterial. Zum Beispiel Bücher oder diese Hitler-Sammelbildchen, die es damals in Zigarettenschachteln gab. Ich finde, das wirkt besser als immer nur das Geschichtsbuch.

Süddeutsche.de: Jahrzehntelang konnten Schüler auch mit Zeitzeugen sprechen, die in die Schulen kamen und erzählen konnten, wie es damals war. 67 Jahre nach Kriegsende gibt es davon aber nicht mehr viele. Wie groß ist der Verlust?

Schäfer: Ich frage mich schon, wie das ohne Zeitzeugen aussehen wird in 20 bis 30 Jahren. Wir hatten schon mehrfach Zeitzeugen bei uns an der Schule. Ein Mal war der Sally Perel bei uns, der Autor von Ich war Hitlerjunge Salomon, der uns aus seinem Buch vorgelesen hat. Da gibt es die Stelle, wo er erfährt, dass seine Schwester tot ist. Eine Schülerin fing bitterlich an zu weinen. Die mussten wir hinterher beruhigen, so ergriffen war sie von dem Erlebten. Außerdem nehmen wir mit den Schülern jährlich am 27. Januar am Holocaust-Gedenktag in Oberhausen teil. Da waren bisher auch viele Zeitzeugen dabei.

Lieber iPhone statt Geschichte

Süddeutsche.de: Wenn der anschauliche Unterricht an Ihrer Schule offenbar so gut funktioniert, wie erklären Sie sich, dass 21 Prozent der jungen Deutschen laut einer Studie im Stern nicht wissen, was Auschwitz ist?

Schäfer: Das kann ich eigentlich gar nicht erklären. Ich war selber schockiert, als ich das gehört habe. Gerade in Zeiten, in denen die Neonazis ein großes Thema in den Medien sind... Ich weiß nicht, wie andere Schulen mit dem Thema umgehen, aber die Lehrpläne sind ja die gleichen. Ich schätze, es liegt weniger am Geschichtsunterricht. Wahrscheinlich ist es einfach Desinteresse, das die aktuelle Schülergeneration prägt. Die Jugendlichen - unabhängig von der Schulform - leben im Moment in einer Ego-Gesellschaft. Was sie interessiert, sind ihr iPhone und ihre Xbox, nicht Politik oder Geschichte. Sie hätten vermutlich gar kein Interesse daran, ihre Großeltern zu fragen, wie es damals war, selbst wenn die alt genug wären, um die Zeit miterlebt zu haben.

Süddeutsche.de: Sind denn nicht genau die Lehrer in der Verantwortung, wenn es darum geht, das Interesse wieder zu wecken?

Schäfer: Natürlich. Ich denke, wir als Lehrer sind da gefordert. Ich weiß nicht, was die Familie da tun kann. Zumal gerade bei uns viele Migrantenkinder auf der Schule sind, in deren Familiengeschichte das Thema Holocaust gar nicht vorkommt.

Süddeutsche.de: Ist der hohe Migrantenanteil vielleicht auch ein Grund für das Ergebnis der Studie?

Schäfer: Das kann sein, zumindest haben Migrantenkinder ein geringeres Vorwissen. Aber im Unterricht sind sie nicht mehr und nicht weniger interessiert als ihre Mitschüler.

Süddeutsche.de: Was bleibt also für Sie und Ihre Kollegen an den Schulen zu tun?

Schäfer: Ich nehme meine Rolle als Geschichtslehrerin da sehr ernst. Wir sollten immer wieder von außen Leute in die Schulen holen, solange es noch geht, und das Thema immer wieder aufgreifen. Ich bin der Meinung, dass sowas wie der Nationalsozialismus jederzeit passieren kann. Und das darf es nicht. Wir müssen einfach aus der Geschichte lernen. Bei unseren Schülern ist es außerdem jetzt Mode, "Jude" oder "Opfer" als Schimpfwörter zu benutzen, daher müssen wir uns ohnehin jeden Tag damit auseinandersetzen.

Süddeutsche.de: Woher kommen diese Schimpfwörter?

Schäfer: Wir haben hier einen hohen Migrationsanteil an der Schule und 'Du Jude' kommt da aus einem muslimisch geprägten Hintergrund, hat also nichts mit dem Holocaust zu tun. Aber wir nehmen das sehr ernst, gehen schnell dazwischen und nehmen uns die Schüler auch vor, weil das nicht geht. Ich persönlich bin jetzt zwar die zweite Generation nach der Nazizeit, aber letztendlich muss ich dafür Verantwortung tragen, dass sowas wie der Holocaust nie wieder passiert. Und dass keine Gruppe, seien es Muslime oder Juden, ausgegrenzt wird.