Wie Kinder sprechen lernen Warum Erwachsene den Nachwuchs nicht ständig korrigieren sollten

Herausforderung im Kindergarten: Kinder lernen zu unterschiedlichen Zeiten sprechen. Doch je mehr ein Erwachsener in einer Dialogsituation auf das einzelne Kind eingeht, desto schneller lernt es. Linguistin Andrea Sens erklärt, wie Erzieher jedem Kind in ihrer Gruppe gerecht werden können.

Interview: Nicola Holzapfel

Kleine Kinder lernen auf viele Arten und Weisen - aber sie lernen immer im Kontext und am besten mit anderen zusammen. Erzieherinnen und Erzieher brauchen Fachwissen und feinfühlige Zuwendung, um die Kinder anzuleiten. Das Magazin des Deutschen Jugendinstituts, Impulse, sprach mit der Erziehungswissenschaftlerin Andrea Sens über Spracherwerb im Kindergarten und das Problem des Korrigierens.

DJI Impulse: Was sollten pädagogische Fachkräfte über die sprachliche Bildung wissen?

Andrea Sens: Beim Spracherwerb geht es nicht nur um Aussprache und Grammatik, sondern auch um die Prozesse der sozial-kommunikativen und sprachlich-geistigen Entwicklung. Nur wer darüber einen breiten Wissensstand hat, kann sinnvolle sprachliche Bildungsarbeit leisten. Entscheidend ist beispielsweise nicht nur die Anzahl der Wörter, die ein Kind sprechen kann, sondern welche Bedeutung es mit den Wörtern verbindet. Um sich ihre Bedeutung Schritt für Schritt erschließen zu können, brauchen Kinder viele sinnliche Erfahrungen mit der Welt. Erzieherinnen und Erzieher sollten zudem die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder einschätzen können. Dafür müssen sie Strategien des Spracherwerbs kennen. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt "Ich habe alles aufgeesst", dann ist dies ein Hinweis dafür, dass das Kind begonnen hat, sich beiläufig mit Regeln der Wortbildung zu beschäftigen. Denn sobald Kinder eine sprachliche Regel entdecken, wenden sie diese erst einmal gnadenlos an. Das ist kein Fehler, sondern ein großer Fortschritt.

DJI Impulse: Es wäre also falsch, das Kind zu korrigieren?

Sens: Junge Kinder explizit zu korrigieren, bietet ihnen keine Hilfestellung im Spracherwerb. Denn Kinder sind sich nicht bewusst, dass sie Sprache erlernen. Sie lernen sie beiläufig im Rahmen bedeutungsvoller sozialer Interaktionen. Sie lernen sie, um mit Sprache etwas zu erreichen. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Eltern diesen Prozess intuitiv unterstützen, wenn sie sich ihrem Kind liebevoll und interessiert zuwenden. Mütter reagieren genau richtig, wenn sie beiläufig ein korrektives Feedback geben. Um beim Beispiel zu bleiben also sagen: "Prima, dass du alles aufgegessen hast."

DJI Impulse: Was bedeutet das für den Alltag im Kindergarten?

Sens: Fachkräfte benötigen eine feinfühlige Dialoghaltung und sollten sich für die Dialogmöglichkeiten im Kindergarten-Alltag sensibilisieren. Im Gegensatz zum familiären Alltag finden sprachliche Bildungsprozesse häufig im Rahmen der Kindergruppe statt. Deswegen muss der Kita-Alltag systematisch nach Sprach-Lern-Situationen durchleuchtet werden. Dadurch kann sich auch zeigen, dass es manchmal die zwei Minuten am Wickeltisch sind, die eine sehr intensive Situation des Sprachlernens ermöglichen.